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Dokumentarfilm-Thriller "The Dissident" über den Mord an Jamal Khashoggi

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Dok-Thriller "The Dissident" | Video verfügbar bis 18.04.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jamal Khashoggis Gesicht kennt die ganze Welt – wegen eines Verbrechens. Die Fakten rund um die Tat sind geklärt: Am 2. Oktober 2018 mittags betritt er das saudische Konsulat in Istanbul. Er will Papiere für die Hochzeit mit seiner Verlobten Hatice abholen. Die wartet draußen auf ihn, bis zum Abend. Dann schlägt sie Alarm. Am nächsten Tag rückt die Presse an. Was zu diesem Zeitpunkt keiner weiß: Khashoggi ist tot, seine Leiche weggeschafft. Sein Schicksal war schon zehn Minuten nach dem Betreten des Gebäudes besiegelt. Seine eigenen Landsleute haben ihn überwältigt.

"Sie ersticken mich noch! Sie bringen mich um!"

Irfan Fidan ist Oberstaatsanwalt in Istanbul. In Bryan Fogels Dokumentarthriller "The Dissident" schildert er den Hergang des kaltblütigen Mordes an Khashoggi: "Als ihn das Killerkommando überwältigt, fängt er an zu schreien: 'Sie ersticken mich noch! Sie bringen mich um! Ich habe Asthma!'" Keuchen. Ächzen. Das ist alles, was er von sich geben kann, während man ihn umbringt.

Zwei Wochen müssen die türkischen Ermittler warten, bis sie im Konsulat Beweise sichern können. Laut Recep Kılıç, dem zuständigen forensischen Ermittler in Istanbul, führten die Spuren in den Konferenzraum. Dem Tatort. "Dort gibt es abhörsichere Leitungen direkt nach Saudi-Arabien. Aus der Tatsache, dass genau dieser Raum benutzt worden war, wird geschlossen, dass sie in Kontakt mit ihrem Land standen – vor, vielleicht während, und nach dem Vorfall."

Packender Indizienprozess eines perfekten Auftragsmordes

Szene aus dem Film "The Dissident"
Szene aus dem Film "The Dissident" | Bild: IMAGO

Dass der türkische Geheimdienst den Raum verwanzt und alles aufgezeichnet hat – davon haben die Täter keine Ahnung. Den Ermittlern in Istanbul dagegen ist klar, wo sie nach versteckten Blutspuren zu suchen haben. Bildmaterial und Abhörprotokolle hat die türkische Justiz dem Regisseur Bryan Fogel für seinen Film zur Verfügung gestellt: "Was den Fall Khashoggi angeht, so hat die Türkei bei den Ermittlungen herausragende Arbeit geleistet und die Tat restlos aufgeklärt. Es war ein vorsätzlicher, bis ins Detail geplanter, brutaler Mord."

Oberstaatsanwalt Irfan Fidan ergänzt: "Sie haben angefangen, den Körper zu zerlegen. Mit einer Knochensäge. Einer Knochensäge." Auch die Entsorgung des Leichnams war sorgfältig vorbereitet: Die Ermittler glauben, dass er in der Privatresidenz des saudischen Konsuls in einem Grillofen verbrannt wurde.

Vom Freund zum Feind – warum musste Jamal Khashoggi sterben?

Irfan Fidan enthüllt weitere grausame Details: "Das Konsulat hatte in der Nacht des Mordes von Jamal Khashoggi bei einem Istanbuler Restaurant 70 Pfund Fleisch bestellt. Wenn dort eine Leiche verbrannt wurde, hat man alle potentiellen DNA-Spuren vernichtet. Wir sind der Meinung, dass man das Fleisch dazu benutzt hat, den Geruch der verbrennenden Leiche zu verdecken."

Fogels Film rekonstruiert die Ereignisse in Istanbul. Er fragt aber auch: Warum musste Jamal Khashoggi sterben, einst ein angesehener Journalist, der dem Herrscherhaus in Riad nahestand? Der anfangs den jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman unterstützte und dessen Reformen, das Land zu modernisieren. Nur eines störte Khashoggi: Dass im Königreich allein die Meinung des Herrschers gilt. Kritik ist nicht erlaubt. Er sagt, das er keine Demokratie fordere, sondern nur, dass es dem Volk erlaubt sei, zu sprechen. "Ich verlange das Minimum!"

In den USA unterstützt Khashoggi ein oppositionelles Twitter-Netzwerk

Das Minimum an Meinungsfreiheit ist schon zu viel. Von ganz oben erhält Khashoggi den Befehl zu schweigen. Er flieht in die USA, geht zur Washington Post, begleitet von Hass-Tweets. In Saudi-Arabien ist ein ganzes Cyber-Heer damit beschäftigt, die Öffentliche Meinung mit Tweets zu steuern. In einem Land, wo die Mehrheit der Bevölkerung Twitter als Nachrichtenquelle nutzt, ist es ein Leichtes für die digitalen Regierungshelfer, das Reformprogramm VISION 2030 des Kronprinzen an die Spitze der Twitter-Charts zu pushen.

Das weiß auch Omar Abdulaziz, ein saudischer Regime-Kritiker und Freund Khashoggis. Auch Omar ist aus Riad geflohen, lebt im Exil in Montreal, Kanada. Sein Plan: Er will ein oppositionelles Twitter-Netzwerk schaffen. Gegentweets sollen der saudischen Troll-Armee Paroli bieten. Khashoggi ist von der Idee begeistert. Er unterstützt Omars Projekt. Schickt Schecks für Sim-Karten und Smartphones. Je mehr Twitterkonten dazugehören, desto effizienter kann Omars Netzwerk arbeiten. Abdulaziz warnte seinen Freund: "Ich sagte ihm: Du weißt schon, wenn du anfängst, mit uns zu arbeiten, ist das eine ganz andere Nummer. Du bist nicht länger bloß Journalist, sondern ein Dissident."

Im Kampf für die Meinungsfreiheit verlor Khashoggi sein Leben

Szene aus dem Film "The Dissident"
Szene aus dem Film "The Dissident" | Bild: IMAGO

Was weder Jamal Khashoggi noch Omar Abdulaziz wissen: Ihre Mobiltelefone sind vom saudischen Geheimdienst gehackt worden. Regisseur Bryan Fogel erklärt: "Saudi-Arabien nutzte eine israelische Spionage-Software namens 'Pegasus'. Mit Hilfe dieser Technologie nahm der Geheimdienst Dissidenten ins Visier, das lässt sich beweisen. So verschafften sie sich uneingeschränkten Zugriff auf alles, woran Jamal und Omar arbeiteten. Nach meiner Einschätzung waren die Erkenntnisse aus dem Telefon-Hacking letzten Endes der Grund, warum sie Jamal ermordeten. In ihren Augen stellte er eine existentielle Bedrohung dar, weil er die Propaganda des Königreichs Saudi-Arabien unterminierte."

"Wir kennen jeden, der an dem Mord beteiligt war"

In der Nacht vor Khashoggis Tod landet eine Privatmaschine, die dem Königshaus gehört, am Flughafen in Istanbul. An Bord: ein 15-köpfiges Killerkommando. Einer der Passagiere ist der saudische Rechtsmediziner al-Tubaigy. Oberstaatsanwalt Irfan Fidan versichert: "Wir kennen jeden, der an dem Mord beteiligt war, was derjenige tat, bis ins kleinste Detail."

"Die Vorstellung, dass ein Einsatz auf diesem Niveau ohne den Auftrag des Kronprinzen stattfindet, ist unmöglich", fügt Bryan Fogel hinzu: "Die Wahrscheinlichkeit liegt nicht mal bei einem Prozent. Nicht mal bei null Komma null-null-null eins Prozent, dass er von dem Mord nichts wusste und ihn nicht genehmigte." Sein Dokumentarfilm ist wie eine Anklage vor Gericht mit uns als den Geschworenen in einem Mord, der bisher weitestgehend ungesühnt blieb.

Autorin: Hilka Sinning

"The Dissident“, R: Bryan Fogel, 2020
Ab 16. April als Stream verfügbar

Stand: 20.04.2021 14:02 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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