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Halle – Rückblick und Zukunft

Welche Perspektiven Kulturschaffende für die Stadt an der Saale sehen

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Halle - Rückblick und Zukunft | Video verfügbar bis 04.10.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Halle an der Saale, was ist das für eine Stadt? Kulturstadt, Industriestadt, Chemiearbeiterstadt? 1945 war Halle die einzige deutsche Großstadt ohne wesentliche Kriegsverluste in der Bausubstanz. Erst die DDR organisierte einen beispiellosen Verfall, der jetzt, 31 Jahre nach der deutschen Einheit, endgültig gestoppt scheint. Halle hat überlebt und sucht nun nach einer Erzählung für die Zukunft. Doch zunächst ein paar Fakten: Es handelt sich um eine mehr als tausend Jahre alte Salzstadt mit knapp 240.000 Einwohnern. Sie ist die größte Kommune in Sachsen-Anhalt, Sitz der Leopoldina, der Nationalakademie der Wissenschaften sowie Sitz der Bundeskulturstiftung. Und sonst?

Ragna Schirmer: "Als ich nach Halle zog, wurde ich ständig gefragt: freiwillig?"

Pianistin Ragna Schirmer zog von Hildesheim nach Halle.
Pianistin Ragna Schirmer zog von Hildesheim nach Halle. | Bild: ttt

Der Maler Moritz Götze ist in Halle geboren und aufgewachsen. Seine Heimatstadt habe für ihn "extrem spröde", aber auch "viele, ganz romantische Seiten", bei denen man sich in einer anderen Welt glaube. Walter Sutcliffe war erfolgreich an der Oper Belfast, seit ein paar Wochen ist er Intendant in Halle und zeigt sich begeistert: "Halle ist eine Stadt von einer gewissen Größe, trotzdem überschaubar und nicht langweilig. Diese Mischung ist wirklich fantastisch." Wenn die erfolgreiche Pianistin und gebürtige Hildesheimerin Ragna Schirmer andernorts von ihrer neuen Wahlheimat erzählt, begegnet ihr eher allgemeine Skepsis: "Als ich hierher zog, wurde ich ständig gefragt: freiwillig? Und ich habe allen immer nur entgegnet: Ja, ich finde es toll hier."

Stadtmarketing setzt auf Händel und Barock

Wenn sich die Stadt Halle präsentiert, dann gerne mit ihren romantischen Orten; der Oper, den Saale-Armen um die Altstadt, dem barocken Stadtgottesacker, dem Universitätscampus – und natürlich Georg Friedrich Händel, ihrem größten Sohn verewigt im Denkmal mitten auf dem Markt. Vor einem Jahr mitten in der Corona-Pandemie, war der Platz wie leer gefegt. Zu besseren Zeiten spielte Ragna Schirmer vor tausenden Hallensern dort. Sie macht die Skeptiker gern auf die schönen Seiten der Stadt aufmerksam: "Halle ist natürlich in erster Linie die Stadt von Georg Friedrich Händel, das ist das Erste, was ich erzähle. Und dann erwähne ich auch immer, dass in Halle unglaublich viel Altbau-Architektur erhalten ist, weil hier wenig zerstört wurde in den beiden Weltkriegen."

Götze: "Es hat Vorteile, im Schatten von Leipzg zu sein"

Maler Moritz Götze ist in Halle geboren.
Maler Moritz Götze ist in Halle geboren. | Bild: ttt

Investiert wurde zu DDR-Zeiten in Neubauten auf der grünen Wiese, aber nicht in die historische Bausubstanz. Irgendwann hätten die Hallenser vielleicht alle in Zelten gewohnt. Doch dann kam die Wende. Der erfolgreiche ostdeutsche Maler Moritz Götze wohnt schon sein ganzes Leben in seinem mittlerweile sanierten halleschen Altstadtquartier. Die moderaten Mieten in gut erhaltenen Altbauten – aus seiner Sicht nicht der einzige Vorteil der Stadt:

"Halle liegt etwas im Schatten von Leipzig. In Leipzig ging nach der Wende exorbitant was los, weil alle gedacht haben, Leipzig wird das zweite Frankfurt – das Bankenzentrum Ostdeutschlands. Und dort wurde investiert, Halle hingegen hat niemanden so recht interessiert. Dadurch sind hier viele Sachen behutsamer passiert und in kleineren Schritten."

Schlagzeilen und Imagesuche

Halle war in den letzten 31 Jahren nicht oft in den Schlagzeilen. 1991 der Eierwurf auf Helmut Kohl, aus Wut über die Deindustrialisierung der Region. Zwei Jahre her, die Katastrophe: Ein antisemitischer Attentäter, der aus Hass Mitmenschen tötet. Der Täter ist verurteilt, die Aufarbeitung dauert an.

Und dann ist da ja noch das Erbe der DDR, zum Beispiel in Halle-Neustadt, einst hochgezogen als Chemiearbeiterstadt scheint die Plattensiedlung heute zur ewigen Baustelle zu werden. In Imagefilmen taucht dieser Stadtteil nicht auf, die Eigenwerbung setzt lieber auf Tradition, auf Kultur, wie die Internationalen Händelfestspiele oder das Laternenfest.

Sutcliffe: "Halle ist nicht nur besser, als man denkt, sondern wirklich super!"

Halles Opern-Intendant Walter Sutcliffe
Halles Opern-Intendant Walter Sutcliffe  | Bild: ttt

Die Vorurteile gegenüber der Stadt halten sich hartnäckig, das erlebt auch Opern-Intendant Sutcliffe immer wieder: "Es ist lustig: Viele Leute in Halle, die ich treffe, sagen: 'Halle ist besser als man denkt." Niemand sagt: 'Halle, ist super, diese Stadt!' Aber ich glaube, diese Stadt ist wirklich super!"

Moritz Götze meint ebenfalls, dass Halle sich "in einem Spannungsfeld" befinde, "dass es immer noch nicht bei sich angekommen ist. Viele Bürger haben ein Problem mit ihrer Stadt, einen Minderwertigkeitskomplex."

Stadt der Industrie und der Kultur

Auf dem Hallmarkt, am Fuß der Marktkirche, ist dieser Tage, wie überall in der Stadt, das vereinte Deutschland zu Gast. Mit Videos und Installationen präsentiert sich die Bundesrepublik. Schaufenster-Ästhetik, corona-gerecht. Jahrhundertelang wurde auf dem Hallmarkt Salz gesiedet. Der Preis dieses Reichtums waren Ruß und dicke Luft. Heute ist Halle nicht mehr reich, dafür ist das Grau gewichen. Keiner wirft Eier, Einheitsgummitiere nimmt man gerne mit. Für den finalen Sprung über die Schatten der Vergangenheit wird Halle noch Geduld brauchen.

Halle: Perspektiven auf die Stadt an der Saale
Halle: Perspektiven auf die Stadt an der Saale | Bild: ttt

Götze erklärt das mit einem Blick auch in die länger vergangene Geschichte: "Die Mentalität der Menschen in dieser ehemaligen Industriestadt, die durch die Saline, Feuer und den ganzen Schlamm immer sehr rauchig und stinkig war, ist etwas rauer und nicht sehr feingeistig.

Für mehr Bürgerstolz, für die Hochkultur will künftig Walter Sutcliffe, nun Intendant in Halle, kämpfen. Seine erste Inszenierung war ein hoffentlich zukunftsweisender "Sommernachtstraum": "Wir haben dieses wunderschöne Theater hier", schwärmt Sutcliffe, "und wir wollen, dass das voll ist – und nicht wegen der Kasse. Glück wird mehr, wenn man es teilt."

Autor: Titus Richter

Stand: 05.10.2021 12:01 Uhr

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