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George R. R. Martin: Der Vater von Feuer und Eis

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George R. R. Martin: Der Vater von Feuer und Eis | Video verfügbar bis 05.05.2024 | Bild: ARD

Sollten Ihnen Westeros, die Sieben Königslande und Königsmund böhmische Dörfer sein, müssen Sie die letzten sieben Jahre in Medienquarantäne auf dem Mond verbracht haben. Die ganze Welt liegt derzeit wieder im Game-of-Thrones-Fieber. Ausgedacht hat sich die Welt von Westeros George Raymond Richard Martin. Dass sein Name dieselben Mittelinitialen wie Tolkiens aufweist, ist Zufall. Dass der 70-jährige George R. R. Martin es auch was die Verkaufszahlen anlangt, mit dem Schöpfer von Mittelerde aufnehmen kann, nicht.

1996 veröffentlichte Martin unter dem Titel "A Game of Thrones" den ersten seines auf sieben Bände angelegten Romanzyklus "A Song of Ice and Fire". 23 Jahre später warten wir angefixten Leser immer noch auf die ausstehenden beiden Bände. Schon bei meinem ersten Besuch für Druckfrisch 2012 in Santa Fe sprach ich Martin darauf an.

Ich kenne George R.R. Martin seit Anfang der 80er Jahre. Damals war Martins Karriere gerade auf ihrem absoluten Tiefpunkt angelangt. "Armageddon Rag" hieß der Auslöser des Desasters. Es gibt nicht wenige Martin-Leser, die diesen Roman um eine fiktive Rockband, den nach den Ringgeistern aus Tolkiens "Der Herr der Ringe" benannten Nazgûls, für seinen besten halten. Nur wollte ihn niemand kaufen. Dabei hatten Martin und sein Verlag gerade mit diesem umfangreichen und anspruchsvollen Buch darauf spekuliert, endlich den Massenmarkt zu erobern.

Literarische Weltenbauer verlangen Mühe ab

Aber "Armageddon Rag" wurde eine totale Pleite, und die Katerstimmung war danach so groß, dass Martins Agent mit dem Exposé für seinen nächsten Roman Verlag um Verlag abklapperte, ohne dass irgendein Lektor anbiss. So kam es, dass der mit Preisen überhäufte George R.R. Martin mit Ende dreißig als Schriftsteller kommerziell gescheitert war. In den USA gibt es für solche Autoren einen Ort. Dieser Ort heißt Hollywood.

Zehn Jahre arbeitete sich Martin dort in der Fernsehhierarchie nach oben, vom einfachen Autor für Serien wie "The Twilight Zone" zum Executive Producer von "Beauty and the Beast", und sanierte so seine zerrütteten Finanzen. Dann veröffentlichte er den ersten Band von "Ein Lied aus Eis und Feuer". Zugegeben, der Einstieg in Martins Romanwelt erfordert einiges an Aufmerksamkeit und Konzentration, so wie alle literarischen Weltenbauer von Tolstoi bis Tolkien ihren Leserinnen und Lesern anfangs durchaus Mühe abverlangen. Doch das Suchtpotential ist enorm. Einmal am Haken, legt man Martins Bücher nicht mehr aus der Hand – was nicht zuletzt daran liegt, dass diese Romane verblüffend politisch sind.

Die Unterhaltungsindustrie gewinnt scheinbar gegen die Literatur

Eine überzeugendere Einführung in den Ausgleich widerstreitender Interessen, das Schmieden großer Koalitionen, das Spinnen von Intrigen und die hohe Kunst des Kompromisses lässt sich in der Spannungsliteratur der Gegenwart nicht finden. Aus diesen Romanen kann man mehr über den politischen Alltag erfahren als aus der Zeitung. Und was mit diesen Romanen im Fernsehen geschieht, ist ebenfalls ein Lehrstück über unsere Gegenwart. Nun hat die Unterhaltungsindustrie also scheinbar den Sieg über die Literatur davongetragen und für die Fernsehserie ein Ende gefunden, ehe der Autor mit seinen Romanvorlagen so weit war.

Kann man sich ein treffenderes Schlaglicht auf die Kultur des infantilen Konsumismus denken, die auf die sofortige Befriedigung ihrer Bedürfnisse beharrt? Im Fall von "Game of Thrones" verzichtet man eben auf die Differenzierung, die letztlich jede Kunst ausmacht, Hauptsache die Kasse stimmt und die Serie findet pünktlich ihr Ende. Über Serien sprach ich auch mit George R.R. Martin bei unserem zweiten Treffen für Druckfrisch 2014 in London.

Stand: 05.05.2019 18:14 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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