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Frauen am Bauhaus – Die unterschätzten Meisterinnen

Neue Bücher und Filme im Jubiläumsjahr geben Einblicke

PlayBauhausfrauen hinter einer Fensterscheibe.
Frauen am Bauhaus - die unterschätzten Meisterinnen | Video verfügbar bis 11.02.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Bauhaus begann als Hunger nach Leben. Kurz vor der Gründung 1919 herrschten Krieg und Elend. Heute kennt man noch die Namen einiger Architekten, die Namen der Künstler Schlemmer, Klee und Kandinskij – aber nur wenige von Frauen.

Bauhaus-Forscher Patrick Rössler
Bauhaus-Forscher Patrick Rössler | Bild: ttt

Der Erfurter Bauhaus-Forscher und Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler erklärt, dass die öffentliche Wahrnehmung des Bauhauses ganz klar von der Generation der Meister geprägt worden sei: "Und die Meister waren mit einer Ausnahme männlich. Denen ist es gelungen auch nach dem Krieg die Rezeption des Bauhauses zu dominieren – in den Ausstellungen und in den Büchern. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass bis vor ungefähr 20 Jahren Frauen sehr wenig vorkamen in der Bauhaus-Geschichtsschreibung."

Gropius' Aufnahmestopp für Frauen

Margaretha Reichardt (1907-1984)
Bildnis Margaretha Reichardt mit Pelzkragen 1933 | Bild: Angermuseum Erfurt / Nachlass Margaretha Reichardt

In einem kleinen Haus bei Erfurt wird die Erinnerung an Margaretha Reichardt bewahrt. Bis 1984 lebte und arbeitete sie hier und bildete Weberinnen aus. Über sie und über das Schicksal weiterer 45 Bauhaus-Frauen hat Rössler gearbeitet. Das Bauhaus war ein Kind der Revolution, es öffnete den Frauen die Tür zur Kunst – und machte sie gleich wieder halb zu.

Als nämlich die Frauen die Mehrheit zu werden drohten, ordnete Direktor Walter Gropius an, nur noch wenige aufzunehmen. Denn Kunst und Frauen – das galt weiterhin als halbseiden und gefühlsverklärt, niemals modern, was Rössler so interpretiert:  

"Jedenfalls hatte er die Wahrnehmung, dass in der Öffentlichkeit der Ruf des Bauhauses leiden würde, wenn der Anteil der weiblichen Studierenden zu hoch würde. Man kann aus heutiger Sicht dies natürlich ganz anders bewerten, aber in der Zeit war ihm an der Rettung des sowieso umstrittenen Bauhauses gelegen. Er wollte die Existenz der Institution nicht aufs Spiel setzen."

Ab in die Weberei mit ihnen: "Wo Wolle ist, ist auch ein Weib"?

Man(n) traute ihnen auch am Bauhaus nicht. Sie wurden in die Weberei geschickt, wo später mit Gunta Stölzl die einzige Frau zur Meisterin wurde.

Die Meister des Bauhauses: Direktor Gropius und Stellvertreter Itten im ARD-Film "Lotte am Bauhaus"
Die Meister des Bauhauses: Direktor Gropius und Stellvertreter Itten im ARD-Film "Lotte am Bauhaus" | Bild: MDR / UFA Fiction / Stanislav Honzik / ttt

Doch die Frauen wollten mehr machen als Bezüge und Teppiche. Tatsächlich aber stammen die meisten der erhaltenen Werke von Bauhaus-Frauen aus der Textilwerkstatt, die mehr war als eine Nebensache, wie Monika Stadler, Tochter von Gunta Stölzl, klarstellt: "Ihre Stoffe waren enorm erfolgreich. Sie haben wirklich das Design revolutioniert. Also von Zeitvertreib – so wie Schlemmer das sagte: 'Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, und sei es nur zum Zeitvertreib' – davon kann keine Rede sein."

Rechtsruck und Mittel-Kürzungen vertreiben das Bauhaus aus Weimar. Mehr und mehr bestimmt danach industrielles Bauen und Gestalten das Programm. Der Anteil der Frauen sinkt in Dessau, der Geschlechterkampf geht weiter.

Neu zu entdecken: Buscher und Brandt, Dicker und Stölzl u.v.a.

"Lotte am Bauhaus" : Spielszene aus dem ARD-Film
"Lotte am Bauhaus" : Spielszene aus dem ARD-Film  | Bild: MDR / UFA Fiction / Stanislav Honzik

Jenseits des Textils werden Frauen erst langsam wieder entdeckt: Friedl Dicker zum Beispiel, die in Auschwitz ermordet wurde. Die Architektin, die auch in anderen Metiers hervorragt, entwarf als erste Bauhäuslerin ein Flachdach, also die Bauhaus-Marke schlechthin.

Oder Alma Buscher, die schon 1923 mit einem Baukasten-Kinderzimmer große Erfolge erzielte und deren Spielzeug noch heute produziert wird. Sie müsste eigentlich berühmt sein, doch ihre Karriere – typisch für die Biographien der Bauhaus-Frauen – brach als Gattin und Mutter ab.

Die Chemnitzerin Marianne Brandt, einzige Diplomandin der Metallklasse, wurde bereits populär: Ihre Lampen und Gefäße sind Kult und erzielen heute stolze Preise.

Und dann noch das Leben selbst: Man stelle sich ein Bauhaus vor als Internat männlicher Zöglinge – das geht gar nicht. In der Bauhaus-Idee steckt auch eine Utopie der Geschlechter und es versuchte, sie zu leben. Über die einzige Meisterin sagt Stölzl-Tochter Monika Stadler: "Was sie wahrscheinlich am meisten genossen hat, das war die große Freiheit, die sie hatte. Dass sie einfach gleichgesinnte Menschen mit Kunstambitionen gefunden hatte, die an einer neuen Welt bauen würden – und als Frau dazu zu gehören."

Überfällig: Ein Hoch auf die Frauen am Bauhaus

Szene aus dem ARD-Film "Lotte am Bauhaus"
Legendär: Parties am Bauhaus – Szene aus dem ARD-Film "Lotte am Bauhaus" | Bild: MDR / UFA Fiction / Stanislav Honzik

Trotz der Behinderungen übertraf das Bauhaus die Emanzipation seiner Zeit spielend. Es lässt sogar mit der nur einen Meisterin neben einem Dutzend Männern manch heutigen Vorstand weit hinter sich. Zugleich haben Männer-Konkurrenz und -Kultur etliche weibliche Karrieren verhindert. Erst ein paar Dutzend der 462 Frauen am Bauhaus sind wieder umfassend gewürdigt worden.

Nach der Schließung 1933 stellten sich den Bauhäuslern – besonders zu Lasten der Frauen – ganz andere Mächte entgegen. Mindestens neun jüdische Bauhaus-Frauen wurden ermordet, viele gingen ins Exil. Es hat lange gedauert, dass die Nachwelt an den Männern vorbei schauen kann und den Anteil der Frauen am Erfolg des Bauhauses würdigt: Er ist beträchtlich.

Autor: Meinhard Michael

Programmtipp
Spielfilm: Lotte am Bauhaus | Das Erste | 13.02.2019 | 20:15 Uhr
Dokumentation: Bauhausfrauen | Das Erste | 13.02.2019 | 22:00 Uhr

Stand: 11.02.2019 13:42 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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