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Denis Scheck empfiehlt Roberto Bolaño

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Denis Scheck empfiehlt Roberto Bolaño | Video verfügbar bis 02.09.2023 | Bild: dpa / Leemage

In Spanien starb vor etwas mehr als 15 Jahren am 14. Juni 2003 Roberto Bolaño, während er auf eine Spenderleber wartete. Da war er 50 Jahre alt und auf der Höhe seiner Kreativität. Das Schicksal Roberto Bolaños, der spätestens seit seinem Großwerk "2666" auch in Deutschland heimisch geworden ist, sollte uns empathiebegabte Leserinnen und Leser nicht nur dazu bewegen, endlich unsere Hintern hochzukriegen und uns einen Organspendeausweise zu besorgen. Es ist auch Anlass, sich vor Augen zu führen, dass der Chilene Roberto Bolaño neben dem Amerikaner David Foster Wallace einer der beiden Autoren ist, die der Weltliteratur zu Beginn des 21. Jahrhunderts die kräftigsten und langfristig wirksamsten Impulse gegeben haben. Beide sind nicht mehr am Leben, Wallace starb durch eigene Hand 2008. Aber sowohl Wallace als auch Bolaño haben einen gewaltigen Nachlass hinterlassen, und aus Bolaño Nachlass ist jetzt auf Deutsch ein früher Roman erschienen: "Der Geist der Science Fiction".

Bolaños "Fraktale Literatur"

Cover: "Der Geist der Science Fiction"
Cover: "Der Geist der Science Fiction" | Bild: S. Fischer Verlage

Geschrieben hat Bolaño das über 200 Seiten starke Buch 1984. Es spielt in Mexiko City und besteht wie immer bei Bolano aus mehreren eher lose miteinander verflochtenen Textsträngen. Im Mittelpunkt stehen zwei hoffnungsvolle Nachwuchsdichter. Einer von ihnen, Jan Schrella mit Namen, schreibt Briefe an seine amerikanischen Lieblingsautoren, allesamt Stars der Science-Fiction-Szene wie James Tiptree Jr., Ursula K. LeGuin – auf die wir heute noch zurückkommen – oder Robert Silverberg. Dieser Bezug auf andere Autoren und Werke ist bei Bolaño Methode, seine Bücher gehen immer aus anderen Büchern hervor, Intertextualtität heißt das fachsprachlich.

Die spanische Literaturkritik erfand für Bolaños Art zu schreiben den Ausdruck "Fraktale Literatur". Was bedeutet fraktale Literatur? Bolano hat die Eigenart, sich in seinem Werk quasi selbst zu kannibalisieren. Er kommt immer wieder auf Motive, Figuren, Handlungskonstellationen und -orte früherer Texte zurück, verändert und erweitert ihren Kontext und stellt so neue Texte her. Deshalb ist es besonders reizvoll, nun diesen frühen Roman Bolaños in Händen zu halten. Es ist alles da, was Bolaños Größe ausmacht. Nur nicht unbedingt an dem Ort und in dem Umfeld, wo wir es erwarten. Dieser Roman glüht vor Lebenshunger und Kreativität, man spürt in jeder seiner Zeilen die Radikalität, poetische Kraft und ja, auch die Frechheit eines großen Dichters. Also vertrauen Sie mir und lesen Sie "Der Geist der Science Fiction" von Roberto Bolaño, deutsch von Christian Hansen, erschienen bei S. Fischer.

Stand: 03.09.2018 09:01 Uhr

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