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Stefano D’Arrigo: "Horcynus Orca"

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Denis Scheck empfiehlt Stefano D'Arrigo | Video verfügbar bis 13.04.2020 | Bild: BR

Der Roman, den ich Ihnen heute als allererstes vorstellen möchte, ist der weiße Wal der italienischen Nachkriegsliteratur. Legendenumwoben. Ein Fabelbuch. Immer wieder für unübersetzbar erklärt. Und nun nach zum ersten Mal auf Deutsch, ja überhaupt in irgendeiner Übersetzung erschienen. Schon der Titel zeigt an, dass "Horcynus Orca" von Stefano D' Arrigo etwas Besonderes ist: gemeint ist der Mörderwal, eine Unterordnung der Säugetiere, die auf Latein eigentlich Orcynus Orca heißt. Aber Stefano D' Arrigo ist wie James Joyce, Gertrude Stein oder Arno Schmidt einer der großen Sprachspieler der Weltliteratur und deutet schon im Titel seines Monumentalromans an, dass niemand anderes als er, der Autor, die Regeln hier vorgibt und sich einen Dreck schert um jede Konventionalität.

Ein Mann will eigentlich nur nach Hause...

Worum geht`s in "Horcynus Orca"? Ein Mann will nach Hause, könnte man ganz einfach antworten. Dieser Mann heißt 'Ndrja Cambria, ein armer sizilianischer Fischer, der nach der Landung der Alliierten in Italien in Neapel und der Kapitialtion der Kriegsmarine nun in sein Heimatdorf zurück will. Diese Konstellation erzählt D' Arrigo schon im ersten Satz seines Romans: "Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tages, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose 'Ndrja Cambria, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylle und Charybdis." Da hat 'Ndrja Cambria sein Heimatdorf zum Greifen nah, und doch wird er es auf den folgenden über 1400 Seiten dieser Höllenfahrt von einem Roman nie außer im Traum erreichen.

Alptraum und Geniestreich zugleich

D' Arrigo schildert mit einer unvergesslicher Wortwucht in einer buchstäblich unerhörten Kunstsprache aus sizilianischem Dialekt, alten Sprachschichten, Griechisch, Latein, Französisch ja selbst Arabisch das Grauen des Krieges und der Moderne. Dem Leser begegnet in Szenen, die der Fantasie eines Hieronymus Bosch entsprungen sein könnte, eine fremde, wilde und im Untergang begriffene Welt. Diese ist beherrscht von Zauberinnen wie den schon zu Beginn auftauchenden Feminotinnen, grausamen Killerdelfinen namens Feren und leviathanhaften Geschöpfen wie dem titelgebenden Mördelwal. Darin sind wir Menschen wehr- und machtlos höheren Mächten und stärkeren Elementen unterworfen. Eindringlicher sind die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs in den Seelenlandschaften der Bevölkerung nicht geschildert worden. Ein Alptraum von einem Roman, ein Geniestreich, eine literarische Sensation! Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Stefano D' Arrigos "Horcynus Orca" in der deutschen Übersetzung von Moshe Kahn, erschienen bei S. Fischer.

Stand: 13.04.2015 09:07 Uhr

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