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"Die Nacht, als das Feuer kam"

Tatsachenroman über Dresden, 13. Februar 1945 und das Trauma

PlayEin Mann vor der Tower Britsch
Dresden 1945 und das Trauma: "Die Nacht, als das Feuer kam" | Video verfügbar bis 09.02.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über 7.000 Stadt-Fragmente lagern im Lapidarium in Dresden. Nach der Bombardierung vor 75 Jahren stand die gesamte Altstadt in einem wütenden, alles verzehrenden Feuersturm, circa 25.000 Menschen sterben. Die Gebäudebrocken und Figuren in dieser Kirchenruine sind das, was übrig blieb. Ein Friedhof der Steine – und doch auch nicht: Denn die Splitter werden nach und nach in die Stadt wieder eingefügt.

Zahllose Augenzeugen-Berichte

Die Bombardierung im Februar 1945 ist eines der prägendsten Ereignisse in der Geschichte der Stadt. Der Londoner Journalist Sinclair McKay hat für sein Buch über diese Nacht zahllose Augenzeugenberichte studiert, auch die der englischen Royal Airforce Piloten, die in 796 Lancaster Bombern in jene Dresdner Nacht flogen und den Angriff filmten, wie er beim Gespräch im  Royal Airforce Museum in London erklärt.

"In den Tagebüchern findet sich ein Bericht von dem Bombenschützen Miles Tripp, der hier vorne in der Glaskapsel lag und auf die Stadt herunter blickte. Anders, als in den Filmaufnahmen zu sehen, beschrieb er ein knallbuntes Leuchten, ein gigantisches Netz aus schimmerndem Gold, ein Gold aus Flammen, das immer höher wuchs. Viele beschrieben, dass sie regelrecht gebannt waren von dem Gewimmel und dem Grauen dieses Spektakels. Zugleich kann man sich aber auch vorstellen, dass aus dieser gewaltigen Höhe Einzelschicksale nicht wahrnehmbar waren."

"Ich wollte herausfinden, wer diese Piloten waren"

McKay macht nun aber in "Die Nacht als das Feuer kam" genau das: akribisch erzählt er die Einzelschicksale von so vielen Beteiligten, wie nur möglich, von Bombardierten und Bombern: "Ich wollte herausfinden, wer diese Piloten waren. In diese Finsternis hineinzufliegen, Nacht für Nacht, wieder und wieder, mit dem Wissen, dass sie in jedem Augenblick abgeschossen werden und ihre brennenden Körper in die Kilometertiefe Dunkelheit fallen können? Es ist eine düstere Geschichte auf so vielen Ebenen – und doch wollte ich die Lichter darin finden. Ebenso wie in Dresden: inmitten dieser flammenden Hölle gab es Momente der Güte, der Hilfsbereitschaft, die so viel mehr und anderes über den menschlichen Geist erzählen."

In der Nähe der Londoner Tower Bridge, schlugen 1940 zahllose Bomben der deutschen Luftwaffe ein. Der Krieg hat auch hier seine Spuren und so etwas wie kollektive Bilder" hinterlassen: "Bevor ich die Arbeit an dem Buch begann, war mein Wissen über Dresden - wie für die meisten Engländer - eigentlich nur mit einer weltberühmten Fotografie verbunden: Der Blick einer Statue über die völlig zertrümmerte Stadt. Die Bombardierung von Dresden ist ein Sinnbild, ein Symbol für den Horror des totalen Krieges. Und sie ist ein Thema, das bis heute die englische Gesellschaft verfolgt – seit 1945."

Angriff auf die Kulturstadt, die auch Nazi-Hochburg war

Dresden galt als eine weltoffene und lebendige Kulturstadt, herrlich gelegen, mit all seinen prunkvollen Gebäuden, eine Stadt für Touristen, für Künstler und Wissenschaftler. Zugleich war es aber auch eine Stadt geworden, in der mit Gauleiter Martin Mutschmann einer der brutalsten Nazis herrschte – und in der bis 1938 nicht nur eine Semper-Oper, sondern auch eine Semper-Synagoge stand – die abgefackelt und abgerissen wurde.

Der Oberbefehlshaber der britischen Luftwaffe, Sir Arthur Harris - ohnehin kein großer Freund der deutschen Kultur - wollte den Krieg mit diesen Deutschen so schnell wie möglich gewinnen:

»Wir werden den Feind mit unserem allerhärtesten Schlag treffen. Jetzt kriegt er einen rein: einen satten Kinnhaken!«

McKay beschreibt in seinem Dokumentarroman, wie dieser Kinnhaken fast ausschließlich die Zivilbevölkerung traf. Gestützt von Augenzeugenberichten schildert er, wie Luftschutzkeller zu giftigen Hochöfen wurden, wie Feuertornados Autos in die Höhe rissen und Flüchtende auf dem flüssigen Straßenteer Flammen fingen.

Erinnerungen, die erst jetzt geborgen werden

Unter den Schutz-Suchenden: der jüdische Romanistikprofessor Victor Klemperer, dessen Tagebücher später weltberühmt wurden. Mit seiner Frau rettete er sich von Keller zu Keller, verlor seine Frau im Chaos. Der Leiter des Dresdner Kreuzchors Rudolf Mauersberger verbarg sich indes mit den Chorknaben im Keller seiner Schule, die bald von einer Bombe getroffen wurde. 11 Jungen starben augenblicklich. Und auf der Brühlschen Terrasse traf Victor Klemperer erleichtert seine Frau wieder. Sinclair McKay sagt: "Es gab so viele schlimme Geschichten. Klemperers Frau wollte auf der Brühlschen Terrasse rauchen - und entzündete sich - inmitten des Infernos - ihre Zigarette an einem Feuer, das noch am Boden flackerte. Als sie sich hinkniete, merkte sie, dass die Flammen aus einem Menschen kamen."

McKay griff für seine Beschreibungen auf die umfangreiche Sammlung des Dresdner Stadtarchivs zurück. Dessen Leiter, Thomas Kübler, hat selbst Interviews mit Zeitzeugen geführt. Noch immer bekommen sie Dinge aus jener Nacht - wie diesen Koffer, in dem sich nur ein paar Schuhe und Zeugnisse befanden. Die Besitzerin floh mit jenem Koffer aus der brennenden Stadt - und bewahrte ihn danach wie eine Reliquie auf:

"Ich finde das jetzt nicht ungewöhnlich, weil mir das täglich begegnet, dass solche Devotionalien oder Erinnerungsstücke ganz lange geschlossen bleiben. Diese Koffer, auch diese Berichte sind ja mit einer Öffnung verbunden. Also einen Koffer lässt man Jahrzehnte lang stehen, weil man diese Kapitel des Erlebnisses auch abgeschlossen hat. Man will sich vielleicht nicht dran erinnern."

"Das Gedenken ist ebenso für eure zerbombten Städte"

Rudolf Mauersberger überlebte den Angriff gemeinsam mit vielen seiner Schützlinge. Er schrieb ein Requiem für Dresden, in dem sich Echos altdeutscher Hymnen mit dem Glockenklang der Kreuzkirche verweben und chorale Bariton-Stimmen die Bomber und das Feuer ahnen lassen.

Sinclair McKay hat eine der Aufführungen in der Kreuzkirche erlebt: "Neben mir saß eine alte Dame, die bemerkte, dass ich Engländer bin. Am Ende des Konzerts beugte sie sich zu mir und sagte: 'Das Gedenken ist ebenso für eure zerbombten Städte - wie Coventry.' Sie hat damit im Grunde gesagt, dass es um Versöhnung geht und nicht um bittere Anschuldigungen."

Erinnerung ist ein Schlachtfeld, das weiß man in Dresden ganz genau. Die Vielzahl der überlieferten Erzählungen sind sie in der Hand einer breiten Gesellschaft, nicht als Nekrolog, sondern Teil einer lebendigen Auseinandersetzung in einer geschichtsbewussten Stadt.

Autor: Dennis Wagner

Stand: 15.03.2020 16:03 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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