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Saša Stanišić: "Herkunft"

PlaySaša Stanišić hat mit "Herkunft" ein poetische Reflexion über Heimat vorgelegt.
Saša Stanišić: "Herkunft" | Video verfügbar bis 17.03.2024 | Bild: Katja Sämann

Ein kleines Dorf in Jugoslawien, eine Straße, die nach Josip Broz Tito benannt ist, selbstgestrickte Jäckchen, Nierenbohnen, die warme Hand der Großmutter: Alles nichts Außergewöhnliches, und doch ganz einzigartig. Denn es ist Heimat, und zwar die Heimat des Schriftstellers Saša Stanišić. Und: All das gibt es schon lange nicht mehr. Der Staat Jugoslawien ist in einem Krieg auseinandergeflogen, sein Bürger Saša Stanišić vor den Kämpfen nach Deutschland geflüchtet, die Bohnen sind gegessen, Großmutter ist längst tot, die Erinnerungen drohen zu verblassen. Zeit also, das alles aufzuschreiben.

„Die Geschichte begann mit dem Schwinden von Erinnerung und mit einem bald verschwundenen Dorf. Sie begann in Gegenwart der Toten: Am Grab meiner Urgroßeltern trank ich Schnaps und aß Ananas. Die Luft roch nach Regenwürmern, nach der Milch des Löwenzahns, nach Kuhscheiße, je nachdem. Die verstreuten Häuser aus Kalkstein und Buche dem Hausberg und dem Wald aus dem Bauch geschnitten. Schön vielleicht. Auch nach der Schönheit habe ich Gavrilo gefragt, den Schweinezüchter Gavrilo, den Jäger Gavrilo, ob er Oskoruša je schön gefunden hat."

Herkunft prägt, im Guten wie im Schlechten

"Die Schönheit, von der Schönheit seiner Frau abgesehen, sei ihm immer egal gewesen, sagte er und küsste Marijas Schulter. Ich war mir sicher, er würde etwas Nüchternes anfügen, einen Spruch über die ewige Schufterei, den Boden, die Ernte, doch Gavrilo schenkte sich bloß Schnaps aus einer Cola-Flasche ein und setzte sich auf das Grab.“

Die wenigsten verbringen ihr Leben noch da, wo sie geboren sind. Vielleicht ist ein bisschen Migration ja auch ganz gut und hilfreich für die Entwicklung der Menschheit. Was Saša Stanišić uns zeigt: Wir dürfen dabei nicht vergessen, wo wir herkommen. Denn es prägt uns, im Guten wie im Schlechten, und nur wenn wir uns an das Vergangene erinnern, können wir in die Zukunft schauen. Das Großartige an diesem Buch aber ist, dass es nicht nur eine poetische Reflexion über Sprache, Duft, Essen, Landschaft, über Heimat und die dazugehörenden Gefühle ist, sondern auch eine zarte, berührende, wunderschöne Erzählung: Über ein Dorf, über eine Reise, und über eine Großmutter natürlich.

Stand: 17.03.2019 17:20 Uhr

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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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