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Thomas Pynchon: "Bleeding Edge"

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Denis Scheck empfiehlt: Bleeding Edge von Thomas Pynchon | Video verfügbar bis 06.10.2019 | Bild: HR

Denis Scheck empfiehlt: "Bleeding Edge" von Thomas Pynchon

Niemand, der je einen Roman von Thomas Pynchon in die Hand genommen hat, kann überrascht sein von den erschreckenden Ausmaßen des durch Whistleblower wie Edward Snowdon aufgedeckten NSA-Skandals. Denn das kleine Evangelium nach Thomas Pynchon, jenes Autors, der sich zeit seiner Karriere konsequent aller Öffentlichkeit entzieht, lautet: unsere Regierungen sind unsere Feinde.

Überwacht und bevormundet

Wir werden auf Schritt und Tritt überwacht, gegängelt und bevormundet. Wechselnde Obrigkeiten kriminalisieren Anonymität und Privatsphäre aus wechselnden Motiven. Terroristen sind die Taktgeber der Repression. Die Paranoia der Geheimdienste ist längst zum Modus unseres öffentlichen Lebens geworden. Genau das ist der Stoff, aus dem Thomas Pynchon seit über fünf Jahrzehnten seine große Romane schöpft – ein beeindruckendes Werk, das für viele den 1937 geborene Autor von Romanen wie "Die Enden der Parabel" oder "Gegen den Tag" zum plausibelsten US-amerikanische Anwärter auf den Literaturnobelpreis macht.

Paranoia als Triebmittel

"Es ist der erste Frühlingstag des Jahres 2001" lautet der Beginn des ersten Satzes von "Bleeding Edge", Pynchons jüngstem Roman, der hier in New York spielt und die Anfänge des Internetzeitalters zum Thema hat. Es entspricht quasi der seinem ganzen Werk eingeschriebenen DNA, daß sich der Prophet der Paranoia Thomas Pynchon über kurz oder lang jenem Stoff zuwenden mußte, der die destruktiven Seite der USA am stärksten zum Vorschein brachte: die Terroranschläge des 11. Septembers 2001. "Paranoia ist der Knoblauch in der Küche des Lebens – man kann nie genug davon haben", so Pynchon in "Bleeding Edge".

Ein Buch, das man nicht zusammenfassen kann

Jeder Versuch einer inhaltlichen Zusammenfassung eines Pynchon- Romans ist ein Witz in sich. Aber im Fall von "Bleeding Edge" gibt es tatsächlich so etwas wie das pochende Herz dieses Romans. Es ist ein Gespräch zwischen der Heldin Maxine Tarnow und ihrem Vaters auf Seite 420, ein Mann, den die vermeintlich beschauliche Eisenhower-Ära geprägt hat und der weiß, dass diesem amerikanischen Biedermeier der Horror des nuklearen Wettrüstens zugrunde lag. "Dein Internet war dessen Erfindung", sagt ihr Vater mit Blick auf die Wurzeln des Internet im militärisch-industriellen Komplex.

"Es gibt keine Unschuld. Nirgendwo. Hat nie welche gegeben. Das Internet ist eine Ausgeburt der Sünde. Der schlimmstmöglichen. Während seines Wachstums hat es unablässig in seinem Herzen einen bitterkalten Todeswunsch für den ganzen Planeten gehegt, und glaub bloß nicht, irgendwas hätte sich seither verändert, Schätzchen." Für solche Sätze muß man Thomas Pynchon lieben. Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Thomas Pynchons Roman "Bleeding Edge", erschienen in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren im Rowohlt Verlag.

Stand: 10.11.2015 14:50 Uhr

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