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Denis Scheck kommentiert die Top Ten

Belletristik

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Die Top Ten: Belletristik | Video verfügbar bis 12.04.2020 | Bild: BR

Platz zehn

Sabine Ebert: "1815 – Blutfrieden"

Aufgabe des historischen Romans ist bekanntlich nicht unbedingt zu zeigen, wie es war, sondern wie es sich angefühlt hat. Dies gelingt Sabine Ebert punktuell, meist aber reichen ihre sprachlichen Mittel dazu nicht aus: "Mit Schaudern blickte der König von Sachsen auf das Elend der Stadt, die zum Austragungsort der größten Schlacht der Menschheitsgeschichte geworden war. (…) Fast glaubte er, wieder den stechenden Geruch von Schießpulver in der Nase zu spüren."

Auf dieser literarischen Flughöhe bewegt sich Sabine Eberts über tausendseitge Nacherzählung der Zeit von der Völkerschlacht von Leipzig bis Waterloo. Eberts Erkenntnisse sind banal, ihre Einsichten in die Gefühlswelt ihrer Protagonisten flach, ihr Evangelium der Barmherzigkeit nicht mehr als ein Vorwand zur Erzeugung wohligen Schauders qua historischem Katastrophentourismus.

Platz neun

Klaus Modick: "Konzert ohne Dichter"

Dieses Buch bringt den längst verdienten Durchbruch für einen großen deutschen Erzähler. Klaus Modick führt in seinem brillanten Künstlerroman am Beispiel des Malers Heinrich Vogeler und des Dichters Rainer Maria Rilke ins Zentrum der Frage, inwieweit kreatives Schaffen moralisches Versagen kompensiert – und fächert mit leichter Hand dabei ein Universum menschlicher Möglichkeiten auf.

Platz acht

Jan Weiler: "Kühn hat zu tun"

Martin Kühn geht viel durch den Kopf. Seine Tochter will ein Pony, irgendein seltsamer Schimmelpilz breitet sich im Keller seines Münchner Vor-Vorstadthäuschens aus, das er noch lange nicht abbezahlt hat, sein Sohn driftet zu den Rechten ab, als Kriminalhauptkommissar stößt er auf diverse Karriereschwierigkeiten – und dann ist da noch die Sache mit dem Serienkiller, der ihm eine Leiche quasi vor die Haustür legt. Ein Gesellschaftsroman in Form eines Krimis: bestechend einsichtsreich und obendrein vergnüglich.

Platz sieben

Amos Oz: "Judas"

Ein herausragender Roman – darüber daher mehr in einem extra Beitrag.

Platz sechs

Dörte Hansen: "Altes Land"

Dieser Familienroman spielt auf zwei Zeitebenen. Dörte Hansen erzählt vom langen Treck aus Masuren am Ende des Zweiten Weltkriegs und von den harten Herzen in der neuen Heimat bei den Apfel- und Kirschbauern im Alten Land. Nebenbei entlarvt sie höchst pointenträchtig die Ideologie der neuen Landlust unserer Gegenwart. Mitunter liest sich das wie zwar ein wenig wie Edgar Reitz "Heimat" im Zeitraffer, aber weil es Dörte Hansen rundum gelingt, auf Niveau zu unterhalten. deshalb ist "Altes Land" ein tolles Debut!

Platz fünf

Jan Wagner: "Regentonnenvariationen"

Noch geschehen Zeichen und Wunder in der deutschen Literatur: Ein Lyrikband wird dank der Auszeichnung mit dem Leipziger Buchpreis auf die Bestsellerliste katapultiert! Hat der 1971 geborene Jan Wagner das mit diesem Buch verdient? Und ob! Jan Wagner verbindet die souveräne Formbeherrschung eines Durs Grünbein mit dem Humor eines Robert Gernhardt, in seinen Gedichten läßt sich das Knausergesicht von Koalabären entdecken, die Gier im Giersch und die Weltwahrnehmung eines Dachshunds: Bitte mehr davon! Und ab morgen stehen bitte auch Uljana Wolf, Ulf Stolterfoht, Nico Bleutge, Hnas Thill, Ror Wolf, Sabine Scho und Daniela Seel auf der Bestsellerliste!

Platz vier

Michael Houllebecq: "Unterwerfung"

In seinem meisterhaften Science-Fiction-Roman erzählt Houllebecq von einem Frankreich des Jahres 2022, in dem sich die politische Linke und die Rechte Marie LePens gegenseitig blockieren, so dass ein Moslem Präsident wird und mit Hilfe arabischer Petrodollars das öffentliche Leben islamisiert. Prüfe ein jeder Herz: Wer würde angesichts einer Vervierfachung seiner Bezüge nicht den Gedanken einer Konversion ins Auge fassen? Schlauere als ARD-Literaturkritiker haben längst erkannt: "Hätt Allah mich bestimmt zum Wurm, So hätt' er mich als Wurm geschaffen."

Platz drei

Lucinda Riley: "Die Sieben Schwestern"

Lange habe ich keine so dämliche Schwarte mehr lesen müssen: Nach dem Tod ihres viele Millionen schweren Genfers Adoptivvaters erhalten sechs Schwestern Nachricht von ihrer wahren Herkunft. Band eins der von Lucindy Riley angedrohten Romanserie läßt die älteste Schwester ihre Familiengeschichte in Brasilien und Paris recherchieren. Ergebnis: ein Geld-Porno, ein stümperhafter Roman, ein Buch, das seine Leser für dumm verkauft. Ein typischer Satz in dieser in unerträglichem Psychogebabbel geschriebenen Schmonzette lautet: "Zu meinem Erstaunen fand ich trotz der erschütternden Geschichte wenig Schmerz in mir." Das kann ich von mir nicht behaupten..

Platz zwei

Martin Suter: "Montecristo"

Zwei echte 100-Frankenscheine mit der gleichen Seriennummer bringen einen Boulevardreporter, der eigentlich Drehbuchautor ist, auf die Spur einer Bank, die ihren Cheftrader ermorden ließ, um einen Milliardenverlust zu vertuschen. Suters Roman ist routiniert erzählt, ingesamt aber nicht mehr als die Bonsai-Version eines internationalen Finanzthrillers, die jedes Schweiz-Klischee bestätigt: bräsig, provinziell, phantasielos.

Platz eins

Jussi Adler-Olsen: "Verheißung"

Ein Polizist, der jahrelang an einem ungeklärten Verbrechen recherchiert hat, jagt sich am Tag seiner Pensionierung eine Kugel durch den Kopf, sein Sohn schneidet sich kurz darauf die Pulsadern auf und am Ende nimmt sich seine geschiedene Frau das Leben, nicht ohne dass der Verdacht zwischendurch auf einen Esoterikguru fällt, dessen Mitarbeiterin eine Serienkillerin aus Eifersucht ist. Soviel zur Plausibilität der Handlung. Darüber hinaus ist dieser an den Haaren herbeigezogener Quatsch psychologisch unglaubwürdig und sprachlich unterkomplex. Kurz: Der neue Adler-Olsen ist ganz der alte.

Stand: 13.04.2015 09:07 Uhr

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