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Denis Scheck empfiehlt: "Murmeljagd"

PlayDenis Scheck empfiehlt "Murmeljagd" von Ulrich Becher
Denis Scheck empfiehlt: "Murmeljagd" | Video verfügbar bis 23.02.2025 | Bild: ARD

Heute möchte ich Ihnen ein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk der deutschsprachigen Literatur vorstellen. "Wissen Sie, gnädige Frau, es hat wirklich gar keinen Sinn, sentimental zu sein." Unter den Anfängen der großen Romane des 20. Jahrhunderts müsste dieser erste Satz von Ulrich Bechers "Murmeljagd" einen Ehrenplatz einnehmen.

Dieser Ulrich Becher, 1910 geboren, begann als Maler und war der einzige Meisterschüler von George Grosz. Den Nazis stach er aber als Autor ins Auge mit seinem ersten Erzählungsband "Männer machen Fehler", der 1933 als entartete Literatur verbrannt wurde und Becher zur Emigration zwang, die ihn über viele Stationen nach Brasilien und schließlich in die Schweiz führte.

Dort, in der Nähe von Sankt Moritz, spielt die 30-tägige Handlungszeit von "Murmeljagd". Unser Held Albert Trebla entstammt altem österreichischen Adel und hat sich als Kommunist zusammen mit seiner Frau nach dem sogenanten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 den Nazis durch Flucht entzogen. Nun tauchen in der Schweiz aber zwei junge Österreicher auf, angeblich Jäger, die auf Murmeltiere aus sind, die im Kanton Graubünden ja tatsächlich gejagt werden. Aber Albert Trebla ahnt, dass sie eher ihn im Visier haben, was in Trebla, dem vielgejagten, eine atemberaubende Paranoia auslöst, bis er als "Murmeltierjägerjäger" beschließt, sich zur Wehr zu setzen.

"Murmeljagd" ist eine große Sprachoper. Souverän bedient sich Becher Soziolekten und Dialekten, mischt Berlinerisches mit Schweizerdeutsch und Wienerisch, versetzt das mit Englisch, Italienisch und Französisch und dreht das durch seinen spätexpressionistischen Fleischwolf zu einer unwiderstehlichen Suada, die vielstimmig davon erzählt wie eine Gesellschaft dem Faschismus anheimfällt. Wie das Böse sich in allen zwischenmenschlichen Räume einnistet. Wie Gewalt und Dummheit triumphieren. Von der Ohnmacht der Opfer, von der Würde des Widerstands und vom Lebenswillen: davon erzählt "Murmeljagd". Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Ulrich Bechers Roman "Murmeljagd", erschienen mit einem Nachwort von Eva Menasse im Verlag Schöffling & Co.

Stand: 23.02.2020 19:07 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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