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Chelsea Manning: Meine Geschichte, eine Autobiografie

Die Whistleblowerin über den Irak-Krieg, ihren Kampf gegen Fakenews und den Weg zu sich selbst

PlayChelsea Manning im ttt-Interview
Chelsea Manning veröffentlicht Autobiografie "Readme.txt" | Video verfügbar bis 05.12.2023 | Bild: ttt

Chelsea Manning in Berlin. Die Whistleblowerin ist hergekommen, um ihre Autobiografie vorzustellen, in der sie sich und ihre Motive erklären will: Wie sie im Jahr 2010, damals noch als Gefreiter Bradley Manning, rund eine halbe Million Dokumente und ein Video auf der Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichte.

"Collateral Murder": Enthüllungen über den Irak-Krieg auf WikiLeaks

Dieses Video zeigt, wie US-Soldaten im Irak aus einem Hubschrauber eine Personengruppe beschießen. Elf Menschen kommen ums Leben, darunter zwei Reporter der Agentur Reuters. Damals befand der in Bagdad stationierte Bradley Manning, die Öffentlichkeit in der Heimat müsse die Wahrheit erfahren:

"In den USA wurde damals propagiert, der Irak-Krieg sei letztlich eine gute Sache gewesen, man habe den Irakern ja die Demokratie gebracht. Doch das war pure Schönfärberei der traumatischen, extremen Ereignisse, die wir vor Ort erlebten."

Mit 21 zum Militär: "README.txt" erzählt von Mannings Identitätssuche

Ein von der US-Armee verbreitetes Foto von Bradley Manning
Ein von der US-Armee verbreitetes Foto von Bradley Manning | Bild: imago / ZUMA Press

In ihrem Buch "README.txt"erzählt die Autorin von ihrer schmerzhaften Suche nach Identität. Wie sie als Junge mit Eltern aufwuchs, die Alkoholiker waren, im konservativen Oklahoma, sich selbst im falschen Körper fühlend. Sie trieb sich herum und fand Zuflucht im Internet.

"Ich habe mich schon früh im Internet bewegt. Ich lernte Programmiersprachen und nutze digitale Netzwerke. Ich beschäftigte mich mit digitaler Sicherheit und zwar zu einem Zeitpunkt, als es noch keine Sicherheits-Standards gab. Damals war das Internet eine Art Wilder Westen. Am Computer konnte ich mich ausleben."

2009 meldet sich Bradley Manning, 21 Jahre alt, bei der Armee. In der Hoffnung, dort Halt zu finden: "Beim Militär sucht man gezielt nach Leuten, die aus unsicheren Verhältnissen kommen, die in Armut leben. Meine Berufsaussichten waren damals sehr beschränkt, das Militär schlägt aus solchen Umständen Kapital. Die Kameraden, die gemeinsam mit mir den Militärdienst antraten, hatten oft prekäre Familiengeschichten."

Ideale vs. Realität: Asymmetrische Kriegsführung

Auch in Berlin kommt es im Februar 2013 zu Kundgebungen für die Freilassung von Bradley Manning
Auch in Berlin kommt es im Februar 2013 zu Kundgebungen für die Freilassung von Bradley Manning | Bild: Imago Christian Ditsch

Bradley Mannings digitale Expertise ist dort gefragt als Nachrichtenanalytiker: Alle möglichen Daten sammeln über potentiell gefährliche Iraker für Anti-Terror-Aktionen der US-Army, das ist der Auftrag.

Im Buch beschreibt Chelsea Manning den als verstörend wahrgenommenen Gegensatz zwischen dem Verhalten der Amerikaner im Irak und den eigens postulierten Prinzipien: "Als ich im Irak ankam, wurden all meine Vorstellungen auf den Kopf gestellt. Ich lernte das wahre Gesicht der asymmetrischen Kriegsführung kennen, die Einsätze waren kompliziert und kaum zu durchschauen. Darauf waren wir während der militärischen Ausbildung nicht vorbereitet worden. Nichts davon wurde in den Medien verbreitet, Normalbürger erfuhren davon nichts." 

Hunderttausende sensible Militärdaten kursieren im Internet

Das Sterben der eigenen Kameraden, der Tod von Irakern… Von wegen "Mission Accomplished". Der Gefreite Bradley Manning kopiert die Wahrheit darüber in Form digitaler Daten und lädt das Material auf der damals noch kaum bekannten Enthüllungsplattform WikiLeaks hoch. Es wird eine Sensation. Er wird verhaftet. Verbringt Monate in strenger Isolationshaft.

Weißes Haus und Pentagon sind bloßgestellt.
Weißes Haus und Pentagon sind bloßgestellt. | Bild: dpa

In den Medien bestimmen die sogenannten Irak-Protokolle wochenlang die Schlagzeilen. Hunderttausende von sensiblen Militärdaten, einer weltweiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Pentagon, die gesamte US-Regierung sind bloßgestellt. Ein gewaltiger Image-Schaden: "Das System fühlte sich angegriffen. Sie taten so, als läge durch meine Leak eine existientielle Bedrohung vor. Dabei ging es doch um die Realität, um Wahrhaftigkeit. Es ist mir bis heute ein Rätsel, dass die Regierung und das Militär nicht begriffen haben, dass wir heute im digitalen Zeitalters leben, in dem praktisch alle Informationen unbegrenzt verfügbar sind."

Hoher Preis für Enthüllungen: 59 Tage eingesperrt in einem Käfig

Die Beschreibung des Umgangs mit Daten, ihrer Nutzung und Ausnutzung zählt zu den spannendsten Passagen im Buch. Dass Menschen für Manning weltweit auf die Straße gingen, sich mit ihm solidarisierten, drang damals nicht zu ihm durch:  

"Ich wollte nur überleben. Was draußen in der Welt passierte, rauschte an mir vorbei. Ich war 59 Tage lang in einem Käfig eingesperrt, in der Hitze. Ich wusste nicht, ob ich den Wächtern glauben konnte, wenn sie sagten, demnächst kommst du nach Guantanamo, dort gibt es weitere Verhöre, also Folter!"

35 Jahre für Bradley, der in der Haft zu Chelsea Manning wird

2013 wird der Häftling vor Gericht gestellt, am Ende schuldig gesprochen in 17 von 22 Punkten, darunter "Computerbetrug", "Diebstahl" und "Spionage", immerhin nicht wegen Hochverrats. Für die Verteidigung ist klar, dass Regierung und Justiz ein Exempel statuieren wollten. Das Urteil: 35 Jahre Haft.

In der Haft wird Bradley zu Chelsea Manning, mit Hilfe einer Hormonbehandlung. Chelseas Anwälte beantragen im Weißen Haus eine Haftverkürzung bei dem aus dem Amt ausscheidenden Präsidenten Obama. Der gewährt sie. Seit 2017 ist Chelsea Manning frei, von vielen wird sie als Heldin verehrt. Doch sie will keine Heldin sein.

Mannings neue Mission: Fake News begegnen

Heute liegt ihr ein anderes Problem am Herzen: der naive Umgang mit der Flut an Daten, die Frage: Wie umgehen mit Fake News? "Die größte Herausforderung vor der wir stehen, ist nicht mehr die Frage nach Geheimhaltung auf der einen und Transparenz auf der anderen Seite, sondern der Wahrheitsgehalt der Informationen, die heutzutage auf uns einstürzen."

Ihr Buch beschreibt nicht nur die Geschichte eines berühmten Daten-Leaks und einer schmerzvollen Suche nach Identität; es ist spannende Zeitgeschichte.

Heute engagiert sich Manning als Aktivistin für Netzsicherheit und gegen Lügen im Netz.

Autorin: Hilka Sinning

Buchtipp
Chelsea Manning: README.txt
HarperCollins

Stand: 05.12.2022 11:31 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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