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Andreas Gursky – die teuersten Fotoarbeiten der Welt in seiner Geburtsstadt Leipzig

PlayAndreas Gursky schaut sich etwas an.
Andreas Gursky – die teuersten Fotoarbeiten der Welt | Video verfügbar bis 18.04.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein doppelter Blick über die Schulter – auf die Arbeit der vergangenen Jahre und: auf deutsche Geschichte. Angela Merkel und ihre drei Vorgänger im Kanzleramt vor einer roten Leinwand. Seine Fotoarbeiten gehören zu den teuersten der Welt – zu seinem Werk "Rückblick" von 2012 erklärt Andreas Gursky: "Die vier gucken auf ein Gemälde von Barnett Newman, was im MoMA in New York hängt, das habe ich dort auch fotografiert. Die meisten kennen das Bild nicht oder nur von Abbildungen. Aber diese taktile, haptische Oberfläche, die ist ganz wichtig – um zu sehen, dass das auch ein echtes Gemälde ist und nicht einfach nur eine rote Tapete."

Rückblick – auf eine kapitalistische Welt und das eigene Schaffen

 "Vir Heroicus Sublimis“ – "Der überragende Held", nannte Newman sein über fünf Meter breites Gemälde. Schauen die drei Kanzler und die Kanzlerin, die Gursky am Computer gemeinsam vor dieses Bild setzte, auf eine heldenhafte Geschichte? Oder sehen sie nur rot?

Gursky selbst wolle lieber nicht zu sehr interpretatorisch eingreifen, sondern dem Betrachter überlassen, wie er das Bild lesen möchte. "Rückblick" nannte Andreas Gursky sein Kanzlerbild. Und im Grunde ist die ganze Ausstellung im Leipziger Bildermuseum auch genau das: ein Rückblick. Auf die Welt, die kapitalistische Gesellschaft – und sich selbst. Über 60 Arbeiten aus 35 Jahren hatte Andreas Gursky wochenlang im vergangenen November zusammengestellt und ausgerichtet. Jedes kleinste Detail ist wichtig – in den Bildern und ebenso in ihrer Inszenierung. Diesmal ganz besonders, denn Gursky ist in Leipzig geboren. Für Gursky auch eine emotionale Reise zu den eigenen (künstlerischen) Wurzeln: "Sowohl mein Vater als auch mein Großvater haben in Leipzig als Fotografen gearbeitet und hatten hier ihre Ateliers. Also haben wir recherchiert und sehr viele Fotos gefunden – zum Beispiel Modellfotos meines Großvaters, wie er sein eigenes Haus plant. Ich musste Zeit meines Lebens auch irgendetwas bauen und entwerfen, so schließt sich der Kreis."

"Fotograf zu werden war das letzte, was ich mir vorstellen konnte"

Andreas Gursky
Der Fotograf Andreas Gursky sitzt vor seinen Werken im MdbK in Leipzig | Bild: IMAGO

Andreas Gursky war kaum ein Jahr alt, als seine Eltern 1955 von der DDR in den Westen flohen, nach Düsseldorf. Sein Vater, Willy Gursky, wurde dort ein angesehener Werbefotograf. Sein Sohn hatte allerdings keinerlei Ambitionen, dessen Fußspur zu folgen. "Fotograf zu werden wäre das letzte gewesen, was ich mir hätte vorstellen können", blickt Gursky zurück. "Nach meinem Abitur habe ich Zivildienst gemacht und wusste danach immer noch nicht, was ich beruflich machen wollte. Und weil mir nichts Besseres eingefallen ist, habe ich schließlich Fotografie studiert, in Essen, und dann an der Akademie in Düsseldorf."

Auf den Spuren der Zivilisation

Andreas Gursky studiert an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Bernd und Hiller Becher, die mit ihren Fotoarbeiten über funktionale Bauten bekannt wurden. Auch wenn Menschen auf Gurskys Bildern nur vereinzelt auftauchen,  es geht doch immer um sie, um die Spuren, die sie hinterlassen. In der Architektur und in der Landschaft – so wie im Bild "Ohne Titel III", einem Autoscheinwerferblick auf ein Stück Schotterstraße: "Es war Nacht und wir waren noch unterwegs und unterhielten uns. Und als wir so gingen, schaute ich gedankenversunken auf den Boden. Da näherte sich von hinten ein Auto mit Abblendlicht und auf einmal erschien dieses Bild. Und so abstrakt das Bild ist, aber man spürt irgendwie was Zivilisatorisches."

"Es gibt nicht die eine Sicht auf die Dinge"

Aus dem Schnellzug fotografierte er wieder und wieder Tokyo und verdichtet diese Fotos dann zu einem einzigen, straßen- und baumlosen Häusermeer.  Der Mensch und die Umformung der Welt sind sein Hauptthema.

Andreas Gursky "Kreuzfahrt"
Andreas Gursky "Kreuzfahrt" | Bild: Andreas Gursky/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy: Sprüth Magers

Selbstherrlich steht ein Kreuzfahrtschiff da – monströs und ohne Leben. Gursky komponiert seine Bilder wie ein Maler bis ins kleinste Detail. Er entfernt, verdichtet, begradigt. Denn nicht das scheinbar Authentische interessiert ihn, sondern seine Wirklichkeit: "Was ist Wahrheit, was ist Wirklichkeit? Einem Schriftsteller, der in Prosaform schreibt, würde man nie die Frage stellen: Das, worüber du schreibst, hast du das irgendwo genauso gesehen? Ich könnte jetzt vom selben Standpunkt aus wie damals den Rhein fotografieren und er sähe vollkommen anders aus. Es gibt ja nicht die eine Sicht auf die Dinge."

Gurskys Bilder sind wie Gemälde vom Schein unseres Seins

Gurskys Sicht hat ihren Preis. Das Königshaus von Katar bat ihn um ein Foto. Eigentlich macht Gursky keine Auftragsarbeiten. Er fotografierte für das Königshaus den leeren, glänzenden Tank eines LNG Bootes, mit dem Flüssiggas transportiert wird – das Geschäft, auf dem der Reichtum Katars gründet. Gursky interessierte sich für das Innere eines solchen Schiffes. Als der Fotokünstler das Bild schließlich der Königsfamilie vorstellte, seien die waren "furchtbar enttäuscht" gewesen und lehnten das Bild ab. Ein kleines Detail in der Montage, so Gurksy, schien sie verstört zu haben: Ein Zelt mit einem Schattenmann. "Die Kataris haben das Bild so interpretiert: Es handle sich um einen  beduinischen Bettler, der um noch mehr Reichtum bettelte. Das ist so kolportiert worden."

Gurskys Überwältigungsbilder sind wie Gemälde vom Schein unseres Seins, die ihre Sicht auf die Welt auf den zweiten Blick preisgeben. Das kann man jetzt im Leipziger Bildermuseum entdecken.

Autor: Dennis Wagner

Andreas Gursky
Museum der bildenden Künste Leipzig
Ausstellung bis zum 23. August 2021

Stand: 20.04.2021 14:01 Uhr

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