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Tamara Danz – Erinnerung an die populärste Rocksängerin der DDR

Eigensinnig und stimmgewaltig

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"Leitwolf und Raubtier" - Erinnerungen an Tamara Danz | Video verfügbar bis 25.07.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Man kann es ihr letztes Lied nennen: "Asyl im Paradies". Mitten in die Produktion des siebten Studioalbums der Rockband Silly platzt 1995 die Krebsdiagnose von Tamara Danz. Sie weiß, wie ernst es ist und sie will dieses Album unbedingt fertigstellen. Letztlich hat sie hierfür alle Texte selbst geschrieben. Keyboarder Ritchie Barton blickt zurück: "Ich kann mich erinnern, dass sie selbst nach der Diagnose draufgeguckt hat und gesagt hat: Das ist ja unglaublich, als hätte ich es schon gewusst." Auch Ex-Partner und Gitarrist Uwe Hassbecker sei im Nachhinein "erst klar geworden", wie viel Einblick sie sie mit ihren Texten in ihr Innenleben gewährt habe.

"Sie war der Leitwolf der Band und auch ein Raubtier"

Mal haucht, mal brüllt sie ihre Geschichten ins Publikum. "Man muss sich entscheiden zwischen Glaubwürdigkeit und Kommerz“, hat sie mal gesagt. Unterhaltung pur ist ihr zu wenig, sie sucht die Botschaft – auch zwischen den Zeilen. Silly wird die "Textband“ der DDR in den Achtzigern und Tamara Danz hat das Charisma und die Stimme dazu. Fotograf und Musikproduzent Jim Rakete erinnert sich: "Sie war sowohl der Leitwolf der Band und auch ein Raubtier, kann man wirklich sagen. Man hatte zu jeder Split/Second bei Tamara das Gefühl, dass es mit persönlicher Erfahrung unterfüttert ist, was sie singt. Das spürte man in jeder Zeile.“ Musiker und Freund Toni Krahl ergänzt: "Es war ihre Persönlichkeit. Sie kam auf die Bühne und die Bühne war voll. Es brauchte nichts weiter." Für Hassbecker ist sie eine "Ausnahmesängerin", mit deren Tod eine "unheimliche Qualität" verloren gegangen sei.  

Diplomatentochter mit Punk-Attitüde

Geboren wird sie 1952 in Thüringen und wächst in Rumänien und Bulgarien auf. Ihr Vater war Handelsrat. Ihr Abitur darf sie dann in Berlin ablegen und singt in Schülerbands und im Singeklub. Sie ist sprachbegabt, spricht perfekt russisch und studiert Philologie an der Humboldt Universität.

Tamara Danz
Tamara Danz | Bild: MDR / Mirschel

Sie selbst kommentiert ihr privilegiertes Elternhaus und ihren damit vermeintlich vorgezeichneten Weg in einem Interview 1990 so: "Wie man das als brave Tochter eben so macht: Erst Abitur, dann Studium. Ich habe Sprachen studiert. Dann habe ich gemerkt, dass das nicht so mein Ding ist, eingebunden sein in ein Beamtendasein, das hätte mir nicht gelegen."

"Ich hörte 'Mont Klamott' und war wie vom Donner gerührt"

Sie findet eine Band, die mit ihrem Eigensinn klarkommt und die sich darauf einlässt, mit einem Texter zu arbeiten. Was Vernünftiges singen, das will sie, kein Trallala mehr. Werner Karma, studierter Philosoph, wird zum kongenialen Texter für Silly. Er scheibt für die Band das Album "Mont Klamott", das 1983 ihr Durchbruch wird. Für Westberliner Jim Rakete eine Offenbarung: „Ich hörte 'Mont Klamott' und war wie vom Donner gerührt. Also, es hat mich getroffen wie ein Lastwagen, das war ein unheimlich starkes Stück Musik. Diese Band hat sich ein Pathos getraut und eine Art von Erzählung, wie wir das im Westen nie gemacht hätten."

Der Mont Klamott, die "grüne Beule", ist der Trümmerberg in Berlin. Faszinierend ist, wie Silly aus einem ernsten Thema, dem Wiederaufbau, einen poetischen Rocksong machen konnte.

Bataillon d'Amour wird ihr größter Erfolg – auch im Westen

Ihr größter Erfolg wird "Bataillon d'Amour". Die Platte erscheint 1986, vermittelt durch Jim Rakete, auch im Westen. Diese Musik wird der Soundtrack der späten Achtziger und viele Künstler, darunter Tamara Danz, nutzen ihre Popularität, um für Veränderungen in der DDR zu kämpfen.

Nach dem Mauerfall spricht sie sich gegen eine Wiedervereinigung aus. Sie möchte Veränderung, keine Vereinnahmung. Und die Musik? In den frühen Neunzigern will niemand mehr Ostmusik hören. Auch nicht von Silly. Ihr Album "Paradies" wäre 1996 ein guter Neuanfang gewesen und war gerade erschienen, als sie starb. Tamara Danz wurde nur 43 Jahre alt.

Autor: Hans-Michael Marten

ARD Mediathek: "Tamara Danz – Raus aus der Spur" (45 Min.)

Stand: 26.07.2021 11:17 Uhr

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