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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik | Video verfügbar bis 25.02.2023 | Bild: ARD

Platz 10: Marc-Uwe Kling: "QualityLand"

Diese amüsante Science-Fiction-Satire gibt es in zwei Versionen: einer dunklen und einer hellen, die Story ist dieselbe, nur die fingierten Werbeanzeigen unterscheiden sich. Mir persönlich ist die dunkle Version mit den etwas zynischeren Witzen natürlich lieber. Marc Uwe Kling erzählt von einem Deutschland, in dem es unendliche Optionen, aber keine echte Wahl mehr gibt, keine Bürger, nur mehr Kunden, nur noch Markt, keine Freiheit – eine Zukunft, die erschreckend nahe an unserer Gegenwart ist.

Platz 9: Dan Brown: "Origin"

Krude Religionskritik, verpackt in eine wirre Handlung um den Mord an einem atheistischen Millionär, zu dessen Aufklärung Brown seinen Symbologen Robert Langdon von einer Touristenattraktion Spaniens zur nächsten stolpern läßt. Langweiliger, vorhersehbarer Schrott.

Platz 8: Mariana Leky: "Was man von hier aus sehen kann"

25 Jahre lässt uns Leky am Leben von Luise teilnehmen, die bei ihrer Großmutter Selma in einem kleinen Dorf im Westerwald aufwächst. Immer wenn Selma nachts von einem Okapi träumt, kündigt dies einen Tod im Dorf an. So sympathisch skurril sind die meisten Figuren dieser Gescichte, deren eigentliche Hauptfigur das Westerwälder Dorf ist. Ein schön schräger Heimatroman.

Platz 7: Sebastian Fitzek: "Flugangst 7a"

Dieses absurd wirre, schlampig konstruierte, lieblos heruntergeschriebene klischeestrotzende Buch ist ein Paradebeispiel für jenen geistlosen Schund, den man in der Regel auf deutschen Bestsellerlisten findet. Dennoch vermag auch so ein Buch noch eine nützliche Funktion zu erfüllen – zum Beispiel als Warnung vor möglichen Geschlechtspartnern, auf deren Nachttisch sowas liegt.

Platz 6: Maja Lunde: "Die Geschichte der Bienen"

Maja Lunde erzählt drei Geschichten zwischen dem 19. Jahrhundert in den USA und dem China des Jahres 2098 und lenkt unseren Blick auf die Bedeutung der Bienen für uns Menschen. Nicht immer frei von Stereotypen, letztlich aber aktuell und erhellend.

Platz 5: Haruki Murakami: "Die Ermordung des Commendatore – Band eins: Eine Idee erscheint"

Nihonga: so heißt ein Ende des 19. Jahrhunderts entwickelter Malstil, der japanische und westliche Traditionen verbindet. In das Haus eines greisen Meisters dieser Maltechnik zieht der Held im neuen Murakami. Seine Frau hat ihn nach sechs Jahren Ehe urplötzlich verlassen. Auf dem Dachboden des Spukhauses entdeckt er ein Bild, das die Ermordung des Commendatore aus Mozarts Oper "Don Giovanni" zeigt – und das den Maler regelrecht in Bann schlägt. Damit beginnt ein Kammerspiel über Geister und Kunst, das bis ins Konzentrationslager Treblinka führt, virtuos inszeniert von jenem Meister der einfachen Sätze und komplexen Gedanken, dessen Werk selbst für die Verschmelzung westlicher und japanischer Traditionen steht. Das einzige Haar in der Suppe: Dies ist nur ein halbes Buch. Die zweite Hälfte des Romans erscheint am 16. April. Und deshalb ist dies auch nur eine halbe Kritik - Fortsetzung folgt.

Platz 4: Daniel Kehlmann: "Tyll"

Ein geistfunkelndes Meisterwerk und ein echter Triumph der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Sprachtrunken, bildersatt und verzaubert bin ich Daniel Kehlmanns Narr in die Welt des 30jähirgen Krieges gefolgt. Wenn Sie aus irgendeinem Grund die Freude an der Literatur verloren haben, mit diesem Buch lässt sie sich wiedergewinnen.

Platz 3: Bernhard Schlink: "Olga"

Kein Meer zu tief, kein Berg zu hoch, keine Distanz zu weit als dass Bernhard Schlink in seinem neuen Buch davor zurückschreckte. Aber die Idee, die Folgen deutscher Großmannssucht im 19. und 20. Jahrhundert vom Herero-Aufstand bis zu 1968 aus der Perspektive einer zugegeben imponierenden deutschen Frau namens Olga Rinke zu erzählen, ist einfach zu mechanisch. Bernhard Schlink hat die Rolle von Siegfried Lenz als biederer Langweiler der deutschen Gegenwartsliteratur geerbt. Dieser Platz hätte gern verwaist bleiben können.

Platz 2: Jojo Moyes: "Mein Herz in zwei Welten"

Louisa, die nicht unter sonderlichen Geistesgaben leidende Heldin aus den Vorgängerromanen "Ein ganzes halbes Jahr" und "Ein ganz neues Leben", schaut sich in diesem dritten Band mit riesengroßen Stauneaugen an ihrem neuen Arbeitsort New York um. Über die und die dort wohnenden Schönen, Reichen und Berühmten gelangt sie zu grundstürzenden Einsichten wie: "Ich erkannte, dass Mr. Gopnik in einer Welt lebte, in der Geld und Status weit über allem anderen standen." Moyes tischt eine Schlachtplatte fettester Klischees über den Big Apple auf, die Verkommenheit der Reichen und die Herzensgüte der Armen.

Platz 1: Elena Ferrante: "Die Geschichte des verlorenen Kindes"

Der Abschluss des grandiosen Romanquartetts um zwei Freundinnen aus Neapel, deren Lebenswege aufgrund unterschiedlicher Herkunft sehr unterschiedlich verlaufen, obwohl beide talentiert sind. Nun hat sich die eine als clevere Unternehmerin durchgesetzt, die andere als einflussreiche feministische Autorin: Doch das Neapel ihrer Kindheit und ihre Liebesprägungen lassen sie nicht los.

Etwas flach, mäkeln einige Beckmesser. Ich finde nicht. Ferrante hat mit diesem Welterfolg ein großes Sittenbild Italiens von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart geschaffen, ästhetisch befriedigend, politisch anregend, süffig zu lesen.

Stand: 01.08.2019 07:38 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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