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"For Sama" – Überleben-Wollen in Aleppo

Oscar-nominierter Dokumentarfilm von Waad Al-Kateab

PlayDas Mädchen Sama.
Der syrische Dokumentarfilm "For Sama" | Video verfügbar bis 09.02.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sama ist die Tochter der syrischen Filmmacherin Waad Al-Kateab. Ein fröhliches Kind, das sich leicht zum Lachen bringen lässt. "Sama. Du bist das Schönste in unserem Leben. Verzeih mir, dass ich dir dieses Leben zumute", sagt Waad Al-Kateab ihrer Tochter mit ihrem Film.

Aleppo – eine Stadt zwischen Widerstand und Verzweiflung.

Mit der Kamera ist Waad Al-Kateab unterwegs in den Luftschutzräumen eines Krankenhauses in Ost-Aleppo. Draußen schlagen die Bomben ein. Im Film hält Al-Kateab das tägliche Leben im Bürgerkrieg fest, hauptsächlich während der Belagerung durch die Regierungstruppen von Januar bis Dezember 2016. Aleppo – eine Stadt zwischen Widerstand und Verzweiflung.

Die Wirtschafts-Studentin beginnt ihr Projekt als eine Art Video-Tagebuch. Eine wichtige Rolle darin spielt der Arzt Hamza, der später ihr Ehemann wird. Er ist ein Gegner von Baschar al-Assad. Sympathisiert mit den Studenten der Universität in Aleppo, die 2011 beginnen, gegen das Regime zu rebellieren.

Al-Kateab filmt die Proteste mit ihrem iPhone. Sie filmt, wie die Regierungstruppen die Protestler brutal niederknüppeln. 2013 werden gefesselte Leichen aus dem Fluss gefischt. Eine Botschaft des Regimes: "Es sind alle Zivilisten und erste forensische Untersuchungen zeigen deutliche Spuren von Folterungen", sagt Hamza.

Die ersten Luftangriffe und die Geburt der Tochter

2016 kommen die Luftangriffe, Waad Al-Kateab, erinnert sich: "Als die ersten Flugzeuge Bomben und Granaten auf ganz Ost-Aleppo abwarfen, war klar, dass meine Aufnahmen keine private Angelegenheit mehr waren. Es ging jetzt um etwas Wichtigeres. Darum, die Wahrheit zu zeigen. Die Realität."

Realität heißt: Tote, Verletzte. Jeden Tag. Hamza ist bei den Rettungstrupps dabei. Waad filmt jetzt mit einer kleinen Profi-Kamera. Dann wird sie schwanger. Das Paar beschließt, in Aleppo zu bleiben und das Kind zur Welt zu bringen. Trotz der Lebensgefahr. Ab jetzt erzählt sie den Film aus der Perspektive einer Mutter: "Mein erstes Kind Sama. Ihr Name bedeutet Himmel. Himmel, so wie wir ihn lieben. Ohne Bombardierungen. Himmel mit Sonnenschein. Mit Vögeln."

Sama steht für alle Kinder in Syrien

Es sind jetzt vor allem die Kinder, die den Film prägen. Manchmal in ihrer Lebensfreude, trotz alledem: "Der ganze Film dreht sich um Sama, aber nicht nur als meine Tochter. Sie steht für alle Kinder in Syrien. Es sind keine glücklichen Geschichten, die sie erleben. Aber es gibt auch Geschichten von Kraft und Überlebenswillen." Und dennoch: Die Erfahrung von Tod und Verlust überwältigt jedes Kind. In Aleppo versucht man, den Kindern so viel Kindheit wie möglich zu geben. Sie sollen unbeschwert spielen, trotz des Krieges. Aber wenn schon ein Kind eine Streubombe von einer Fassbombe unterscheiden kann, ist Normalität nicht mehr möglich. Schon gar nicht seit Oktober 2016, als die Luftschläge zunehmen.  

"Du weinst nie. Das bricht mir das Herz"

Im Krankenhaus, in dem Waads Ehemann Hamza tätig ist, herrscht permanenter Ausnahmezustand. Die Gänge werden zu Schlachtfeldern für Ärzte und Verletzte. Waad dokumentiert den ganzen Wahnsinn. Den Niedergang. Ausgerechnet Krankenhäuser sind bevorzugte Ziele des russischen und syrischen Militärs. Mittendrin: Sama. Waad Al-Kateab spricht so zu ihr: "Sama, ich weiß, du verstehst, was passiert. Du weinst nie, wie es jedes andere Kind es tun würde. Das bricht mir das Herz. Sie setzen sogar Chlorgas gegen uns ein."

"Wer bleibt, wird sterben": Ein Film als Dokument und Anklage

Die Kamera bleibt nah an den Menschen. Dennoch hat der Film nichts Voyeuristisches. Es ist ein Bericht aus dem Innersten des Bürgerkriegs. Ein Protokoll des Schmerzes. Ende 2016 wird Aleppo evakuiert. Wer bleibt, wird sterben. Hamza erklärt: "Wir haben in 20 Tagen 900 Menschen operiert, 6.000 Verletzte versorgt. Jetzt gehen wir. Wir haben keine Wahl." Waad Al-Kateab sagt: "Ich kann nicht glauben, dass wir nie mehr zurückkehren."

Die Heimat zu verlassen, nach fünf Jahren des Widerstands, ist bitter. Doch es gibt einen traurigen Gewinn: Waad Al-Kataebs Filmmaterial aus all den Jahren: "Wir bauen damit eine Datenbank auf, die Beweismittel sammelt für den Fall, dass das Regime eines Tages vor Gericht gestellt wird für die begangenen Verbrechen in Syrien."

Ob Assad vor Gericht gestellt wird, entscheidet die Zukunft. Der Film "Für Sama" ist auf jeden Fall ein erschütterndes Dokument dieser Zeit.  

Autorin: Hilka Sinning

Stand: 13.03.2020 18:02 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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