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Schauspiel-Ikone Hannelore Elsner – ein Nachruf

PlayEine Frau in fast 200 Rollen - Hannelore Elsner
Eine Frau in fast 200 Rollen - Hannelore Elsner | Video verfügbar bis 28.04.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Traurige war nicht Hannelore Elsners Art. Selbst in den dunkelsten Momenten ihrer Figuren, schimmerte eine Verwegenheit, die sich gegen das bloße Vergehen des Lebens wehrte. Werden oder einfach nur vergehen. Darum geht es.

Das Leben als Abenteuer

Elsner wollte zunächst Nonne, dann Anarchistin werden. Als Schauspielerin konnte sie sich beide Wünsche erfüllen. Also wurde sie Schauspielerin. Eine Frau in fast 200 Rollen. Für sie selbst war das Leben ein Abenteuer: "Also wenn man die Begabung zur Freude hat, zur Freude, dass man am Leben ist, die ich ja so wichtig finde, dann ist es ja ein solches Abenteuer", sagt sie 2012.

Kino-Unterhaltung der 60er: dem deutschen Film genügt sie leicht und seicht

Schauspielerin Hannelore Elsner und der Schauspieler Mario Adorf, 1977.
Hannelore Elsner mit dem Schauspieler Mario Adorf, 1977. | Bild: dpa

"Die schaut aus wie der Karl Valentin", sagt die Hebamme als Elsner 1942 im bayrischen Burghausen geboren wird. Aber sie wird eine Hübsche, zu "hübschig" wie sie später sagt, doch so passt sie wunderbar in die Kino-Unterhaltung der 60er-Jahre. Ein "Sexhäschen" an der Seite von Männern wie Freddy Quinn, Peter Alexander oder Georg Thomalla. Sie träumt jedoch von der französischen Nouvelle Vague, dem deutschen Film genügt sie leicht und seicht. Dann dreht Regisseur Will Tremper "Die endlose Nacht" – Menschen verloren auf dem Flughafen Tempelhof, auf dem nichts mehr geht. Und sie ein Starlet, das zwischen Verführung und Verzweiflung schlingert. Für Elsner ist es ihr erster "Ernst zu nehmender Film". Und sie nimmt auch ihre Rollen sehr ernst: "Wenn du einen Film drehst, du bist das Material, du bist die Knetmasse für den Regisseur, die Regisseurin, du bist zu allem bereit, was die Rolle betrifft, du verschenkst dich, du gibst alles was du bist und kannst, für diese jeweilige Rolle", so Elsner.

Erste Westdeutsche bei der DEFA und erste Fernsehkommissarin

Schauspielerin Hannelore Elsner.
Schauspielerin Hannelore Elsner. | Bild: ttt

Ihre Knetmasse kennte keine Grenzen und führt sie 1973 als erste westdeutsche Schauspielerin in den Osten Deutschlands und zur DEFA: Eine kokette Gräfin, ergriffen von verdammt viel Brusthaar. Im Westen Deutschlands malocht sie vor allem in TV-Krimis. 1994 übernimmt sie – als eine der ersten weiblichen Fernseh-Ermittlerinnen – die Hauptrolle als Kommissarin Lea Sommer. Und eben genau das ist für Elsner auch das Besondere: "Mich fragen so viele Leute, was das Besondere an dieser Serie ist. Und dann wusste ich schon gar nicht mehr, was ich sagen sollte. Und habe ich gesagt, das Besondere daran ist, dass ich die Kommissarin spiele."

Später Triumph – Man traut ihr nun alles zu

66 Folgen in Minirock und Lederjacke – ein Star der Vorabendserie. So bleibt sie populär. Großartig wird sie anders. Als "Die Unberührbare". Eine Frau wie eine Festung, einbetoniert in Dior-Mantel und Mascara-Mauern. Eine gescheiterte Künstlerin und Mutter, abstoßend in ihrer hemmungslosen Verlorenheit und zutiefst berührend. So eine Frau hatte man ihr nicht zugetraut. Elsner ist 58. Nun traut man ihr alles zu. 

Am Set von "Kirschblüten und Dämonen".
Am Set von "Kirschblüten und Dämonen". | Bild: Kino Royal/MDR

Als heulende, geifernde Berliner Blondine in der Komödie "Alles auf Zucker" ist sie toll. Noch einmal wird Elsner zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands. Ein später Triumph, nun bezeichnet man sie gerne als Diva und verkennt dabei die Bescheidenheit und Anmut, die sie ihren späten Rollen schenkt.

Eine ihrer letzten Rollen ist Trudi, eine brave Ehefrau, die ihr Leben verpasst hat. Und dann tanzt sie am heiligen Berg Fuji Butoh. Elsner konnte das: Pose, Geste und Spiel in Wahrheit verwandeln.

"Ich will keine Elefantenhaut"

Schauspielerin Hannelore Elsner.
Schauspielerin Hannelore Elsner. | Bild: ttt

Irgendwann ist Schluss – gegen dieses Wissen spielte sie ihre ganze Tiefe aus und ihre Freude am Leben. Furchtlos gegenüber dem Alter und gegen die eigene Vergänglichkeit. Über diese sagt Elsner: "Ohne das Vergängliche gebe es keine Gegenwart, keine Zukunft. Das wäre ja alles nicht da. Oder die Haut, die sich immer wieder abrubbelt, stell dir mal vor, das würde alles drauf bleiben, immer und ewig, dann hätten wir so eine Elefantenhaut. Das will ich eben auch nicht haben, ich will keine Elefantenhaut."

Die Freude war ihr das Wichtigste – ein Abenteuer von 76 Jahren. Heiter, hübsch, verwegen – so wird sie bleiben.

Autor: Lutz Pehnert

Stand: 07.06.2019 15:47 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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