SENDETERMIN Mo, 29.08.16 | 00:05 Uhr | Das Erste

Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

Top Ten
Top Ten | Bild: DasErste.de

Platz zehn:

Gregoire Delacourt: "Die vier Jahreszeiten des Sommers" (Deutsch von Claudia Steinitz)

Hart an der Kitschgrenze erzählt der Franzoise Delacout intensive Liebesgeschichten, die alle im Atlanikort Le Touquet und am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli kulminieren. Weil Delacourt in seinen kunstvoll miteinander verwobenen Erzählungen tatsächlich etwas vom transgressiven, alle Konventionen brechenden Zug der Liebe und des Begehrens aufscheinen lässt und ihm zudem mitunter regelrecht weise Einsichten gelingen wie etwa die, "dass Liebeskummer auch eine Form von Liebe ist", deshalb lässt man sich gern auf den sehr französischen Charme dieser flirrenden Sommergeschichten ein.

Platz neun:

Donna Leon: "Ewige Jugend" (Deutsch von Werner Schmitz)

"Hereinspaziert in den Zoo! Seht euch die Tiere an, die dank eurer Spenden in ihrem ursprünglichen Habitat überleben. Kommt zur Fütterungszeit." Solche finsteren Gedanken kommen Commissario Brunetti angesichts der Touristenströme, von denen die Stadt in der Lagune lebt wie von den EU-Subventionen, die in den Taschen korrupter Politiker versickern. Mit gewohnt leichter Hand konstruiert Leon einen befriedigenden Venedig-Krimi um Denkmalschutz, eine vor 15 Jahren missbrauchte Enkelin einer Contessa und den Alltag in der trotz allem schönsten Stadt der Welt.

Platz acht:

Dörte Hansen: "Altes Land"

"Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nennt't ook noch sien." Dynastisch denken lernen hilft dieses geglückte Beispiel neuer deutscher Heimatliteratur um den Zusammenprall einer ostpreußischen Adelsfamilie, deren Stammbaum dreihundert Jahre zurückreicht, mit einer Altländer Bauernsippe in sechster Generation. Bemerkenswert an diesem sensationall erfolgreichen deutschen Debüt ist vor allem, wie aktuell sich diese in die Gegenwart fortgeschriebene Flüchtlingsgeschichte liest.

Platz sieben:

Joy Fielding: "Die Schwester" (Deutsch von Kristian Lutze)

Aufgedunsen wie eine Wasserleiche, erzählt dieser in nervigster Redundanzprosa verfasster Roman von einer Zweijährigen namens Samantha aus San Diego, die vor 15 Jahren während eines Urlaubs in Mexiko verschwunden ist. Am Ende des ersten Kapitels erhält die Mutter, eine Mathematiklehrerin, einen Anruf aus Calgary: "Ich glaube, mein richtige Name ist Samantha. Ich glaube, ich bin ihre Tochter." Jeder Leser, der zwei und zwei zusammenzählen kann, wird sich diese Geschichte spannender zusammenreimen als die entsetzlich ungelenk schreibende Joy Fielding sie zu erzählen vermag.

Platz sechs:

Elke Heidenreich: "Alles kein Zufall"

Der Stoff dieser oft nur eine halbe Seite umfassenden Erzählungen ist heterogen, reiht sich aber zu reizvollen Motivketten, etwa einer kulinarischen: Ob Heidenreich über den Verzehr von "Mohr im Hemd" in österreichischen Restaurants nachdenkt, die Überflüssigkeit von Litschis und Physalis auf deutschen Speiseplänen erörtert oder Erinnerungen an Studentenmenüs in München 1968 heraufbeschwört, der Kitt, der das literarisch zusammenhält, ist das in ihrer Sprache aufblitzende Charisma der Autorin.

Platz fünf:

Jonas Jonasson: "Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind" (Deutsch von Wibke Kuhn)

Was tun, wenn man so gar nichts zu erzählen hat, aber unbedingt ein neues Buch schreiben will? Nach den Welterfolgen von "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" sowie "Die Analphabetin, die rechnen konnte" legt Jonas Jonasson ein Buch vor über einen Rezeptionisten, der sich langweilt, eine Pfarrerin, die kriminell wird, und einen Mörder, der zu Gott findet, ein Buch, das besser den Titel tragen sollte: "Der Schwede, dem nichts einfiel und der deshalb eine abstruse Geschichte mit jeder Menge flauen Witzchen aufpeppt."

Platz vier:

Benedikt Wells: "Vom Ende der Einsamkeit"

Erwachsenwerden heißt, sich mit der eigenen Einsamkeit zu arrangieren. Davon handelt dieser Roman, dessen Titel das Gegenteil verspricht und dessen Handlung von diesem Paradox lebt. Wells erzählerischer Schwung erinnert an den frühen, an den guten John Irving: Es geht um die drei frühverwaisten Geschwister Jules, Marty und Liz und um die erst nach langen Irrwegen realisierte Liebesgeschichte zwischen Jules und Alva. Ein inhaltlich reiches, ein erstaunlich lebenskluger Roman von einem jungen deutschen Erzähler, den man für die anstehenden Literaturpreissaison auf der Rechnung haben sollte.

Platz drei:

Juli Zeh: "Unterleuten"

Ein blendend konstruierter deutscher Gesellschaftsroman über ein Dorf in der Mark Brandenburg, das sich über den geplanten Bau einer Windkraftanlage entzweit und bis aufs Messer bekriegt. "Im Spätkapitalismus gab es keine Gesellschaft mehr, sondern nur noch ein Gesellschaftsspiel, dessen Ziel darin bestand, die kläglichen Überreste von Politik möglichst gekonnt in Unterhaltungswert umzusetzen … Es gab Empörungsarien, Schuldzuweisungenssinfoniern und Forderungsballaden", lässt Juli Zeh einen einen ehemaligen LPG-Brigadeführer denken. Ihre blendenden Figurenreden sorgen für politischen Durchblick und besitzen großen Unterhaltungwert.

Platz zwei:

Jojo Moyes: "Ein ganz neues Leben" (Deutsch von Karolina Fell)

Auf Seite 423 dieser Fortsetzung der Schmonzette "Ein ganzes halbes Jahr" ekelt sich die Ich-Erzählerin, als sie in einem Sternerestaurant "Joues de Boeuf" bestellt und statt des erwarteten Rinderbratens Ochsenbacken auf ihrem Teller vorfindet. Mir geht es mit diesem Buch ganz ähnlich: Statt eines erhofften Meisterwerks lese ich das literarische Äquivalent eines aus Abfällen zusammengekleisterten literarischen Formschinkens. Hässlich, unnötig und unentschuldbar.

Platz eins:

J.K. Rowling, John Tiffany und Jack Thorne: "Harry Potter and the Cursed Child"

Zugegeben, die Wiederbegegnung mit dem um 19 Jahre gealterten Harry Potter im Gewand eines Theaterstücks besitzt durchaus Charme, zumal die Autoren ihrem Zeitreise-Plot einige Gags abzutrotzen vermögen. Aber woran erkennt man eigentlich schlechte Theaterstücke? Daran, dass sie ihre eigene Interpretation gleich mitliefern müssen, weil sie der Kraft ihrer Dialoge misstrauen. Wenn Harry Potter also am Ende zu Draco Malfoy sagen muss: "Liebe macht blind. Wir haben beide unseren Söhnen nicht das gegeben, was sie brauchten, sondern das, was wir brauchten. Wir waren so sehr damit beschäftigt, unsere Vergangenheit umzuschreiben, dass wir ihre Gegenwart ausgelöscht haben", dann ist das eben einfach ein schlechtes Stück, Harry Potter hin oder her: Buh!

Stand: 29.08.2016 13:18 Uhr

15 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mo, 29.08.16 | 00:05 Uhr
Das Erste