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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik | Video verfügbar bis 29.01.2022 | Bild: DasErste.de

Platz 10 – Jürgen von der Lippe: "Der König der Tiere"

Ein Buch wie eine Biertischgarnitur: verschwiemelte Zoten, öde Säuferwitze, dumpfer Schweinkram. Vulgär, peinlich, provinziell.

Platz 9 – Simon Beckett: "Totenfang"

Unser Held, der forensische Anthropologe Dr. David Hunter, traumatisiert sowohl durch den Unfalltod von Weib und Kind wie durch die Messerwunden eines Kriminellen, schleppt sich so leblos über die Seiten dieses Thrillers, dass er von den beiden im Zentrum der Handlung stehenden Wasserleichen kaum zu unterscheiden ist. Als Krimi ein glatter Schlag ins Wasser.

Platz 8 – Nele Neuhaus: "Im Wald"

Auf Seite 359 dieses aufgeblähten Taunus-Regionalkrimis über einen Mord, der den Ermittler zurück in seine Kindheit in den 70er Jahren führt, steht die Frage: "Wieso Erzählen Sie mir das alles?" Dieser ärgerlich redundante, ebenso beobachtungs- wie erkenntnisschwache Roman bleibt die Antwort in jeder Hinsicht schuldig.

Platz 7 – Martin Walser: "Statt etwas oder Der letzte Rank"

Walser inszeniert sein neues Buch wie einen Boxkampf: in der linken Ecke, ein hyperreflektiertes, sprachbesessenes Ich; in der rechten Ecke, Walsers langjähriger Lieblingsfeind, die "Fallensteller, Untersteller, Verdächtiger", kurz: die öffentliche Meinung? Und wer gewinnt in diesem Kampf der Giganten? Na, wir Leser selbstverständlich. Ein Meisterwerk.

Platz 6 – T.C. Boyle: "Die Terranauten"

Gerade habe ich den neuen Boyle gelobt, und schwupps steht er auf der Bestsellerliste. Da sage noch einer, Literaturkritk habe heute keine Wirkung mehr.

Platz 5 – J.K. Rowling, John Tiffany & Jack Thorne: "Harry Potter und das verwunschene Kind" sowie Platz 4 – J.K. Rowling: "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind"

Als echter Fan eines Autors interessiert man sich ja durchaus auch noch für dessen schwächeren Arbeiten. Sowohl das Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind" wie auch das Drehbuch zum in der Harry-Potter-Welt angesiedelten Film "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" enthalten zwar manche schöne Einfälle, dennoch handelt es sich ganz zweifellos um Nebenwerke Rowlings, weit entfernt von der Brillanz ihrer bisherigen Hauptwerke. So haben diese Bücher in etwa den künstlerischen Wert von Harry-Potter-Bettwäsche, Harry-Potter-Badelatschen oder Harry-Potter-Strandtüchern. 

Platz 3 – Sebastian Fitzek: "Das Paket"

Die abstruse Geschichte um eine auf einem Kongreß im Hotel vergewaltigte Psychiaterin kippt spätestens dann ins Absurde, als ihr Nachbar unter Verdacht gerät, nur weil er seine Mutti in der Biotonne aufbewahrt, um deren Rente weiterzukassieren. Der Witz: Diese potentielle Komik unterläuft diesem talentfreien Autor unfreiwillig, Fitzeks Schund lebt allein von seinem Schockwert.

 Platz 2 – Elena Ferrante: "Meine geniale Freundin" und auf Platz 1 von derselben Autorin: "Die Geschichte eines neuen Namens"

Diese Bücher haben weltweit einen Hype ausgelöst wie Umberto Eco 1980 mit "Der Name der Rose". Und dies zu Recht. Es geht ein hinreißender Sog aus von Ferrantes Geschichte um Elena und Nina, zwei Freundinnen, die in einem "Rione", einem armen Stadtteil von Neapel aufwachsen, dann aber denkbar andere Lebenswege nehmen. Die eine, Elena, darf auf die höhere Schule und studieren, die andere, Nina, an sich die begabtere, muss in der Schuhmacherwerkstatt aushelfen und heiratet mit 16. Am Ende erweist sich die Erzählerin als Romanautorin. Ihre Lektorin, die Mutter ihres Freunds an der Uni in Pisa, gibt ihr den Tipp: "Ändern Sie nicht ein Komma, da ist Ehrlichkeit, Natürlichkeit und etwas Geheimnisvolles im Stil, wie man es nur in wahren Büchern findet." Das trifft den Nagel auf den Kopf! Und dass man diese herausragenden Romane auch auf Deutsch genießen kann, dafür gebührt der Übersetzerin Karin Krieger besonderes Lob! 

Stand: 29.01.2017 19:00 Uhr

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Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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