SENDETERMIN So., 26.06.22 | 23:05 Uhr | Das Erste

Der Skandal um Antisemitismus auf der Documenta

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Antisemitismus auf Documenta | Video verfügbar bis 26.06.2023 | Bild: Das Erste

Zwei Tage nach der Eröffnung löst ein offen antisemitisches Bild auf der weltgrößten Kunstschau einen der größten kulturpolitischen Skandale aus: An einem zentralen Platz der Documenta wird ein monumentales Bild der Künstler*innengruppe Taring Padi aufgestellt, dass antisemitische Motive enthält. Wie konnte das geschehen? Monatelang wurde über die Documenta gestritten. Das Kurator*innen- Kollektiv „Ruangrupa“, eine Künstler*innen- und Aktivist*innengruppe aus Indonesien, sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, Künstler zu fördern, die der BDS, einer Initiative, die den Boykott Israels fordert, nahestehen. Die Gruppe wehrte sich mit einem offenen Brief. Die Geschäftsführerin der Documenta, Sabine Schormann sekundierte: Man möge doch bitte abwarten bis zur Eröffnung und nicht vorauseilende Zensur betreiben. Die Kritik wurde als rassistische Vorverurteilung zurückgewiesen. Und überhaupt: Es gelte die Meinungs- und Kunstfreiheit. Auch die Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, konterte: „Wo sind die Beweise“. Nun, eine Woche später, stehen die Documenta und ihre Macher*innen vor einem der größten Skandale in der Kunst. Auch die Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth rudert zurück, fordert lückenlose Aufklärung.

"Schlimmste Erwartungen übertroffen"

peoples justice abgehängt
Das Plakat "People's Justice" wurde abgehängt. | Bild: Das Erste

Der Jubel ist nur von kurzer Dauer: Das indonesische Kurator*innen-kollektiv „Ruangrupa“ kurz vor Eröffnung der documenta vergangene Woche in Kassel. Für einen Moment sieht es so aus, als könnte die größte Kunstschau der Welt doch noch ein heiteres Happening werden. Doch dann das: Antisemitische Motive auf einem Bild der Gruppe Taring Pardi. Heftige Debatten um die Ausrichtung der Documenta gibt es seit einem halben Jahr: Der Vorwurf – die Kurator*innen würden Künstler*innen fördern, die für den Boykott Israels eintreten. Mit Verweis auf die Kunstfreiheit und spannende Perspektiven des globalen Südens wurden die Befürchtungen abgewehrt.

Dann dieses Bild an zentralem Platz:  Ein als orthodoxer Jude erkennbarer Mann mit Schläfenlocken, Raffzähnen und SS-Runen. Und ein Soldat mit Schweinsgesicht, Mossad steht auf seinem Helm! "Teile der Bilder, um die es hier ganz konkret geht", sagt Josef Schuster, Präsident Zentralrat der Juden, "haben meine schlimmsten Erwartungen übertroffen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass auf der Documenta ein Bild mit purem Antisemitismus gezeigt wird. Wie der Jude hier als Jude erkennbar sein soll, ist beste 'Stürmer'-Natur."

Antisemitismus "größter Feind der Kunstfreiheit"

Taring Padi
Ein Plakat-Kunstwerk von Taring Padi | Bild: Das Erste

Das indonesische Künstler*innenkollektiv, das das Werk geschaffen hat, heißt "Taring Padi" – zu Deutsch "Reisszähne". Sie sind ein Kollektiv, dass unterdrückten Gruppen eine Stimme geben will. Ihr Bild "People´s Justice" ist eine Gemeinschaftsarbeit, 20 Jahre alt. Es wurde schon mehrmals ausgestellt und thematisiert die indonesischen Freiheitskämpfe am Ende der Suharto-Diktatur, eines von den USA unterstützten Regimes. Dass die Motive antisemitisch sind – für das Kollektiv ein „interkulturelles Interpretationsproblem“. Soziologe Natan Sznaider sieht das anders: "Wenn die Künstler dann sagen, im indonesischen Kontext gilt das nicht als antisemitisch, das war eine Kritik an der Diktatur und am Imperialismus, dann kann man sagen: 'Ja, Kritik am Imperialismus – wieso wird die durch antisemitische Motive transportiert?'" Warum sind Warnungen, die auch der Soziologe Natan Sznaider im Vorfeld formuliert hat, ausgeschlagen worden? Die Macher der Documenta haben lange Zeit die Kritik an der Ausrichtung der Kunstschau als rassistische Vorverurteilung zurückgewiesen.  

Indonesien ist der Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit. Das Land hat ein äußerst kompliziertes Verhältnis zu Israel, diplomatische Beziehungen gibt es keine. Das ist alles bekannt gewesen, das wussten auch die Organisator*innen der Documenta. Doch immer wieder wurde die Offenheit gegenüber dem globalen Süden betont, sich auf die Kunstfreiheit berufen. "Antisemitismus überschreitet Nationalgrenzen und Ländergrenzen", sagt Künstler Leon Kahane, "Antisemitismus ist etwas, was sich kulturell vermittelt hat im Christentum und im Islam. Indonesien ist das größte muslimische Land der Welt. Warum sollte es ausgerechnet dort keinen Antisemitismus geben? Antisemitismus ist der größte Feind der Kunstfreiheit."

Der Umgang mit dem Skandal

Soziologe Nathan Sznaider
Der Soziologe Nathan Sznaider kritisiert die Documenta-Leitung. | Bild: Das Erste

Die antisemitischen Motive sind ein Skandal. Schlimmer noch: der Umgang mit dem Skandal. Erst wird das kollektive Wimmelbild verhüllt, später auf Druck der Öffentlichkeit abgehängt. Das leere Gerüst wirkt wie eine Anklage. Doch „gut“ ist damit noch lange nichts: Die Fragen bleiben, auch für Natan Sznaider: "Es kann sein, dass es hier ein Anliegen einer bestimmten Kulturelite in Deutschland gibt, die Israel mal eins überbraten wollte." Der Verdacht trifft die Documenta-Leitung und die Macher*innen – wieso konnte dieser Skandal nicht verhindert werden? Von allen Seiten wird der Ruf nach Konsequenzen lauter. Unsere Interviewanfragen an Ruangruppa bleiben unbeantwortet. Etwas spät dann: eine Entschuldigung des Kurator*innen-Kollektivs – ein Statement, verschickt an alle Medien: "Wir haben alle darin versagt, in dem Werk die antisemitischen Figuren zu entdecken. Es ist unser Fehler." Die Entschuldigung befriedet den Aufruhr nur wenig. Es gibt Jurist*innen, die in den antisemitischen Motiven sogar den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt sehen.

Selbst die Staatsministerin für Kultur und Medien, Grünen-Politikerin Claudia Roth, steht inzwischen unter Druck. Sie hat die Positionen der Documenta-Macher*innen im Vorfeld immer wieder verteidigt. Nun tritt sie die Flucht nach vorn an: "Antisemitismus ist ein Angriff auf die Menschenwürde – bei uns, aber auch überall auf der Welt. Ich fordere, dass die Verantwortungen geklärt werden. Das ist nicht folgenlos, denn im Moment ist nicht klar: wer hat die Verantwortung? Aufsicht, Rat, Geschäftsführung, Kuratoren: Ich hatte nicht die Möglichkeit, überhaupt in Verträge Einsicht zu bekommen. Und das muss sich ändern." Die Documenta bekommt 4.5 Millionen vom Bund. Der hat aber seit 2018 im Aufsichtsrat kein Mitspracherecht mehr. Roth will das ändern und sie fordert, dass alle Werke der documenta auf antisemitische Haltung überprüft werden. Im Focus der Kritik: die mehr als unglücklich agierende Documenta-Leiterin. "Ich nehme meine Aufgabe verantwortungsvoll wahr", verteidigt sich Generaldirektorin Sabine Schormann, "ich glaube nach wie vor an die documenta fifteen und ich glaube auch daran, dass man in schwerer See als Kapitän an Bord bleibt." Mit einer Gesprächsreihe will Sabine Schormann nun den Skandal befrieden. Aber warum soll jetzt auf einmal etwas funktionieren, was schon im Vorfeld der Documenta gescheitert ist? Ein Dialog, ein Diskurs, der offen Probleme benennt und klare Grenzen zieht.

"Durch die Beseitigung von bestimmten Personen", findet Natan Sznaider, "wird das Problem nicht vom Tisch gefegt. Wie Hannah Arendt sagte: Vor dem Antisemitismus ist man nur auf dem Mond sicher. Und dass man das im gewissen Sinne wirklich verinnerlicht und versteht und nicht glaubt, dass man Antisemitismus wegpädagogisieren kann."

Autorin: Petra Dorrmann

Mitarbeit: Grete Götze, Ulf Kalkreuth

Stand: 29.08.2022 12:11 Uhr

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