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Denis Scheck kommentiert die Top Ten

Sachbuch Bestseller

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Die Top Ten: Sachbuch | Video verfügbar bis 06.10.2019 | Bild: HR

Platz 10
Volker Weidermann: "Ostende 1936 – Sommer der Freundschaft"

Einige der edelsten Köpfe der vor den Nazis ins Exil geflohenen Autoren wie etwa Stefan Zweig, Joseph Roth und Irmgard Keun treffen sich drei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in einem belgischen Seebad. Es ist mir ein Rätsel, wie dieser eindeutig fiktionale Text auf einer Sachbuchliste landen kann. Aber auch als Literatur bleibt "Ostende 1936" blass, weil Weidermann weder stilistisch das Niveau seiner Figuren erreicht noch ihr Zusammentreffen episch zu gestalten vermag. Entstanden ist so die Schilderung eines Promiauftriebs an der Nordsee - und eine dröge Nachhilfestunde in Exilliteratur.

Platz 9
Susanne Fröhlich und Constanze Kleis: "Diese schrecklich schönen Jahre"

Eines der stärksten Argumente, jung zu sterben, ist dieses im Logorrhö-Stil enervierenden Dauergeplappers geschriebene Buch übers Älterwerden. "Wenn du merkst, dass du auf einem toten Pferd sitzt, steig ab!" zitieren die Autorinnen eine angebliche Weisheit der Dakota-Indianer. Das hält sie aber nicht davon ab, ihre Runzel-Ich-Masche totzureiten. Trauriger Höhepunkt ist die begeisterte Schilderung einer Behandlung mit Botox und Hyaluronsäure. Immerhin, der Ansatz ist nicht ganz falsch: Susanne Fröhlich und Constanze Kleis sollten tatsächlich dringend irgendwas mit ihrem Kopf machen.

Platz 8
Reinhold Messner: "Über Leben"

Selten habe ich ein so überzeugendes Plädoyer für Freiheit, Spiel und Eigenverantwortung gelesen wie diese in 70 Kurzkapiteln zu Stichworten wie "Sprache", "Kunst" oder "Schönheit" gegliederten Memoiren Reinhold Messners. "Wir Menschen sind nicht dazu 'berufen', einem Beruf nachzugehen", schreibt Messner, "wir haben eine 'Aufgabe' im Rahmen unserer Familie, aber keine 'Bestimmung', so wenig Pflanzen oder Tiere eube solche haben."
 

Platz 7
Matthias Weik, Marc Friedrich: "Der Crash ist die Lösung"

Seit der letzten Bankenkrise muß sich der Berufstand der Finanzapokalyptiker keine Sorge um sein Auskommen machen. So auch Matthias Weik und Marc Friedrich, die in ihrem populistisch argumentierenden Buch vor dem in ihren Augen unweigerlichen Zusammenbruch unseres Bankensystems warnen und Anlagen in Sachwerten propagieren. Ob man diese in einer Welt nach dem großen Crash allerdings wirklich genießen können wird, darf man bezweifeln.

Platz 6
Peter Hahne: "Rettet das Zigeuner-Schnitzel!"

"Millionen Stammtischbrüder werden diffamiert," schreibt Hahne in seinen Kolumnen aus der „Bild-am-Sonntag“ und regt sich wie immer in schrägen Sprachbildern darüber auf, daß "man den 'Stammtisch' aus dem rhetorischen Arsenal und damit in den Dreck zieht." Also nenne ich dieses dumpfe Machwerk eben kein Sammelsurium von Stammtischparolen, sondern ein Potpourri von Latrinenlosungen.

Platz 5
Kracht, Malchow (Herausgeber): "Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland 1944"

Christian Kracht und Helge Malchow haben einen grandiosen Text von Deutschlandexperten aus dem britischen Außenministerium dem Vergessen entrissen. Dieser Crashkurs in Geschichte und Mentalitätsgeschichte der Deutschen stellt allen Lesern die heikle Frage nach ihrer nationalen Identität. Was heißt Deutschsein heute? Es wäre zu hoffen, daß Bundeswehrsoldaten in Auslandseinsätzen Texte auf ähnlichem Niveau im Gepäck haben.

Platz 4
Ferdinand von Schirach: "Die Würde ist antastbar"

Gesammelte Aufsätze aus dem „Spiegel“ über Fragen wie der nach den ethischen Implikationen der Tötung Osama bin Ladens. Als Essayist überzeugt mich der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach weit mehr denn als Prosa-Autor. „Die westliche Welt, ihre Freiheit und ihr Selbstverständnis“, schreibt von Schirach, „wird nicht an Autobahnmaut, Steuererhöhung oder Pflegeversicherung entschieden – sie entscheidet sich am Umgang mit dem Recht.“

Platz 3
Wilhelm Schmid: "Gelassenheit"

Ganz unaufgeregt leuchtet der Straßenphilosoph Wilhelm Schmid in diesem kleinen Büchlein über Altersrassismus einer dem Jugendwahn verfallenen Gesellschaft kräftig heim.

Platz 2
Charlotte Link: "Sechs Jahre"

Die Schwester von Charlotte Link hieß Franziska und stirbt im Alter von 46 Jahren nach sechsjährigem Kampf gegen ihre Krebserkrankung an einer Lungenblutung. Ich bin kein Freund der in meinen Augen oft kitschigen Romane von Charlotte Link. In diesem bewegenden Buch hat sie ihrer Schwester ein Denkmal gesetzt, ihre Anklageschrift gegen die Unmenschlichkeit und Blindstellen unseres Krankenhaussystems verdient allen Respekt.

Platz 1
Peter Scholl-Latour: "Der Fluch der bösen Tat"

Mitunter konnte seine Rechthaberei nerven. Aber niemand hatte eben so oft recht wie Peter Scholl-Latour. Und niemand vermochte die Welt packender und präziser zu erklären. Seine Erklärungen waren immer auch Erzählungen - von seinen unermüdlichen Reisen, von den historischen Wurzeln heutiger Konflikte, von seinen Erfahrungen mit Menschen und Mächten. In diesem letzten Buch leistet Scholl-Latour gewohnt meinungsstark und fundiert eine pointierte Analyse des Konflikte in der Ukraine und in Syrien und im Irak. Seine Sicht der Dinge wird uns, seinen Lesern, fehlen.

Stand: 12.02.2015 17:22 Uhr

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