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Trotz Corona: Die 77. Filmfestspiele in Venedig

Chance zum Umdenken in der Serenissima

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Trotz Corona: Die 77. Filmfestspiele in Venedig | Video verfügbar bis 07.09.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Venedig im März: Geisterhaft leere Kulissen. Großes Kino für einsame Flaneure. So leer, so verlassen, so melancholisch verzaubert wird man es vielleicht nie wieder – oder erst beim nächsten Lockdown – erleben.

Auch die Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica, die jährliche Verabredung der Filmwelt am Lido, stand lange in Frage. Letzten Mittwoch der erlösende Moment: Es geht wieder los, im neuen Look: Jurypräsidentin Cate Blanchett und Festivalchef Alberto Barbera posieren vor den Fotografen.

"Das schöne Gedränge am Roten Teppich fällt diesmal flach"

Auf dem Roten Teppich diesmal nur ein Hauch von Hollywood: Tilda Swinton lässt sich den Auftritt – mit dem obligatorischen Accessoire – nicht nehmen. Ihren Fans versperrt ein Sichtschutz den Blick.

Festivaldirektor Alberto Barbera weiß um seine Verantwortung: "Der gewohnte Ritus des Autogramme-Gebens fällt diesmal flach, genau wie das schöne Gedränge am Roten Teppich – es wäre eine gefährliche Situation, die wir uns keinesfalls erlauben können."

"Molecole" – ein Film Als Metapher für den Stillstand

Regisseur Andrea Segre im ttt-Interview
Regisseur Andrea Segre im ttt-Interview | Bild: ttt

Ein italienischer Dokumentarfilm eröffnete das Festival: "Molecole", entstanden im März, mitten im Lockdown. Keine spektakulären Drohnenbilder. Sondern stille, starke Eindrücke von Venedig, wo Ende Februar plötzlich nichts mehr ist wie zuvor. Eigentlich will Regisseur Andrea Segre, in Venedig aufgewachsen, einen Film über seinen verstorbenen Vater machen. Corona wirft den Drehplan um.

Am 25. Februar verhängt Venedig den Lockdown. "Sie haben den Karneval gecancelt, alle Museen und Schulen geschlossen", erzählt der Filmemacher. "Die Touristen verließen die Stadt. So begann der Lockdown. Auch mein Drehteam zog ab. Ich war allein mit meiner  Kamera und versuchte zu verstehen, was da gerade in Venedig passierte in dieser Ausnahmesituation."

"Molecole" offenbart ein Venedig, das plötzlich wieder den Venezianern gehört. Mit einigen geht Andrea Segre auf Bootstour durch die menschenleere Stadt: Venedig, wieder allein mit sich und seiner fragilen Schönheit – wie in den alten Super 8-Filmen des Vaters. Ihm hat Segre seinen Film gewidmet: "Als Kind erlebte ich ein Venedig, in dem noch viele Menschen wohnten. Auch wenn es manchmal schlecht roch oder schmutzig war. Es war der Schmutz, der zum Leben gehört, die Stadt lebte!"

Bild eines beinah utopischen Venedigs

Andrea Segre als Kind mit seinem Vater
Andrea Segre als Kind mit seinem Vater in "Molecole" | Bild: Andrea Segre

Dass Venedig stirbt, ist eine Erzählung so alt wie die auf Pfähle gebaute Stadt. Seit Venedig nicht nur von Hochwassern, sondern auch vom Kreuzfahrt-Tourismus heimgesucht wird, ist die Diagnose ernst. Es ist das Paradox der massenhaften Entdeckerfreude: Die Sehnsucht zerstört ihr Ziel. 

Dabei fordere Venedigs Schönheit geradezu die Sterblichkeit, den Tod heraus, findet Andrea Segre: "Die Stadt ist voll mit Schönem, das wir schützen und bewahren wollen – Venedig soll ewig sein. Aber die Erbauer der Stadt haben sich damals dafür einen von Natur aus sehr schwachen, fragilen Ort ausgesucht.Die flackernden Super 8-Bilder in "Molecole" sind ein Blick zurück in die Utopie – und vielleicht: Inspiration für die Zukunft. In der Stadt wurde die unaufdringliche Botschaft des Films vernommen: Venedig könne sich neu erfinden, es müsse nicht das von Besuchern überrannte Open-Air-Museum bleiben, das es vor Corona war. 

Auch Andrea Segre wünscht sich keinen Ausverkauf der Lagunenstadt, aber er sagt auch: "Venedig muss nicht geschützt, sondern es muss gelebt werden. Mitsamt den Risiken und Nebenwirkungen – der Angst, die zu dieser Stadt gehört. Es geht um gelebten Alltag."

Überlebenssignal vom Lido

Momentaufnahme in Andrea Segres Film "Molecole"
Momentaufnahme | Bild: Andrea Segre

Abseits der Trampelpfade überlebt dieses Venedig der Bürger – knapp 40.000 sind es noch, denen im Jahr vor Corona 30 Millionen Besucher auf den Leib rückten. Die Suche nach einem neuen, menschlichen Maß, der Respekt vor dem Leben der anderen, auch an einem ikonographischen Ort wie Venedig:

Das Festival an der Lagune lädt dazu ein. Segre beschwört beim Kinoerlebnis unter freiem Himmel die magische Kraft der bewegten Bilder:

"Es gibt Dinge, ohne die wir nicht leben können, etwas, das nichts mit der Ökonomie des Wachstums zu tun hat. Es gibt etwas, das uns innehalten und  nachdenken lässt: Wenn wir unseren Gefühlen nachgeben, zusammen weinen oder lachen – das gibt unserem Leben Sinn. Und das ist es, was wir dem Kino verdanken, seit es Kino gibt."

Bei der sonst so relaxten Mostra sieht diesmal vieles etwas anders aus. Sicherheit, das Mantra in Zeiten von Corona, geht vor Magie. Dass das schönste der Festivals aber stattfindet, der Pandemie zum Trotz, ist ein Zeichen der Hoffnung – ein Überlebenssignal vom Lido für das Kino.

Autor: Andreas Lueg

Stand: 07.09.2020 13:14 Uhr

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