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Portugals Literatur-Shootingstar Afonso Reis Cabral erzählt vom Rand der Gesellschaft

PlayAutor Afonso Reis Cabral
Portugals Literatur-Shootingstar Afonso Reis Cabral | Video verfügbar bis 30.05.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Salz des Meeres seien Portugals Tränen, dichtete einst Fernando Pessoa. Portugal-Liebhabern wärmt dieses kühle Meer die Seele.

Der Schriftsteller Afonso Reis Cabral lebt in Lissabon, der Stadt im atlantischen Licht. Mit 31 Jahren ist er Portugals literarisches Wunderkind. Und wie sein literarischer Vorfahre, der große Pessoa, sucht er Inspiration im Café "A Brasileira", "Die Brasilianerin".

"Schreiben, um anderen Leben auf die Spur zu kommen"

Ausgangspunkt von Cabrals Roman ist die Ermordung einer transsexuellen Prostituierten.
Ausgangspunkt von Cabrals Roman ist die Ermordung einer transsexuellen Prostituierten. | Bild: ttt

Auf der Suche nach Geschichten läuft Afonso Reis Cabral auch mal 740 Kilometer zu Fuß durch Portugal, von der Serra da Estrela im Norden bis an die Algarve-Küste.

Begegnet Landschaften und Menschen, entdeckt ein Land jenseits der Portugal-Klischees. Schreibt darüber ein Buch, halb Essay, halb Podcast: "Leva-me Contigo", "Nimm mich mit!".

"Mich interessiert beim Schreiben die Entdeckung des Anderen", sagt Cabral. "Damit will ich sagen: Meine Romanfiguren, vor allem der Erzähler, sollen so wenig wie möglich von mir haben. So versuche ich, anderen Wirklichkeiten, anderen Leben auf die Spur zu kommen."

Der Fall Gisberta

Cabrals neuer Roman spielt in Porto.
Cabrals neuer Roman spielt in Porto. | Bild: ttt

Porto – eine Stadt, die wenige echte Postkarten-Ansichten hat. Aber viele Schattenzonen. Cabral ist hier geboren und aufgewachsen: "Jedes Land verbirgt immer auch ein anderes Land in sich, jede Stadt eine andere Stadt. Es gibt das Touristen-Porto. Aber das hat sehr wenig zu tun mit dem Porto, von dem ich erzähle."

Trostlos ist es in seinem Roman "Aber wir lieben dich". Ausgangspunkt der Fiktion ist das real tödliche Drama um eine transsexuelle, brasilianische Prostituierte. 2006 wird sie tot in einer Bauruine gefunden, ertrunken in einem Wasserloch, in das man sie schwer misshandelt, aber noch lebend geworfen hatte. Unklar blieb, welche Verbindung bestand zwischen Gisberta Salce und ihren Mördern, 13 Jugendlichen zwischen zwölf und 16, Schützlinge eines katholischen Jugendheims. 

Cabral ist damals so alt wie die jugendlichen Delinquenten – fast noch Kinder, deren Leben er sich jetzt im Roman vornimmt: "Als der Fall Gisberta Schlagzeilen machte, war ich 16. Und ich erinnere mich, wie übrigens so ziemlich jeder Mensch in Portugal, an den Schock, den dieser Mord auslöste."

Abgründe des Menschlichen: "Und dann wird es eben komplex."

"Als der Fall Gisberta Schlagzeilen machte, war ich 16."
"Als der Fall Gisberta Schlagzeilen machte, war ich 16." | Bild: ttt

Viele Jahre später ergreift ihn das Unfassbare des Geschehens erneut. Für den Roman recherchiert er die Lebensumstände der Täter aus dem katholischen Jugendheim, das nach Missbrauchsvorwürfen inzwischen geschlossen ist. Er kehrt an den Tatort zurück.

Mit "ttt" besucht Cabral die Bauruine, in der Gisberta lebte und starb. "Das Tropfen des Wassers in jenem Schacht – es war traurig und dramatisch, ich suchte in der Realität nach Spuren, um sie dann in Fiktion zu verwandeln. Er sieht heute so aus wie damals, dieser verlassene Bau, diese Kathedrale der Verzweiflung."

Vor Gericht zeigen sich die gesellschaftlichen Vorurteile gegen Andersartige. Das Motiv der Jugendlichen – für die Presse sind sie "Engel und Dämonen" – bleibt unklar.

Am einstigen Tatort
Am einstigen Tatort | Bild: ttt

Leerstellen, die Cabral zu füllen versucht: "Mich interessieren Romanfiguren, die zugleich das Zärtliche und das Gewalttätige in sich tragen. Bei mir gibt es nicht diese simple Sicht, die die Welt in Gut und Böse einteilt. In der Literatur, im Roman geht es immer um uns als Menschen. Und dann wird es eben komplex."

Eigene Missbrauchserfahrung der Jugendlichen, die Angst, Gefühl zuzulassen, aber auch sadistischer Spaß an Macht und Zerstörung: Cabrals Roman taucht in die Abgründe des Menschlichen.    

Die emotional obdachlosen Jungen und die obdachlose Transgender-Frau: Warum schlug anfängliche Anziehung zwischen diesen Außenseitern des Lebens in Hass und Mord um? Cabrals Roman ist die Annäherung an das eigentlich Unerklärbare. "Für mich ist klar, dass da psychisch Verwahrloste aufeinandergestoßen sind. Gisberta war sehr krank. Und die, die den Jungen im Heim Halt geben sollten, haben das eben nicht getan. Im Gegenteil."

"Literatur macht die Wunden sichtbar"

Jenseits des touristischen Blicks
Jenseits des touristischen Blicks | Bild: ttt

Jedes Jahr erinnern in Porto Aktivisten an Gisberta. Sie kritisieren Portugals Gesellschaft, die unfähig zur Empathie sei. Die ermordete Prostituierte – heute eine Symbolfigur für den Kampf gegen Gewalt und Diskriminierung.

Afonso Reis Cabral scheut Parolen. Er beschreibt Portugals oft lieblose, oft schmerzhafte Wirklichkeit – und nimmt Anteil. "Das Bild Portugals, das ich in meinem Roman zeichne", sagt Cabral, "unterscheidet sich von einem stereotypen, touristischen Blick. Ich erzähle von Armut und Ausgrenzung. Für mich als Schriftsteller sind das offene Wunden – und es gibt viele davon, in Porto wie in Lissabon. Die Literatur macht sie sichtbar."

Autor: Andreas Lueg

Buchtipp
Afonso Reis Cabral: "Aber wir lieben dich", Hanser 2021

Stand: 31.05.2021 00:09 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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