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Denis Scheck empfiehlt "S" von J.J. Abrams und Doug Dorst

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Denis Scheck empfiehlt "S" von J.J. Abrams und Doug Dorst | Video verfügbar bis 03.10.2020 | Bild: ARD

Wer den Roman "S" lesen möchte, muss als erstes ein Siegel erbrechen an dem schwarzen Schuber, in dem "S" ausgeliefert wird. Das Buch, das man dann herausnimmt, scheint ein altes Bibliotheksexemplar samt Leseschildchen und gestempelter Ausleihekarte eines im Oktober 1949 veröffentlichten Romans zu sein. Sein Autor: V.M. Straka. Sein Titel: "Das Schiff des Theseus".

Was "Das Schiff des Theseus" mit "S" zu tun hat

Man kennt das 'Schiff des Theseus' als Denksportaufgabe der antiken Philosophie. Schon Plutarch fragte, ob ein Schiff, an dem man während seiner Reise Planke um Planke austauscht, bei der Ankunft am Zielhafen noch dasselbe Schiff ist, das seinen Heimathafen verlassen hat. Fragen von Identität und Authentizität, Lüge und Betrug stehen denn auch im Zentrum des Romans "S", der damit beginnt, dass ein Mann aus einer Hafenstadt an Bord eines Schiffes geshanghait wird, dessen Besatzung allesamt vernähte Lippen haben.

"S" von J. J. Abrams und Doug Dorst
"S" von J. J. Abrams und Doug Dorst | Bild: Kiepenheuer & Witsch

Eine zweite Handlungsebene von "S" besteht in dem Austausch von Notizen und Kommentaren zweier angehender Literaturwissenschaftler an den Rändern des Romans "Das Schiff des Theseus", die ihr Wissen um den des Terrorismus verdächtigen mysteriösen Verfasser V.M. Straka und seinen Übersetzer F.X. Caldeira zusammentragen. Gleichzeitig, und das ist der Clou an diesem Buch, nutzen die Literaturwissenschaftler den Bibliotheksband, um sich Kopien und Recherche-Funde zuzuspielen: Briefe, Postkarten, Telegramme, Listen, Zeitungsausschnitte, Landkarten auf Servietten, die alle mit Straka und seinem Roman zu tun haben. Man könnte das als bloßen Gimmick abtun, wären diese Beigaben nicht auf das engste mit der Handlung verzahnt.

"S" ist Leseabenteuer und eine Absage an E-Books

"Wir schreiben mit dem, womit die vor uns schrieben", heißt es an einer zentralen Stelle des Romans. So ist "S" ein Leseabenteuer und eine berührende Liebesgeschichte, eine buchgewordenen Schnitzeljagd, gleichermaßen ein Literaturkrimi wie eine Einführung in die Kryptographie, Detektivspiel und Verschwörungstheorie, ein Buch für alle, die Vladimir Nabokov, Thomas Pynchon und Arno Schmidt lieben – und nicht zuletzt eine saftige Ohrfeige ins Gesicht all der Agenten des Ebooks und der digitalen Verflachung.

Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie "S", den Roman von J.J. Abrams und Doug Dorst, erschienen in der Übersetzung von Bert Schröder und Tobias Schnettler im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Ihr Denis Scheck

Stand: 02.11.2015 08:46 Uhr

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