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Denis Scheck kommentiert die Top Ten: Sachbuch

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Die Top 10 | Video verfügbar bis 19.12.2020 | Bild: ARD

Platz 10

Tilman Lahme: "Die Manns" (S. Fischer, 478 S., 24,99 €)

Tilmann Lahme wählt für sein Buch, in dem er erstmals auf die neu aufgefundene Familienkorrespondenz zurückgreifen kann, die Form einer ab 1922 erzählten Jahreschronik. Diese Form des Und-dann-und-dann-und-danns ohne jede interpretatorische Einordnung überzeugt mich nun gerade nicht. Die Geschichte von Katia und Thomas Mann und ihrer sechs Kinder ist aber so faszinierend, dass Tilmann Lahmes "Die Manns" – in meinen Augen eben keine Familienbiographie, sondern eher eine Materialsammlung zu einer solchen – ihre Leser dennoch in den Bann zu schlagen vermag.

Platz 9

Astrid Lindgren: "Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Deutsch von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs, Ullstein, 573 S., 24 €)

Das Besondere an den Kriegstagebüchern der Schöpferin von Pipi Langstrumpf und den Brüdern Löwenherz ist, wie sich darin individuelles und kollektives Leid durchdringen. Im Sommer 1944 wird Astrid Lindgren von ihrem Ehemann verlassen. "Ich befinde mich in einer verzweifelten Seelenqual, das Herz tut mir so weg", schreibt sie am 19. Juli 1944. "Trotzdem will ich mich zwingen, auch etwas darüber zu schreiben, was in der Welt passiert." Ein Buch, an dem man wachsen kann.

Platz 8

Manfred Lütz: "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden" (Gütersloher Verlagshaus, 192 S., 17,99 €)

"Das Glück ist zum Fast-Food-Produkt geworden, schnell noch mal vor dem nächsten Leid happy sein, vor dem nächsten Fehltritt und sowieso vor dem Tod", so der Psychiater Manfred Lütz in diesem klugen Essay. Erfreulicherweise erweist sich Lütz darin nicht als Evangelimann der Glücksratgeberliteratur, sondern beharrt darauf, dass Glück ohne Sinn nicht zu haben und letzterer nur individuell zu finden ist.

Platz 7

Navid Kermani: "Ungläubiges Staunen" (C.H. Beck, 303 S., 24,95 €)

Mit dem gebildeten Moslem Navid Kermani durch die Schatzkammern der christlichen Kunst zu streifen, mit ihm Hans Memling, Stefan Lochner oder Hieronymus Bosch zu entdecken und etwa anlässlich einer Darstellung der Kreuzigung Petri von Caravaggio auf die Haltung zu kommen, die Saddam Hussein bei seiner Exekution an den Tag legte, ist eines der großen intellektuellen Vergnügen unserer Zeit. Ein außerordentlich einsichtsreiches, ein außerordentlich schönes Buch.

Platz 6

Peter Scholl-Latour: "Mein Leben" (C. Bertelsmann, 444 S., 24,99 €)

Es ist nur eine halbe Autobiographie geworden, die Peter Scholl-Latour vor seinem Tod im August 2014 fertigstellen konnte, zudem eine, die vor der Schilderung "innerster Seelenzustände" ebenso zurückschreckt wie vor "erotischen Aventüren". Doch ist Peter Scholl-Latour darin ganz enthalten: der faszinierende Zeichner von Menschenbildern, der Sammler sprechender Augenblicke, der Mann mit dem Blick für überraschende historische und politische Zusammenhänge. Mit seinen Lesern durchschreitet er in diesem ungewöhnlich diskreten Buch noch einmal seine Wissens- und Wirkungskreise. Meine Neugier auf den Menschen Scholl-Latour ist während der Lektüre gewachsen, genau wie mein Respekt vor dem Journalisten, der sich nie zu "Effekthascherei" und zur "Befriedigung des Massengeschmacks" herabließ. Ein Buch, das einem den Glauben an den Journalismus zurückgeben kann.

Platz 5

Franz Alt und der Dalai Lama: "Der Appell des Dalai Lama an die Welt" (Benevento, 56 S., 4,99 €)

Dass der Dalai Lama im Interview mit Franz Alt die Einsicht äußert, eine Welt mit mehr Ethik und weniger Religion wäre eine bessere Welt, ist eine hübsche Pointe der Aufklärung. Die Erheiterung darüber vermag aber nicht über die aufgepimpte Redundanz dieses Interviewbändchens hinwegzutrösten.

Platz 4

Andreas Englisch: "Der Kämpfer im Vatikan" (C. Bertelsmann, 384 S., 19,99 €)

Diese sich journalistisch gerierende, über weite Strecken jedoch vollkommen daherfabulierte Kaffeesatzleserei eines deutschen Vaticanista kommt in meinen Augen in Sätzen von stupender Faktendichte ganz zu sich. Ein Beispiel: "Es scheint eiskalt zu werden in der Sala Clementina, als Papst Franziskus zu Punkt acht kommt." Oder: "Vatikanstadt, 13 März 2013: Es ist kalt an diesem Abend." Oder: "Mir wurde eiskalt." Oder, ein später Höhepunkt auf Seite 300: "Mir wurde plötzlich eiskalt." Sagen wir so: Dieses Buch und ich sind nie richtig warm miteinander geworden.

Platz 3

Jürgen Todenhöfer: "Inside IS" (C. Bertelsmann, 286 S., 17,99 €)

Mit dem eigenen Sohn zehn Tage lang durch das Herrschaftsgebiet des Islamischen Staats zu reisen, ist ein für den Menschen Jürgen Todenhöfer typisches Husarenstück, dem ich den Respekt nicht verwehren kann. Auch wenn sich der journalistische Erkenntnisgewinn in Grenzen hält, wächst beim Lesen doch Abscheu und Ekel vor dieser modernen Gottespest namens IS.

Platz 2

Helmut Schmidt: "Was ich noch zu sagen hätte" (C.H. Beck, 239 S., 18,95 €)

Kunst, so erfahre ich aus diesem schönen letzten Buch von Helmut Schmidt, habe ihm und seiner Ehefrau Loki zeit ihres Lebens zur "Verjüngung der Seele" gedient. Dieses seelische Jugendlichkeit erklärt die hohe Attraktivität dieser beiden Menschen, die das bürgerliche Ideal der Bundesrepublik geprägt haben.

Platz 1

Peter Wohlleben: "Das geheime Leben der Bäume" (Ludwig, 224 S., 19,99 €)

Peter Wohlleben ist studierter Forstwirt und ein abtrünniger Beamter der Landesforstverwaltung. In dieser Fundgrube dendrologischen Wissens läuft Wohlleben insbesondere zu Hochform auf, wenn er gegen den Altersrassismus im Wald anargumentiert: "Alt bedeutet bei Bäumen", so Wohlleben, "nicht schwach, gebeugt und anfällig, sondern ganz im Gegenteil schwungvoll und leistungsstark. Baumgreise sind demnach deutlich produktiver als Jungspunde und im Zusammenhang mit dem Klimawandel wichtige Verbündete der Menschen." Ein gutes Buch über den deutschen Sehnsuchtsort Nummer eins.

Stand: 10.07.2019 09:33 Uhr

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