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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbücher | Video verfügbar bis 20.11.2021 | Bild: BR

Platz zehn:

Hardy Krüger: "Was das Leben sich erlaubt"

Politisch hellwach und angenehm unverschnörkelt erzählt der inzwischen 88-jährige Krüger vom Aufwachsen in der Nazi-Zeit und wie auf ihn als Schüler einer Ordensburg in Sonthofen deren von Adolf Hitler stammende Motto-Sätze wirkten: "Eine gewalttätige, herrische, grausame Jugend will ich. (…) Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen." Am stärksten ist dieses Erinnerungsbuch immer dann, wenn Krüger über die Mechanismen der Macht nachdenkt: "Das kleine wilde Tier, das sie abgerichtet hatten, wusste jetzt seine List gegen das Netz der Fänger einzusetzen."

Platz neun:

Horst Lichter: "Keine Zeit für Arschlöcher"

Der Tod seiner Mutter nach einer Tumorerkrankung ist Auslöser für Horst Lichters kurzweilige Bilanz seiner Reise durch das deutsche Fernsehen. Weil Horst Lichter dabei kein Blatt vor den Mund nimmt und im Text genau so ein supersympathisches Knuffelchen ist, wie er im Fernsehen erscheint, hat mich dieses Büchlein trotz seines vulgären Titels wider Erwarten amüsiert.

Platz acht:

Hamed Abdel-Samad: "Der Koran"

So wie alle Heiligen Texte der Menschheit inklusive der Bibel ist der Koran ein rechter Gemischtwarenladen, argumentiert Hamed Abdel-Samad, je nach zitierter Sure lässt sich alles und nichts aus dem Koran belegen. Entscheidend sei deshalb, so Abdel-Samad, diesen Text zu "vermenschlichen" und ihn einer philologisch exakt argumentierenden Exegese zu unterziehen. Ein klug argumentierendes Buch, das dem Diskurs über den Koran alles Stammtischhafte austreibt.

Platz sieben:

Peter Wohlleben: "Das Seelenleben der Tiere"

Mutterliebe unter Rehen, das Geschmackserleben von Schmetterlingen, die Kälteempfindung unter Hirschen: der Förster Peter Wohlleben vermag so plastisch und anschaulich von Tieren zu erzählen, dass er der Gefahr ihrer Vermenschlichung nicht immer entgeht. Diesen Einwand pariert er allerdings elegant mit dem Satz: "Ob Sie so fühlen wie ich, ist auch nur eine Theorie".

Platz sechs:

Wolf Biermann: "Warte nicht auf bessre Zeiten"

Wolf Biermann ist ein großer deutscher Dichter, aber eben durch die Repressionen, denen er in der DDR ausgesetzt war, auch ein bedeutender Zeitzeuge. Das macht seine durch ihren Wortwitz bestechende Autobiographie zum Ereignis. "Schlimm! Halb so schlimm", notiert Biermann etwa, als er im April 1964 seine Überwachung durch die Stasi bemerkt. "Denn noch hatte ich die Furcht, aber die Furcht hatte nicht mich."

Platz fünf:

Bernd-Lutze Lange: "Das gab’s früher nicht"

Ein Buch wie ein Cordhosenanzug: irgendwie aus der Zeit gefallen muten die ziemlich bräsigen Erinnerungen des Leipziger Satirikers Bernd-Lutze Lange an. Nichts davon ist falsch. Aber wenn Lange schreibt: "In der heutigen Gesellschaft, in der es alles gibt, fehlt das Wichtigste: eine Vision. Die einzigen Götzen, die angebetet werden, heißen Wachstum und Profit", dann ist mir das für eine Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Bundesrepublik des Jahres 2016 einfach zu unterkomplex.

Platz vier:

Peter Wohlleben: "Das geheime Leben der Bäume"

Peter Wohllebens Longseller lebt vom rhetorischen Kniff der Kippfigur: Warum nicht einen Wald als "wood wide web", als Internet der Bäume betrachten? Insofern erfüllt dieses bemerkenswerte Sachbuch aus der Feder eines Menschen, der mir eher ein Baumhirt im Sinne der Tolkienschen Ents denn ein Förster zu sein scheint, die Definition von Literatur insgesamt: Wohllebens Bücher erweitern unsere Wahrnehmung von der Welt.

Platz drei:

Bruce Springsteen: "Born to Run"

Kennen Sie irgendeinen jungen Menschen, der Musik macht? Dann schenken Sie ihr oder ihm dieses Buch! Springsteen schafft es, von seinen Selbsterkenntnissen und Selbstzweifeln so unprätentiös zu schreiben, dass man sofort Lust hat, seine Musik zu hören. "Ich verfüge über die Stimmkraft, den Tonumfang und das Durchhaltevermögen eines Kneipensängers. Besonders schön oder raffiniert ist mein Gesang nun wirklich nicht." Wie man es trotz dieser Handicaps und ohne Noten lesen zu können zum zu Recht gefeierten Weltstar bringt: aus diesem Buch lässt es sich erfahren.

Platz zwei

Carolin Emcke: "Gegen den Hass"

Was haben die Ausgrenzung von Transsexuellen, der Hass auf Asylsuchende und der strukturelle Rassismus in den Polizeikräften der USA gemein? Carolin Emcke zeigt in ihrem lesenswerten Essay die Mechanismen der Ausgrenzung auf und hält ein überzeugendes Plädoyer für eine von Vielfalt bestimmte, offene Gesellschaft.

Platz eins

Eckart von Hirschhausen: "Wunder wirken Wunder"

Ich habe hohen Respekt vor Eckart von Hirschhausen als Entertainer. Aber ich komme beim besten Willen nicht mit diesem Typus von auf Comedyprogrammen basierenden, durchdesignten Sachbüchern zurecht. In diesem neuen will er die traditionelle mit der alternativen Medizin versöhnen und besucht etwa eine Kölner Schamanin, die ihn in Kontakt mit seinen "Krafttieren" bringt, einem Hirschen und einem Bären, der ihm einen magischen Staubsauger schenkt. Von Hirschhausen bezeichnet sein Buch als "Wundertüte". Für mich ist es eher das Produkt einer Knalltüte.

Stand: 13.07.2019 07:20 Uhr

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