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Denis Scheck empfiehlt Michael Chabon: "Moonglow"

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Denis Scheck empfiehlt Michael Chabon: "Moonglow"  | Video verfügbar bis 25.03.2019 | Bild: dpa / Rolf Vennenbernd

Spannende Handlungen zu erfinden: gut und schön. Aber einen Satz so schreiben, dass man einfach weiterlesen muss: damit fängt Literatur an. Zu den größten Stilisten der Gegenwart zählt für mich der Amerikaner Michael Chabon. Keinem gelingt die magische Fusion zwischen Popkultur und Hochliteratur so überzeugend wie dem 1963 geborenen Chabon. Das Handlungspersonal seiner Romane sind Angestellte von Plattenläden und Hebammen, Comiczeichner in New York, Söhne von Mafia-Buchhaltern oder niemand geringerer als Sherlock Holmes. Immer aber stattet Michael Chabon sie mit einer eigenen unverwechselbaren Sprache aus und knüpft Motivteppiche, deren Muster so sublim abgestimmt sind wie bei Vladimir Nabokov.

In seinem Roman "Moonglow" macht sich Michael Chabon ein wenig lustig über unser vom vermeintlich Realen trunkenen Zeitalter und über Kollegen wie Karl Ove Knausgard, deren Werke scheinbar ohne jede Erfindung den Alltag selbst mitschreiben und so eine irgendwie ehrlichere, authentischere, direktere Art von Literatur schaffen.

Worum geht es?

Cover von Michael Chabon: "Moonglow"
Cover von Michael Chabon: "Moonglow" | Bild: Kiepenheuer & Witsch

Chabon schreibt in "Moonglow" über einen Schriftsteller namens Michael Chabon, dessen Großvater ihm während seiner zehn letzten Lebenstage seine Lebensgeschichte erzählt: Wie er als amerikanischer Soldat den Raketenwissenschaftler Wernher von Braun in Nazi-Deutschland jagte, wie er sich in eine französische Holocaust-Überlebende verliebte, wie er Spielzeug-Raketen herstellte und erleben musste, dass der für die Massenmorde im Konzentrationslager Mittelbau Dora mitverantwortliche Wernher von Braun in den USA Karriere machte und Menschen zum Mond schickte, aber, wie Chabon schreibt, "auf die falsche Weise".

Es gab schon einmal einen Roman in der US-amerikanischen Literatur über die deutsche Raketenwissenschaft: Thomas Pynchons grandioses "Die Enden der Parabel". Michael Chabon erweist Pynchon in "Moonglow" Reverenz, und ihm gelingt das Kunststück, einen Roman vorzulegen, der den Vergleich damit aushält – und das heißt nichts anderes, als selbst ein Meisterwerk geschaffen zu haben. Chabons Text beglückt, weil er erzählerische Phantasie und historische Faktentreue verbindet und damit einen wohltuenden Gegenpol zur narzisstischen Nabelschau und mitgekritzeltem Alltagkskram von Knausgard & Co bildet.

Also vertrauen Sie mir und lesen Sie "Moonglow", den neuen Roman von Michael Chabon, erschienen in der deutschen Übersetzung von Andrea Fischer bei Kiepenheuer & Witsch.

Stand: 26.03.2018 00:05 Uhr

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