SENDETERMIN So., 05.07.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Dokfilm: "Afghanistan. Unser verwundetes Land"

Geschichte aus der Perspektive von Frauen erzählt

PlayDokfilm: "Afghanistan. Unser verwundetes Land"
Doku: "Afghanistan. Unser verwundetes Land" | Video verfügbar bis 06.07.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist oft die Rolle der Frauen, an der sich der Entwicklungsgrad einer Gesellschaft ablesen lässt. Das gilt auch für Afghanistan – ein Land geprägt von Terror, Krieg und Regimewechseln – wo Tradition und Moderne Konfliktlinien sind.

Ein halbes Jahrhundert

Die letzten 50 Jahre seiner Geschichte zeichnet der Dokumentarfilm "Afghanistan. Unser verwundetes Land" nach. Regisseur Marcel Mettensiefen erzählt sie aus der Perspektive von Frauen als Zeitzeuginnen und erklärt: "Die Geschichte Afghanistans ist geprägt durch Entscheidungsträger, die meistens männlich sind. Aber es gibt in Afghanistan unglaublich engagierte, sehr selbstbewusste Hoffnungsträgerinnen, die, wenn sie an die Macht kämen, das Schicksal dieses Landes sicherlich zum Besseren wenden könnten."

"Goldene Siebziger": "Ich war sogar ein wenig unartig"

Sima Samar, Medizinerin und Politikerin in "Afghanistan. Unser verwundetes Land"
Sima Samar, Medizinerin und Politikerin | Bild: Das Erste

Da ist etwa die Medizinerin Sima Samar, Ministerin für Frauenrechte in der ersten demokratischen Regierung Afghanistans. Sie hat die "Goldene Zeit" erlebt, damals in den 1970er-Jahren, als die urbane Elite in Kabul einen westlichen Lebensstil pflegte. Man besuchte Jazzclubs, hörte die gleiche Musik wie in Europa: "Ich war sogar ein wenig unartig. Wir gingen ins Kino, schwänzten die Schule", erinnert sie sich.

Die Königin Humaira Begum trat öffentlich ohne Schleier auf. Kabul war ein wenig wie Paris – es gab sogar Modenschauen. An der Universität protestierten junge, emanzipationshungrige Frauen: "Wir forderten, dass es mehr Gleichheit zwischen Männern und Frauen geben sollte, und keine Diskriminierung", erzählt Samar weiter.

Putsch und Einmarsch der Sowjets

Dieser Wunsch wurde erfüllt – aber anders als geplant. Die Kommunisten putschten sich an die Macht. Frauen durften arbeiten, Bus fahren und mussten schießen – wie Männer. Das Feindbild der neuen Machthaber waren die traditionellen religiösen Kräfte. Zur Unterstützung rief die Regierung sowjetische Streitkräfte ins Land. Detailliert zeichnet der Film nach, wie sich Fronten bildeten, wie muslimische Gruppen begannen, sich zu radikalisieren. Freiheitskämpfer in den Bergen – die "Mudschahedin" leisteten bewaffneten Widerstand gegen die Besatzer. Allen voran der charismatische Führer Ahmad Shah Massoud, Befürworter eines gemäßigten Islams. Ein Patriot, vom Volk verehrt.

Auch von Shukria Barakzai, ehemalige Abgeordnete im Parlament von Kabul. Als Teenager war Massoud ihr Held: "Massoud bedeutete mir sehr viel. Er, der sich in den Bergen aufhielt und Russen tötete. Ich träumte davon, ihm zu helfen und auf seinem Weg zu folgen", erklärt die Frauenrechtlerin.

1989 – ein großer Moment der Hoffnung

Regisseur Marcel Mettensiefen
Regisseur Marcel Mettensiefen  | Bild: ttt

Massoud und seine Kämpfer schafften es, die Besatzer zu schlagen. Im Jahr 1989 war die Hoffnung groß auf Frieden für Afghanistan, wie Barakzai damals glaubte: "Sie zogen sich zurück und wir hatten den Krieg gewonnen. Ein Kapitel ging zu Ende, ein neues begann – alles würde gut werden. Wir waren frei, konnten wieder atmen. Wir hatten unser Land zurück." Für einen Moment.

Die Mudschahedin zogen in Kabul ein. Wilde Gestalten, die alles versprachen, bloß keinen Frieden, wie Shukria Barakzai desillusioniert feststellen musste: "Der allererste Mudschaheddin, den ich sah, war ein Mann mit langem Haar, schmutzigen Kleidern und ungeschnittenen Fingernägeln. So einen Mann hatte ich noch nie gesehen. Ein Albtraum."

Unversöhntes Land

Hoffnungen, die zum Albtraum werden – ein wiederkehrendes Muster, das der Film deutlich macht. Vor allem bei der Machtübernahme durch die radikalen Taliban 1996. Sie versprachen Ruhe und verbreiteten Terror, steckten Frauen in Burkas wie in Gefängnisse – nur weil sie Frauen waren. Die dunkelste, brutalste Zeit Afghanistans.

Dann waren es US-amerikanische Streitkräfte, die in Folge der Terroranschläge vom 11. September das Land von den Taliban befreien. Es herrschte Friede in Kabul, Sitz einer jungen Demokratie. Doch die unterschiedlichen religiösen Kräfte waren nicht versöhnt, wie sich im Parlament zeigte. Die ehemalige Abgeordnete Shukria Barakzai erlebte es so:

Shukria Barakzai, ehemalige Abgeordnete im Parlament von Kabul in "Afghanistan. Unser verwundetes Land"
Shukria Barakzai in "Afghanistan. Unser verwundetes Land" | Bild: ttt

"Alle Mudjaheddin-Führer und Clans saßen im Parlament. Aus irgendwelchen Gründen passte ihnen mein Outfit nicht. Sie beschwerten sich heftig, vor allem wegen des Kopftuchs. Wenn es mal herunterfiel, sagten sie: 'Bitte, Schwester, zieh es wieder an!' Und ich antwortete: 'Es ist MEIN Harr und MEIN Kopftuch. Was geht euch das an? Es ist eine Sache zwischen mir und Gott!'."

Die Demokratie im westlichen Stil hat wenig Verbesserungen gebracht für das Leben der Afghanen. Soziale Not und Ungleichheit haben sich verstärkt, Marcel Mettelsiefen beschreibt es so: "Es ist eine soziale Teilung zwischen Arm und Reich, zwischen der kleinen Blase in Kabul, die pro-westlich ist, und dem viel größeren Teil einer ländlichen Bevölkerung, wo Religion eine große Rolle spielt, vor allem auch traditionelle Lebensformen. Das ist der Grund, dass das Land nach wie vor geteilt ist, nach wie vor nicht zur Ruhe kommt."

"Sie können uns nicht mehr zum Schweigen bringen"

Der Film erzählt auf Basis von bemerkenswertem historischen Bildmaterial von den ständigen Verwerfungen des Landes. Doch am meisten beeindrucken die Frauen im Film, ihre Kraft und ihr Mut. Und so verspricht Nilofar Ibrahimi, Abgeordnete im afghanischen Parlament: "Ich habe an drei Verhandlungen mit den Taliban teilgenommen. Die Frauen in Afghanistan sind nicht mehr die gleichen wie vor 20 Jahren, die geschlagen werden und zu Hause bleiben. Sie wissen, dass sie uns nicht wieder zum Schweigen bringen können."

Autorin des TV-Beitrags: Hilka Sinning

Filmtipp
"Afghanistan. Unser verwundetes Land"
Ein Film von Lucio Mollica, Marcel Mettelsiefen und Mayte Carrasco
Das Erste, 6. Juli, 23:35 Uhr

Stand: 08.07.2020 09:01 Uhr

3 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 05.07.20 | 23:35 Uhr
Das Erste

Mo, 6. Juni | 23:35 Uhr

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste