SENDETERMIN So, 25.02.18 | 23:15 Uhr | Das Erste

Von Europa in die Dritte Welt – Fotojournalist Kai Löffelbein zeigt den Weg unseres Elektroschrotts

PlayZwei Männer laden Elektroschrott aus einem LKW.
Was passiert mit unserem Elektroschrott? | Video verfügbar bis 26.02.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das indonesische Bangka ist eine Schatzinsel. In ihrem Boden versteckt sich ein Metall, nach dem alle Welt dürstet. Die Hauptzutat aller Elektronik: Zinn. Dass bei dem überwiegend illegalen Abbau auf der Insel jährlich über einhundert Menschen bei Unfällen sterben, Land und Meeresboden nachhaltig zerstört werden, übersehen die Abnehmer. Das Verlangen nach Zinn ist größer als nach Moral.

Die Bilder von Bangka Island stammen vom Fotografen Kai Löffelbein. Immer wieder reiste er auf eigene Faust um die Welt, um der Spur der Elektronik-Gerätschaften zu folgen, die so sehr den Komfort unseres Alltags ausmachen. Löffelbein hat Politikwissenschaften in Berlin studiert und Fotografie in Hannover und reiste schon als Student unserem Elektroschrott hinterher: Mach dir ein Bild von der Welt, um ihr beizukommen. Seine preisgekrönten Fotodokumentationen sind ein geradezu emphatischer Denkanstoß.

Menschen hocken im Schlamm
Zinngewinnung in Indonesien | Bild: laif / Kai Löffelbein

Gefährliche Schatzsuche auf Elektroschrott-Friedhöfen

Mitten in Accra, der Hauptstadt von Ghana, werden bis heute deutsche Computer recycelt, obwohl die Ausfuhr von Elektroschrott nach EU-Bestimmung streng verboten ist. Die Werkzeuge der Recycler: Eisenstangen und Feuerzeuge. Kai Löffelbein erzählt von einem Jungen, der einen Fernseher wie eine Trophäe bei sich trug und ihn dann auf dem Boden zerschlug, um das Gehäuse auseinander zu knacken, um an die im Fernseher befindlichen Metalle zu gelangen. Für die Menschen auf den Elektroschrotthalden eine gefährliche Angelegenheit, denn beim "Recycling" werden, so Löffelbein, Giftstoffe wie Arsen, Blei oder Kadmium freigesetzt, die einen unsichtbaren Nebel über der Schrotthalde bilden.

Obwohl er um die Gefahr für seine Gesundheit wisse und jeden Morgen mit verquollenen Augen aufwache, verrät der Junge Löffelbein, wolle er so weitermachen. Schließlich könne er nicht riskieren, dass ein anderer seine Kabel klaue. Löffelbein wird klar: Für die Suchenden ist jedes Metall ein Schatz.

Elektroschrott wie alte Bildschirme und Festplatten werden in der Dritten Welt beispielsweise verbrannt.
Unser Elektroschrott landet u.a. in China, Ghana oder Indien. | Bild: Kai Löffelbein/Agentur laif / Kai Löffelbein

Die Kehrseite der weltweiten Digitalisierung

Kai Löffelbein hat auch den deutschen Zoll besucht, der den verbotenen Export von Elektroschrott verhindern soll. Doch der Zoll ist vergleichsweise machtlos bei der Unmenge an Geräten, die als "gebraucht" und "noch funktionstüchtig" deklariert das Land verlassen: "Ich habe Sachen aus England gesehen, aus Deutschland, oft klebt ja an diesen Monitoren noch so ein kleiner Sticker drauf, der einen Hinweis zur Herkunft gibt, ob die Sachen aus z.B. einer Sparkassen-Filiale oder einer Universität kommen."

Schrott ist ein gutes Geschäft und der Schwarzmarkt blüht. Was Löffelbein mit seiner Kamera aufsucht, ist die giftige, archaisch anmutende Kehrseite der weltweiten Digitalisierung.

Trotz Export-Verbot: Das Geschäft mit dem Schrott aus Europa boomt

Auch in China, dem gewaltigsten Elektronikproduzenten der Welt, wird recycelt. Die Gegend um Guiyu ist eine sogenannte "Hauptstadt des Schrotts". Hier wird versucht, so gut wie alle Materialien zu demontieren und zu verwerten. Wer hier arbeitet, hat Glück. Die Löhne sind gut und der Berg an Schrott wächst mehr, als er abnimmt.

So endet eine Festplatte

Eine Frau hat sich auf Plastik spezialisiert. Mit einer Art Feuerzeug erhitzt sie das Plastik, riecht kurz daran, ordnet es einer bestimmten Art zu und sortiert es in verschiedene Körbe ein. "Die Kunststoffe werden z.B. weiterverarbeitet zu neuen Tastaturen oder zu neuem Spielzeug", so Löffelbein, "aber es ist natürlich die schlimmste Art, mit diesem Schrott umzugehen. Ich meine: Plastik zu erhitzen und daran zu riechen … was  da alles freigesetzt wird!"

Eine Gesellschaft zwischen Hypermoderne und uralter Tradition

Nach China fährt Kai Löffelbein immer wieder. Die nächste Reise ist bereits geplant. In kaum einem anderen Land beobachtet er, wie radikal sich Arbeit und Gesellschaft verändern.

In China, dem Land mit den größten Staudämmen und den am schnellsten wachsenden Städten, stehen sich Hypermoderne und uralte Tradition gegenüber. Löffelbein erinnert sich an eine Szene auf einem Markt abseits der großen chinesischen Metropolen. Dort beobachtet er einen Mann, der seine Tomaten verkauft. Bezahlt wird mithilfe einer App. Ein Sinnbild für einen Kontrast, der größer nicht sein könnte.

Im Turbokapitalismus ist alles Geld – auch der Müll

Löffelbein wird mit seiner Arbeit zum Chronisten dieses Turbokapitalismus, in dem alles Geld ist – auch der Müll. In dem Zinn unter nicht auszuhaltenden Bedingungen aus dem Meeresboden oder vom Tagebau gewonnen wird. Die Digitalisierung der Welt hat ihren Preis.

Porträt des Fotografen Kai Löffelbein
Kai Löffelbein, Fotograf | Bild: ARD / ttt

Auf Bangka ist es der Meeresboden, den die Zinnräuber mit dicken Schläuchen absaugen – Krebsen, Muscheln und Korallen inklusive. Der Meeresboden, der auch manchem Taucher, der sich dort versehentlich eingrub, zum Grab wurde. Doch die Kraft von Löffelbeins Bildern liegt nicht im Horror, sondern in ihrer Lebendigkeit und Schönheit:

"So eine gewisse Schönheit muss einem Foto auch innewohnen. Auch noch mal besonders wenn ich daran denke, dass ich die Leute halt auch nicht als Opfer zeigen will."

Angaben zum Fotobuch: "CTRL-X" von Kai Löffelbein erscheint am 30. Mai 2018 im Steidl Verlag.

Autor: Dennis Wagner

Stand: 26.02.2018 11:22 Uhr

12 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 25.02.18 | 23:15 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste