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Denis Scheck empfiehlt: "Solneman der Unsichtbare"

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Heute möchte ich Ihnen als allererstes eine ebenso intelligente wie amüsante Frechheit von einem Buch vorstellen. "Solneman der Unsichtbare" heißt es, Alexander Moritz Frey sein Autor, und es erzählt von einem mysteriösen Fremden, der eines Tages in einer deutschen Kleinstadt auftaucht. Der Mann kleidet sich exzentrisch, sein Auftreten und seine Ausdrucksweise sind ebenso skurril wie sein Name: Hciebel Solneman. Und ausgefallen ist auch der Vorschlag, den er den Stadtoberen unterbreitet: Solnemann möchte den Stadtpark kaufen und bietet dafür eine atemverschlagende Summe. Denn dieser Hciebel Solneman, soviel wird bald klar, ist ein Krösus, ein internationaler Finanzmagnat, der die Rothschilds und Rockefellers locker aussticht. Man wird sich handelseinig.

Reichtum provoziert. Enormer Reichtum provoziert enorm. Und so bereuen die braven Bürger bald den Verkauf. Denn Solneman baut als erstes eine 30 Meter hohe Mauer um den Park mitten in der Stadt und treibt allerlei Hallodri: mal fährt er Autorennen auf der Mauerkrone, mal baut er sie zu einer Wasserstraße für seine Sportjacht um, mal schickt er eine verkleidete Affendame in ein Luxushotel. Solnemans anarchistische Spaßattacken reizen die biederen Bürger bis zur Weißglut. Niemand weiß, wie er genau aussieht, denn Solnemann tritt immer nur in Verkleidung auf. Seine Extravaganz, sein Verzicht, sich mit seinen Mitbürgern in irgendeiner Weise gemein zu machen, treiben sie bald zur Raserei. Verschwörungstheorien blühen. Solneman wird zur Projektionsfigur ihrer verklemmten Phantasien, sie trauen ihm hinter seiner Mauer buchstäblich alles zu: von Sodomie über Kannibalismus bis hin zu Mord. Und als sie auch noch merken, dass sein Name Hciebel Solneman ein Palindrom ist, das von hinten gelesen "Namenlos lebe ich" lautet, kennt ihre Wut keine Grenzen mehr.

Und jetzt der Clou: Geschrieben wurde dieser taufrisch wirkende Text unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs von einem jungen Mann Anfang 30. Alexander Moritz Frey mokiert sich mit großer Spottlust über die Korruptheit der bürgerlichen Welt, aber auch über die Korruptheit des Gefühls und inszeniert in seinem Roman ein bitterböses Fest der literarischen Hochkomik. Selbst den Kaiser narrt Solneman, als er die Kleinstadt besucht und den Mysteriösen kennenzulernen wünscht – um ihn, so möglich, anzupumpen. Hciebel Solneman ist eine buchstäblich unvergessliche Figur. Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie "Solneman der Unsichtbare" von Alexander Moritz Frey, erschienen mit einem Vorwort von Sibylle Lewitscharoff im Elsinor Verlag.

Stand: 31.10.2021 23:35 Uhr

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