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"Die Übernahme": Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

PlayMontagsdemo in Leipzig zur Wende
Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde | Video verfügbar bis 06.10.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf den glückseligen Fall der Mauer folgten schnell Trauer und Zorn, wie Stimmen in einer Umfrage von damals zeigen: "Ja, die Sicherheiten sind weg, was die Kinder anbelangt, die Sicherheit der Kinder in den Horts, in den Kindergärten." Oder: "Ich weiß nicht mal, ob ich mein Kind zur Welt bringen soll oder nicht, wenn es wirklich zur Wiedervereinigung kommt, habe ich Angst, dass die ganzen sozialpolitischen Maßnahmen wegfallen." Oder: "Wir bleiben auf der Strecke. Wie kann man mit uns sowas machen, mit uns Arbeitern, wir haben doch genauso gut gearbeitet wie drüben in der BRD die Leute."

Die SED-Diktatur war Vergangenheit, der Osten blühte auf. Was aber blieb, war das Gefühl, als Bürger zweitklassig zu sein, wie der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt: "Die Menschen haben ihre Arbeit verloren, das war in ihren Lebensentwürfen bisher nicht vorgesehen, das war eine völlig neue Erfahrung. Eine Folge, mit der wir uns wahrscheinlich bis heute rumschlagen: Dass die betroffenen Menschen keine Identifikation mit dem neuen System aufbauen konnten."

Ernüchternder Streifzug

Das von der Treuhand 1993 abgewickelte Kalibergwerk im thüringischen Bischofferode, die verwaiste Umkleidekammer der Kumpel, ist für Kowalczuk ein Symbol für die Schatten der Einheit. Der programmatische Titel seines ernüchternden Streifzugs durch die deutsch-deutsche Zeitgeschichte lautet: "Die Übernahme".

Bischofferode 1993
Bischofferode 1993 | Bild: dpa

Die Kalibergwerker traten in den Hungerstreik für den Erhalt ihres Betriebs. Dann kam der Krankenwagen. Der große Kollaps. In Nachwendezeiten, bilanziert Kowalczuk, wurden bisweilen an einem einzigen Tag 10.000 Arbeitsplätze vernichtet: "Mit dem Eingehen der Betriebe gingen auch die ganzen Sozialsysteme und sozialen Beziehungen verloren. Das ist etwas, was der Westen damals überhaupt nicht wahrgenommen hat. Das ist aber genau das, warum sich viele Menschen auf einmal verloren fühlten. Mit anderen Worten: Die verloren ihre sozialen und ihre kulturellen Positionen. Das ist etwas, was man nicht in Geld aufwiegen kann."

Kowalczuk, gewiss kein Ostalgiker, zeigt: Die Ideale der selbstbewussten 89er-Bürgerrechtler spielten bald keine Rolle mehr. Die alte Bundesrepublik breitete sich aus über den Osten. Das hat bis heute Folgen. Bürger aus den neuen Bundesländern bekleiden noch 2019 nicht einmal vier Prozent aller Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft oder Verwaltung in Deutschland. Kowalczuk bilanziert: "Im Prinzip schlugen die Hoffnungen, die man hatte, dass die Menschenrechte nun auch in der DDR verwirklicht werden würden, ganz schnell um. (Es ging dann eher darum), dass man so leben wollte, wie die Brüder und Schwester im Westen. Man wollte Teil der Schaufenster werden, Teil der Hochglanzkataloge."

Unglaubliche Dynamik der Ereignisse

Spätestens bei der Volkskammerwahl im März 1990 kippte die Stimmung. Der Kanzler gab das Tempo vor, seine Allianz für Deutschland triumphierte. Alle Träume von einer neuen, gesamtdeutschen Verfassung waren geplatzt. Ilko-Sascha Kowalczuk erinnert an die Geschwindigkeit der Abläufe:

Ilko-Sascha Kowalczuk
Ilko-Sascha Kowalczuk | Bild: MDR

"Wenn man sich überlegt, noch Anfang Februar 1990 geht Helmut Kohl, der Kanzler, davon aus, dass die Deutsche Einheit ganz schnell kommen wird, wahrscheinlich schon im Jahr 1995. Das sagt er im Februar 1990. Doch schon am 3. Oktober 1990 ist sie dann da. Es war eine Zeit, in der die Realität Tag für Tag die Fantasie überholte. Diese unglaubliche Dynamik, dieses unglaublich hohe Tempo musste die Menschen auch einfach überfordern."

"DDR – mehr als ein großer Stasi-Knast"

Im Westen wurde die DDR gern auf die Rolle eines überdimensionierten Stasi-Knasts reduziert. Aber waren das allein bestimmende Problem wirklich Mielkes Mannen? War die Fokussierung auf die Stasi nicht ein Persilschein für Armee, Polizei und die allmächtige Partei?

Ilko-Sascha Kowalczuk schätzt ein: "Wenn man jetzt nach Fehlern im Einigungsprozess schaut, dann wird man sich sicherlich auch anschauen müssen, wie die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur seit 1990 lief. Von Anfang an war eine sehr starke Orientierung auf die Staatssicherheit gegeben. So richtig es ist, die SED-Diktatur als das hinzustellen, was sie war – als ein Regime, das ohne Mauer, Stacheldraht und Knast gar nicht überlebensfähig war – verblasste dahinter aber gewissermaßen alles andere, was die Gesellschaft in der DDR, das Leben in der DDR, für die Einzelnen ausgemacht hatte."

Projektionen sichern Machthierarchien

Wie also umgehen mit dem untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat, der allenfalls noch in Miniatur, etwa im Berliner DDR-Museum, weiterlebt. Als Sammlung von Schauerstücken und Kuriositäten. Als Projektionsfläche von Spießertum und Staatsterror.

Dabei gab es den Ossi an sich doch erst seit 1989, meint Kowalczuk: "Der Ostdeutsche ist ja eine Konstruktion. Stellen sie zehn Ostdeutsche nebeneinander und sie werden sich wundern, die haben alle zehn nichts miteinander zu tun. Solche Konstruktionen haben immer zum Ziel, Machthierarchien zu festigen. Und so gibt es eine Machthierarchie ganz klar zwischen Ost- und Westdeutschland, auch wenn das nicht jedem einzelnen bewusst ist."

Kowalczuks mit Empathie ausgebreitetes Sündenregister, verdirbt uns bekennend die Jubiläums-Feierlaune. Die Narben der Wende schmerzen auch nach 30 Jahren. Bis zur Einheit unter Gleichen ist es noch weit.

Autor: Tilman Jens

Buchtipp
Ilko-Sascha Kowalczuk
Die Übernahme
319 Seiten
C.H. Beck
978-3-406-74020-6
16,95 Euro

Stand: 08.10.2019 12:05 Uhr

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