SENDETERMIN So., 11.10.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

"Oeconomia": Wie kommt das Geld in die Welt?

Ein Dokumentarfilm zur Frage, wie wir das Monopoly-Spiel beenden können

PlayGelddruckmaschine
Oeconomia – dem Geld auf der Spur | Video verfügbar bis 12.10.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Frage aller Fragen – und Ratlosigkeit bei den Experten. Die Dokumentarfilmerin Carmen Losmann hat sich in der Finanzkapitale Frankfurt auf die Spur des Geldes gemacht. Woher kommt es, wie vermehrt und verteilt es sich? Sie schickt voraus: "Wir denken Geld aus einer ganz alten Perspektive – so wie Geld im feudalen Münzsystem mal war. Geld als Guthaben, als Goldstück, als etwas, das man hat."

Doch Geld entsteht durch Kredite, wie Losmann erklärt: "Wenn man sich fragt: Wie wird Geld erzeugt und mit welchen Mechanismen, wird man feststellen: Geld besteht aus Bankschulden. Das heißt, Sie brauchen ständig diese Spirale, dieses Pingpong-Spiel aus: Jemand nimmt Schulden auf, damit ein anderer Gewinne machen kann. Und die Gewinne, wenn sie nicht direkt verkonsumiert werden, werden wieder reinvestiert. Das bedeutet, diese Spirale wird irgendwann immer größer.

Ist es Hexerei?

"Oeconomia": Wie kommt das Geld in die Welt?
Geld per Mausklick erzeugen? | Bild: Polyfilm

Regelt das alles der Markt, wie wir glauben möchten? Ist es Hexerei? Losmann hinterfragt das scheinbar Selbstverständliche. Das ist nämlich kompliziert genug. Auf die Frage, wie das Geld entsteht, findet Peter Praet, ehemaliger Chefvolkswirt Europäische Zentralbank, nur eine ausweichende Antwort: "Wir schaffen Geld. Das geschieht sozusagen elektronisch. Wir schreiben den Konten den Betrag gut. Das werden die Leute wieder nicht verstehen. Ich verbildliche das mal – das ist jetzt ohne Kamera: Ich könnte sagen: Ich drucke Geldscheine. Aber das ist nur ein Bild, so machen wir das nicht, das macht das Banksystem."

Doch wir verstehen! Auch gedrucktes Geld ist eigentlich Kredit von der Bank. Die nimmt es nicht aus irgendeinem Guthaben, sondern setzt es in die Welt – per Mausklick. Zugleich verlagert sich im digitalen Zeitalter die reale Produktivität – reales Wachstum in realer Wirtschaft immer mehr ins Virtuelle, in windige Aktien, ins Labyrinth unsichtbarer Geldströme.

Das System: Die Schulden der einen sind die Gewinne der anderen

"Oeconomia": Wie kommt das Geld in die Welt?
Viele gute Fragen, die Banker sprachlos machen | Bild: Polyfilm

Um den Kern der kapitalistischen Dynamik zu verstehen, hat sich Carmen Losmann in den "Motorenraum des Kapitalismus" begeben, in die Chefetagen der Banken, zu Finanzvorständen, Chefökonomen und Investmentberatern. Dorthin, wo sich die Macht des Geldes ballt.

Immer wieder stellt Losmann den mal abweisend, mal freundlich interessiert reagierenden Managern dieselben einfachen, aber dennoch überraschenden Fragen: Wie wird Geld geschaffen, wie werden Gewinne erwirtschaftet? Warum müssen Unternehmen wachsen – und damit die Schulden, private wie öffentliche?

Die Filmemacherin erlebt während ihrer Interviews einige Momente der Sprachlosigkeit. Die Seite der Verschuldung wird ungern angesprochen. Fakt ist aber: Die Schulden der einen sind die Gewinne der anderen. Mehr Gewinn gleich höhere Schulden. Carmen Losmann hat ihr Thema sauber recherchiert. Im Finanzjargon ist das der berühmt-berüchtigte "Elefant im Raum", über den offenbar aber niemand gern spricht.  

Kapitalismus ist auch Glaubenssache

"Oeconomia": Wie kommt das Geld in die Welt?
"Oeconomia": Wie kommt das Geld in die Welt?, fragt dieser Dokfilm. | Bild: Polyfilm

"Die Schulden, die wir nicht sehen wollen", so Losmann, "existieren  spiegelbildlich zum vorhandenen Vermögen im System – ob bei Ihnen als Kleinschuldner, wenn Sie Ihr Haus gebaut haben, oder bei den Staaten."

Es sind die Schuldner, die das System am Laufen halten. Meistens geht das gut. Doch seit der Finanzkrise 2008, ausgelöst durch faule Hauskredite, ahnen wir, Kapitalismus ist irgendwie auch Glaubenssache: Kann funktionieren, muss aber nicht. Sicher und weltweit zu besichtigen ist nur, dem Reichtum weniger steht die Armut vieler gegenüber. Und die Gewinne von heute sind die Schulden von morgen.

Fazit? "Wir müssen das Wirtschaftssystem transformieren"

Die Ressourcen der Erde, auch sie werden dem Profitstreben geopfert. Carmen Losmann fragt mit ihrem Film: Müssen wir immer weiter wachsen?

Die Regisseurin hat, wie sie sagt, keine abschließende Antwort darauf: "Ich weiß nicht, was zuerst kollabiert: das Ökosystem oder der Kapitalismus. Es ist sozusagen ein Pingpong-Spiel, das immer weiter ausschlägt, mit Profiten auf der einen Seite und Schulden, die auf der anderen Seite dafür gemacht werden müssen. Wir sehen in Zeiten von Corona: Diese Fokussierung auf Wachstum bleibt erhalten, koste es was es wolle. Ich glaube, in dem Moment, wo wir als Gesellschaft anfangen, uns damit auseinanderzusetzen, warum dieser ständige Wachstumszwang unserem System so immanent ist, können wir auch anfangen, politische Forderungen zu stellen. Wir müssen das Wirtschaftssystem so transformieren, dass uns das Geld nicht ausgeht, nur weil wir nicht weiter wachsen."

Es gibt keine letzte Wahrheit zu vermelden aus dem Maschinenraum des Kapitalismus. Auch Carmen Losmann gibt nicht vor, alles verstanden zu haben. Doch die Fragen, die sie stellt, sind keine weltfremde Utopie: Sie nimmt uns mit auf eine Suche nach einem Ausweg aus der Logik der endlosen Kapitalvermehrung. Die Alternative? Das Monopoly weiterspielen bis zur finalen Erschöpfung von Mensch und Natur ...

Autor: Andreas Lueg

Filmtipp
"Oeconomia"
Regie: Carmen Losmann
Kinostart: 15. Oktober

Stand: 12.10.2020 12:20 Uhr

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 11.10.20 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste