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Peter Richter: "89/90"

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Peter Richter: 89/90 | Video verfügbar bis 13.04.2020 | Bild: BR

Im deutschen Feuilleton ist ja immer wieder gern nach dem großen Wenderoman gerufen worden, nach einem Buch also, das die Fakten und Folgen der Wiedervereinigung in literarisch angemessener Weise würdigt. Und auch wenn natürlich dauernd Bücher erscheinen, die so gründlich wie unterhaltsam die jüngere deutsche Geschichte behandeln, ist es doch ganz hübsch, dass jetzt einer der Vertreter eben dieses Feuilletons einen Roman veröffentlicht, der jenen so oft beschworenen Sommer der Wende erzählt, der Journalist Peter Richter nämlich, Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in New York – und gebürtiger Dresdener.

Er war 1989 erst sechzehn Jahre alt, und so ist das wichtigste deutsche Ereignis der letzten Jahrzehnte hier natürlich nicht im gemessenen Ton des Historikers beschrieben, sondern als große, funkelnde Party.

»Als der Sommer kam, der die Welt verändern sollte, drapierte ich mein Bettzeug so, dass es aussah, als läge jemand darin, öffnete das Fenster und sprang in die Nacht. Das war keine große Sache; wir wohnten im Hochparterre. Unter dem Fenster wuchs schon kein Gras mehr deswegen.  (…)
Wir würden sechzehn werden in diesem Sommer, erst S. und dann ich, und dann wäre der Spaß vorbei, da waren wir uns sicher. Dann entfiele der Kitzel, glaubten wir, die Furcht, einem Lada der Volkspolizei vor die Scheinwerfer zu geraten, wenn wir mit Wein und Whisky und Wermut aus dem Keller vom Vater auf dem Weg waren zu irgendwelchen Mädchen, in deren Zimmer wir einstiegen, weil die auch noch nicht schlafen wollten. Denn wir waren viel zu jung zum Schlafen damals, wir kamen gar nicht dazu, jedenfalls nicht in den Nächten.«

Das Buchcover von "89/90"
Peter Richter: "89/90"

So fängt es an, und die Frische, mit der hier etwas daher kommt, dass sich später als Ereignis von europäischem Rang erweisen sollte, ist neu, vielversprechend und mitreißend. Die alte DDR sieht in diesem Roman ganz anders aus, logisch irgendwie, gemütlich auch, fremd sowieso, und völlig grotesk natürlich, so dass man beim Lesen gar nicht auf die Idee kommen kann, irgendeiner Form der Ostalgie zu verfallen.

Man wundert sich schließlich auch überhaupt nicht, dass diese DDR tatsächlich schon kurz nach jenem Sommer Geschichte war. Und Geschichte ereignet sich ja, wie Karl Marx wusste, immer zweimal, einmal als Tragödie, einmal als Farce. Die Farce zum Untergang der DDR hat nun Peter Richter geschrieben. Und das ist auch ziemlich gut so.

Stand: 13.04.2015 09:07 Uhr

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