SENDETERMIN So, 26.10.14 | 23:35 Uhr | Das Erste

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden

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Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden | Video verfügbar bis 27.10.2019 | Bild: Das Erste

Sie sind jung und sie sind voller Zukunftsträume: Die drei Esten Juudit, Edgar und Roland. Doch jeder von ihnen verfolgt einen anderen Traum:  Juudit  sehnt sich nach einem sorgenfreien Leben in  Liebe und Wohlstand, ihr Mann Edgar plant seine Karriere, egal in welchem Regime und auf wessen Kosten, während sein Cousin Roland sich dem Freiheitskampf für seine estnische Heimat verschrieben hat.

Zwischen Untergrund und Besatzung, Liebe und Verrat

Estland zwischen 1941 und 1965: Juudit fühlt sich vom Leben betrogen. Ihr Ehemann Edgar scheint kein Interesse an ihr zu haben und verweigert ihr jegliche Zärtlichkeit. Um den estnischen Freiheitskämpfern einen Gefallen zu tun, sucht Juudit den Kontakt zu den Nazis, die ihr Land besetzt haben. Sie soll Informationen über den Kriegsverlauf sammeln und ausspionieren, welche Erkenntnisse die Nazis über den estnischen Widerstand im Untergrund haben. Dabei verliebt sich Juudit in den deutschen Offizier Helmut, der ihr eine gemeinsame Zukunft in Deutschland verspricht. Während Judiith von einem Leben fern der Heimat träumt, versucht ihr skrupelloser Mann Edgar mit den Nazis zu kollaborieren. Er verschafft sich eine neue Identität und verrät seine Landsleute an die Besatzer. Einer dieser Freiheitskämpfer gegen die deutsche Besatzung ist Edgars Cousin Roland, der unter anderem Hilfe für Flüchtlinge aus dem besetzten Land nach Finnland organisiert.

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden
Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden | Bild: Kiepenheuer & Witsch

Nach dem Kriegsende ist Estland von den Sowjets besetzt. Edgar gelingt es auch in diesem System, ins Zentrum der Macht vorzudringen. Willfährig bespitzelt er nun für die neuen Herren vermeintliche Oppositionelle des Sowjetregimes. Bei der Begegnung mit einer jungen Studentin, beginnt sich der Kreis um Edgar, Juudit und Roland zu schließen.

Sittengemälde einer Gesellschaft

Sofi Oksanen schildert den Lebensweg drei schicksalhaft miteinander verbundener Menschen, die sich unter zwei verschiedenen Besatzungsmächten behaupten müssen. "Als die Tauben verschwanden" erzählt am Beispiel seiner Protagonisten vom alltäglichen Leben in Estland, das durch die politischen Umbrüche zum Spielball seiner Nachbarn wird. Durch die geschickt miteinander verwobenen Erzählstränge entwirft Sofi Oksanen das Panorama charakterlicher Abgründe auf der einen und moralischen Handelns auf der anderen Seite. So entsteht das Sittengemälde einer Gesellschaft, in der familiäre Bindungen kein Garant mehr sind für den menschlichen Zusammenhalt, in der Solidarität und Widerstand zu Existenzfragen werden und Kollaboration, Verrat sowie Korruption zur Überlebensstrategie und einzigen Erfolgsgarantie.

Estlands Trauma so aktuell wie nie

"Als die Tauben verschwanden" ist Sofi Oksanens vierter Roman und mit "Fegefeuer" (2008/deutsch 2010) der zweite, der sich mit der estnischen Nationalgeschichte auseinandersetzt. Die Erstauflage des neuen Romans von 100.000 Exemplaren war nun die größte in der Geschichte Finnlands überhaupt. Die Schriftstellerin, 1977 geboren als Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, sieht in der Besatzungszeit durch die Nazis und die Sowjetunion die größten unverarbeiteten Traumata des kleinen Nachbarn Russlands. Seit der Annexion der Krim durch Russland fühlen sich die Baltischen Staaten wieder einmal in ihrer Souveränität bedroht. Sofi Oksanen wendet sich mit ihrem Roman auch an den Westen und appelliert daran, Estlands Angst vor der Propaganda Putins und dem Expansionswillen Russlands ernst zu nehmen.

Stand: 13.11.2014 12:32 Uhr

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