SENDETERMIN Mo, 17.12.18 | 00:05 Uhr | Das Erste

Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

PlayDenis ScheckDenis Scheck
Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik | Video verfügbar bis 16.12.2023 | Bild: DasErste.de

Und jetzt aus den unendlichen Bücherhallen in der Heiligen Stadt Köln: die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Belletristik.

Platz 10: Carmen Korn: "Zeitenwende"

Eine Romantrilogie über vier Freundinnen aus Hamburg-Uhlenhorst und 80 Jahre deutscher Zeitgeschichte von der Weimarer Republik über die Nazizeit, das Wirtschaftswunder, die deutsche Teilung und AIDS. Furchtbar gut gemeint, furchtbar schlecht geschrieben – was zu Sätzen führt wie: "Eine Familie, die auf zwei Weltkriege, drei Konzentrationslager, vier Jahre in einer Justizvollzugsanstalt, fünf Jahre Kriegsgefangenenlager im Ural und die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung kommt, kann eine Krankheit wie deine kaum erschüttern." Literatur auf "Lindenstraßen"-Niveau …

Platz 9: Christian Berkel: "Der Apfelbaum"

Auf der Literatur dieses Landes lastet ein Fluch: der Fluch des schreibenden Schauspielers. Manuskripte, die sonst keine Chance hätten, werden veröffentlicht, weil die Verlage klug mit der im Kino oder Fernsehen erworbenen Popularität der Autoren rechnen. Aber ich muss zugeben: Dieser Christian Berkel hat in "Der Apfelbaum" eine spannende Geschichte zu erzählen – seine eigene Familiengeschichte. Und auch wenn die Konstruktion dieses Romans mitunter kräftig klappert, hat mir unterm Strich dieser facettenreiche Berliner Familienroman zwar nicht gefallen, aber immerhin imponiert.

Platz 8: Jonas Jonasson: "Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten"

Fortsetzungen sind ja – man denke nur an das "Alte Testament" im Vergleich zum "Neuen Testament" – meist eine große Enttäuschung. Dieser Roman ist eine Ausnahme. Sollte Ihnen das Verhalten Angela Merkels in letzter Zeit merkwürdig erschienenen sein, Jonas Jonassons zweiter Roman um den über Hundertjährigen Allan Karlsson erklärt Ihnen alles … eine augenöffnende Lektüre!

Platz 7: Charlotte Link: "Die Suche"

Mal abgesehen davon, dass dieser Krimi langweilig, unglaubwürdig und vorhersehbar ist – ich gebe zu, Charlotte Link ist für mich ein Phänomen: Wie kann jemand so erfolgreich sein, der so taub für die Regeln der deutschen Sprache ist und Sätze schreibt wie: "Auf Caleb wirkte Brendan allerdings nicht wie einer, der reihenweise Mädchen ermordete, aber er wusste, dass man sich täuschen konnte. Er hatte ganz offensichtlich ein Problem mit Frauen." Vermögen Sie nach diesen Sätzen zu entscheiden, wer, Caleb oder Brendan, in diesem Roman ein Problem mit Frauen hat? Ich habe jedenfalls leider nicht nur Probleme mit Frauen, sondern Probleme mit den Romane von Charlotte Link. 

 Platz 6: Walter Moers: "Weihnachten auf der Lindwurmfeste"

Dieses Buch ist eine Mogelpackung: eine mühsam auf Buchlänge aufgepimpte Satire über Weihnachten auf Schülerzeitungs-Niveau, das erste Werk von Hildegunst von Mythenmetz, das mich mächtig enttäuscht, oder in Mythenmetz eigenen Worten: "die unterste Wassermarke der Lindwurmkultur." Aber ein Genie wie Walter Moers darf auch mal schwächeln.

Platz 5: George R. R. Martin: "Feuer und Blut"

Nicht wenige Deutsche kennen sich dank "Game of Thrones" zwischen Dorne und Königsmund, Casterlystein und den Eiseninseln besser aus als auf der Schwäbischen Alb und im Sauerland.  Während wir Süchtigen nach wie vor vergeblich auf die ausstehenden Abschlussbände der Romanvorlage "Das Lied von Eis und Feuer" warten, liefert uns Martin ein fiktionales Geschichtswerk über die Eroberung Westeros durch die Targaryens aus der Feder des Erzmaesters Gyldayn. "Feuer und Blut" verhält sich zu "Game of Thrones" wie Tolkiens "Silmarillion" zum "Herrn der Ringe": Phantasielose Konsumenten werden meckern, für echte Fans ein vorgezogenes Weihnachten!

Platz 4: Dörte Hansen: "Mittagsstunde"

Dieser Roman erzählt von einer über Jahrhunderte dominierenden und inzwischen ausgestorbenen Lebensform: dem deutschen Dorf. Dörte Hansen gelingt mit "Mittagsstunde" das erstaunliche Kunststück, sowohl auf der SWR-Bestenliste wie auf der Spiegel-Bestsellerliste zu stehen: Das gleicht der Vermählung von Feuer und Wasser. Bravo!

Platz 3: Lucinda Riley: "Die Mondschwester"

"Das Mondkalb" wäre der passendere Titel für diesen fünften Band der Reihe um sieben Schwestern, die nach dem Tod ihres Adoptivvaters auf der Suche nach ihrer Herkunft rund um die Welt reisen. Diesmal steht eine vegane Zoologin im Mittelpunkt, die gleich zu Beginn des Romans auf eine Seifenkiste steigt und predigt, predigt, predigt, unterdessen einen schottischen Lord kennenlernt, der nebenbei noch Kardiologe ist und ein riesiges Anwesen in den Highlands besitzt, dann auf den Spuren ihrer Großmutter, einem Flamenco-Star, ins spanische Granada gelangt, alles über ihre Herkunft herausfindet und schließlich das Anwesen des schottischen Lords sowie jede Menge Wildkatzen und Hirsche rettet. Eine Kitschorgie, die Jagdlust auslöst.

Platz 2: Sebastian Fitzek: "Der Insasse"

Auch der neue Fitzek bietet wieder pure sich an Gewalt aufgeilende Prosa. Was mich an diesem Buch über einen Kindermörder und den Vater eines Opfers, der sich in die geschlossene Psychiatrie einweisen lässt, um an den Täter heranzukomme, neben den unerträglichen Gewaltszenen anwidert,  ist seine Sprache – dieselbe Sprache, die das sogenannte "gesunde Volksempfinden" und seine politischen Repräsentanten sprechen. Was will uns Sebastian Fitzek sagen mit Sätzen wie, Zitat: "Aber da man in Deutschland in einem Rechtsstaat lebte, war bereits die Androhung von Folter strafbar. Selbst einem Monster gegenüber." Wäre es besser, nicht in einem Rechtsstaat zu leben? Wäre es besser, wenn Folter legal wäre? Dies ist kein Roman, dies ist eine Kloake.

Platz 1: Nele Neuhaus "Muttertag"

In "Muttertag" geht es um einen Serienkiller, der ein ungeliebtes Heimkind war, weshalb er seine Opfer bevorzugt am Muttertag umbringt, um die Schwester von Kriminalhauptkommissarin Pia Sander, die in einer lesbischen Beziehung mit Sanders Vorgesetzten lebt, um einen Schäferhund mit dem Biernamen Beck’s, der um ein Haar verdurstet wäre …  Doch genug der Nacherzählung. Wenn ich viel, sehr viel oder noch viel mehr als sehr viel Glück habe, währt mein Leben noch zwanzig, dreißig, vierzig Jahre. Für Bücher dieser Art ist es aber in jedem Fall zu kurz.

Stand: 17.12.2018 08:54 Uhr

22 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mo, 17.12.18 | 00:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
Radio Bremen
für
DasErste