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Denis Scheck kommentiert die Top Ten

Belletristik

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Die Top Ten | Video verfügbar bis 03.10.2020 | Bild: ARD
Top Ten
Top Ten | Bild: DasErste.de

Diese Bücher haben die Deutschen im Oktober gerne gekauft, aber haben sie sich damit auch eine Gefallen getan? Denis Scheck sagt Ihnen, was er von den Werken auf der Spiegel-Bestseller-Liste "Belletristik" hält.

Platz 10

Harper Lee: "Wer die Nachtigall stört"

Der erst jetzt veröffentlichte Erstling Harper Lees "Geh hin und stelle einen Wächter" – dieses Roman steht auf Platz elf – hat auch diesen Klassiker der amerikanischen Nachkriegsliteratur wieder auf die Bestellerliste katapultiert. 55 Jahre nach seinem ersten Erscheinen begegnet man Scout und Atticus Finch nicht ohne Rührung und auch nicht ohne Respekt vor Atticus' Kampf gegen den Rassismus seiner Umwelt. Doch fällt beim Wiederlesen fällt auch der Abstand zwischen dieser warmherzig erzählten und sehr berührenden Geschichte aus den Südstaaten und echter Weltliteratur von der halluzinatorischen Kraft eines Franz Kafka auf.

Platz 9

Rafik Schami: "Sophia"

Der neue Schami ist in den Jahren vor dem Bürgerkrieg in Syrien angesiedelt und erzählt in starken Bildern von Liebe und Exil. Trotz dieser sozusagen "ewigen" Themen könnte "Sophia" aktueller nicht sein: dieser Roman kleidet die unzusammenhängenden Informationen aus den Nachrichten in ein narratives Gewebe und ermöglicht so zwar kein Verstehen, immerhin aber doch ein Ermessen des Unbegreiflichen.

Platz 8

Isabel Allende: "Der japanische Liebhaber"

"Almas Briefe waren die unverhohlenen und angsterfüllten einer Frau, die unter der Trennung leidet; Ichimeis waren wie stilles, klares Wasser, doch konnte man zwischen den Zeilen den Herzschlag seiner Leidenschaft spüren." Sätze wie diese machen Isabel Allendes neuen Roman über die Liebe einer polnisch-jüdischen Modeschöpferin in Kalifornien zu dem Sohn eines japanisch-amerikanischen Gärtners zu einer Art Urmeter des Schmalzes, des verlogenen Sentiments und der falschen Geschlechtertypisierung. Für Allendes Schilderungen der Judenvernichtung in Polen wurde das Wort  "Holo-Kitsch" erfunden.

Platz 7

Günter Grass: "Vonne Endlichkait"

In diesem letzten Buch mit Lyrik, Prosa und Zeichnungen des im Frühjahr gestorbenen deutschen Literaturnobelpreisträgers ist alles da, wofür man ihn lieben und hassen konnte: seine Sinnlichkeit, seine Wortgewalt, seine Zärtlichkeit, aber auch die terrierhafte Unnachgiebigkeit und der mitunter an eine barocke Drehorgel erinnernde derbe Rechthaber-Sound von Günter Grass. Recht neu ist die Erkenntnis, wie stark sich unsere Wirklichkeit mit Nachrichten über Nazigold-Züge in Polen und einer Million Flüchtlinge in Deutschland sich dem magischen Realistismus von Günter Grass annähert hat.

Einiges hat Grass auch seinen Kritikern noch ins Stammbuch zu schreiben: "Das Buch / wird Euch überleben, Ihr Strichmännchen und Daumen- / schrauber, ihr gesitteten Heuchler und bezahlten Chorsänger, / Ihr nur im Rudel mutigen Kläffer, Euch überschlau studierte / Analphabeten und telegene Scharfrichter, denen – Ihr ahnt es – / das letzte Wort versagt bleibt." Auf lange Sicht bestimmt. Für heute sage ich aber: ein gutes Buch!

Platz 6

Stephen King: "Finderlohn"

Nach "Misery" denkt Stephen King in seinem neuen Kriminalroman erneut über die eigentümliche Bewandtnis zwischen mörderischen Fans und literarischem Ruhm nach. Ende der 70er Jahre wird eine Legende der US-amerikanischen Literatur Opfer eines Raubmords. Vierzig Jahre später findet ein Junge einen Koffer mit über hundert Notizbüchern des gefeierten Autors. Ein spannender Krimi und obendrein eine kluge Meditation über Autor und Öffentlichkeit, Leben und Literatur.

Platz 5

Jenny Erpenbeck: "Gehen, ging, gegangen"

Wie gerade gesehen ein starkes Buch zu einem relevanten Thema und daher mehr als zu Recht auf dieser Bestsellerliste. Ein starkes Buch zu einem relevanten Thema – deshalb darüber gleich mehr im Gespräch mit Jenny Erpenbeck.

Platz 4

Jonathan Franzen: "Unschuld"

Wie lässt sich mit moralischer Integrität im Kapitalismus leben? Sind Internet und DDR zwei Formen von Totalitarismus? Und war die DDR tatsächlich die "Republik des schlechten Geschmacks"? Jonathan Franzen stellt in seinem Roman "Unschuld" diese Fragen, erzählt wie gewohnt von dysfunktionalen Familien, diesmal aber in Ost und West, etwa vom sexsüchtigen Sohn eines ZK-Mitglieds in der DDR, von einem nachvollziehbaren Mord und von einer Frau, die vor einer Milliarde Dollar wegläuft.

Ein Roman, so mitreissend und berührend wie ein Schmöker von Charles Dickens, gleichzeitig so frech wie ein Essay von Slavoj Zizek, ein Fest für alle wahren Leser und ein literarischer Triumph!

Platz 3

Rebecca Gablé: "Der Palast der Meere"

Zum fünften Mal widmet Rebecca Gablé der englischen Adelsfamilie Waringham einen Historienroman, inzwischen ist sie mit ihrer Familiensaga im 16 Jahrhundert zur Zeit von Königin Elisabeth und Francis Drake angelangt. "Nichts verwandelt Menschen in schlimmere Bestien als die Überzeugung ihrer religiösen Überlegenheit", erklärt ein Augenzeuge der Bartholomäusnacht.

Auch wenn die Story um Freibeuter, Sklaverei und den Beginn des britischen Weltreichs  handwerklich solide gemacht und wacker erzählt ist, wünscht ich dieser deutschen Autorin etwas vom auch formalen Wagemut einer Hilary Mantel, um aus der mitunter erstickenden Konventionalität und den Aporien des historischen Romans zu springen.

Platz 2

Dörte Hansen: "Altes Land"

Dörte Hansen besitzt ein gutes Gespür für Psychologie, der sie die bis in die Enkelgeneration nachwirkenden Traumata von Flucht und Vertreibung aufspüren läßt, sowie  einen scharfen soziologischen Blick für die Milieus der "Landlust"-Abonnenten in der Stadt und der Apfelbauern und Aussteiger im Alten Land. Das reicht für eines der angenehmsten Romandebuts dieses Jahres.

Platz 1

David Lagercratz nach Stig Larsson: "Verschwörung"

Dieser vom Vater und Bruder genehmigten Fortsetzung des mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt gestorbenen schwedischen Bestsellerautors der "Milleniums"-Trilogie Stig Larsson haftet mehr als nur ein Rüchlein literarischer Leichenfledderei an. Manche Gerichte schmecken beim Wiederaufwärmen ja besser. Der Investigationsjournalist Mikael Blomkvist und die abgründige Punkerin Lisbeth Salander sind aber literarisches Fast Food von der Sorte Pommes oder Backfisch, die man lieber kein zweites Mal vorgesetzt bekommt.

Wer sich durch die 601 Seiten von "Verschwörung" quält, hat einen mittelmäßigen Schwedenkrimi um Achtjährige mit Asperger-Syndrom, Experten für Künstliche Intelligenz, Big Data und die NSA gelesen und wird die Frage "Darf man das?" mit der Frage "Braucht’s das?" beantworten. Eine schöne Ironie dieser Bestsellerliste liegt darin, dass just Stephen Kings Roman "Finderlohne" auf Platz sechs jene Fragen über Autorschaft, Werktreue und der Abgeschlossenheit eines literarischen Kosmos beantwortet, die die Diskussion über dieses schwache und unnötige Fortsetzung aufwirft.

Stand: 09.07.2019 12:54 Uhr

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