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Was kommt nach der Corona-Krise?

Im Gespräch mit dem Historiker Philipp Blom und dem Soziologen Andreas Reckwitz

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Was kommt nach der Corona-Krise? | Video verfügbar bis 15.06.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Noch nie zuvor hatte der moderne Mensch sich so tief in seine Höhle zurückgezogen – aus Furcht vor der unberechenbaren Natur, die er doch eigentlich so gut zu beherrschen glaubte. Gleichzeitig wurden Maßnahmen möglich, die zuvor undenkbar waren. Braucht die Menschheit Katastrophen, um zu Verstand zu kommen?

Beste Zeit für Historiker

Historiker Philipp Blom
Historiker Philipp Blom | Bild: MDR

Noch vor dem Ausbruch der Pandemie schrieb der Historiker Philipp Blom über das Welttheater der Menschheit, in der eine entscheidende Triebkraft der menschlichen Entwicklung unberechenbare Naturgewalten wären. Im Guten wie im Schlechten – so wie jetzt. "Es ist die beste Zeit, in der man Historiker sein kann", findet Blom, "weil wir wirklich an einen Scheitelpunkt leben: in einer Zeit, wo eine Ära endet und eine neue beginnt, und wir wissen noch nicht, wie diese neue Ära aussieht. Und das macht uns alle nervös. Nur als Mensch in dieser Zeit zu leben macht einem Angst."

Pandemie als Chance?

Auf den ersten Blick erschien die Krise als radikaler Bruch: weltweiter Lockdown, Kontaktverbote, Bewegungsbeobachtung: der Staat als Überwacher, der mit Nachdruck zugreifen kann. Zugleich wurde über Ursache, Umgang und Folgen der Pandemie öffentlich diskutiert, wie nie zuvor. Ein Epochenbruch sei die Krise deswegen wahrscheinlich nicht, meint der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz – aber sie ist wie ein Brennglas auf schon länger gärende Prozesse in der Gesellschaft. "Solange es die Sesshaftigkeit des Homo sapiens gibt, gab es Epidemien, die auch teilweise ganze Völker ausgelöscht haben", sagt Reckwitz. Das sei nicht so neu nicht. "Aber von vornherein wurde diese Epidemie eben so dargestellt wie ein bisschen selbst schuld, also die Menschheit oder die spätmoderne Gesellschaft hat über ihre Verhältnisse gelebt und wird jetzt quasi dafür bestraft. Und wir müssen jetzt umkehren, wir müssen uns gewissermaßen reformieren. Es ist auch die Chance für eine Umkehr, auch das ist ja sehr interessant", findet Reckwitz.

Offensichtlich gibt es eine Sehnsucht nach Wandel. Philipp Blom beschreibt die bisherige Geschichte der Menschheit als ein Welttheater, auf dessen Bühne zum Beispiel die kleine Eiszeit aus dem 16. Jahrhundert nicht nur Eisblöcke nach Mitteleuropa, sondern nachhaltige landwirtschaftliche Probleme für die Menschen brachte. Auf der Suche nach Ursachen für die sicher göttliche Strafe wurden zunächst Hexen ausgemacht und verbrannt – mit wenig Erfolg. Bis die Aufklärung endlich nach wissenschaftlichen Erklärungen suchte. Vom Eisberg zu Diderot sozusagen, die Naturkatastrophe als Motor der Entwicklung. Und nun stecken wir in der nächsten Katastrophe. "Ein kleiner, blöder Virus kann die höchstentwickelten Wirtschaften lahmlegen innerhalb von Tagen“, sagt Blom. „Wir können nicht gewinnen gegen die Natur. Wir stecken aber mitten in ihr, wir sind eine besonders interessante Tierart, die viel weniger Willensfreiheit hat, viel weniger Rationalität hat, als wir gern glauben würden."

Vorteile von staatlichen Infrastukturen

Soziologe Andreas Reckwitz
Soziologe Andreas Reckwitz  | Bild: MDR

Nie zuvor ging es der Menschheit so gut – dank der entfesselten liberalen Marktwirtschaft. Doch dass wir durch sie auch mitten in einem Klimawandel stecken – einem von Menschen verursachten –, wird auf brutale Weise Jahr für Jahr deutlicher. Und diesmal scheint man in der digital vernetzten Welt der Spätmoderne deutlich schneller und vehementer zu reagieren, als im Mittelalter. Die weltweiten Klimaproteste scheinen unter der Corona-Krise fast vergessen – aber sie sind es nicht, sie stehen sogar in unmittelbarem Zusammenhang. "Wir hatten in den letzten Jahrzehnten seit den Achtziger Jahren eine Tendenz, dass Staatlichkeit sich eigentlich immer mehr im Sinne eines Wettbewerbsstaates definiert hat, immer mehr Elemente der Gesellschaft dem Markt gewissermaßen zuordnet", sagt der Soziologe Reckwitz. "Und jetzt haben wir aber schon seit der Finanzkrise, würde ich sagen, doch Tendenzen eines gewissen Umschlags. Man braucht doch offenbar so etwas wie auch Regulierungs-Instanzen, staatliche Regulierungsinstanzen. Und jetzt sehen wir auch in der Corona Krise: Die Gesellschaften, die ein gut funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem haben, sind deutlich im Vorteil. Und da sehen wir ganz deutlich, dass diese Frage der Infrastruktur von Gesellschaften, also staatlicher Infrastruktur, ob es jetzt um Gesundheit geht oder ob es um Bildung oder Wohnen oder andere Bereiche geht, dass das eigentlich doch immer mehr zu einem Thema geworden ist."

Trainingsfeld für die Klimakrise

Heutige Politik ist immer das Einlassen auf ein Risiko. Man steuert ein Schiff durch Wellen von unvorhersehbarer Kraft und Wirkung: Ob man dahin fährt, wohin man steuert, sieht man erst nach einer Weile, muss nachlenken, das Schlimmste vermeiden – es ist Risiko-Politik. Corona- und Klima-Politik haben das gemeinsam. Man muss Nachsteuern, korrigieren, reagieren. Ein Ignorieren kann im Zweifel tödlich sein.

Reckwitz glaubt, dass die Corona-Krise in mancher Hinsicht auch so eine Art Trainingsfeld für die Risiken des Klimawandels sein könnte. "Wir werden, denke ich, auch sensibilisiert", sagt der Autor des Buchs "Das Ende der Illusionen". "Wir haben so einen Crashkurs in den letzten Monaten in Risikopolitik erlebt, also auch zum Beispiel die Debatten, die wir in den Medien hatten, wenn Virologen sich zu Wort meldeten und dann waren auf einmal andere Virologen da, die eine andere Position vertreten haben. Das haben ja manche als Schwäche gesehen. Aber eigentlich ist es natürlich so, so funktioniert ja Wissenschaft. Wir sind ja jetzt teilweise auch in den letzten Monaten teilweise zu Laien-Experten im Feld der Virologie geworden. Das müssen wir auch, wenn wir gewissermaßen als Bürger ja auch in diesen politischen Prozessen mitwirken wollen."

Das muss klar sein, auf der Bühne des Welttheaters gibt es kein "die da oben“  und "wir da unten". Und auch kein Gut und Böse. Es ist leider kompliziert – und die breite Beteiligung ein demokratisches Überleben.

Autor: Dennis Wagner

Stand: 15.06.2020 11:02 Uhr

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