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Wie der Fotokünstler Hans-Christian Schink die Sonne einfing

Ausstellung in der Kunsthalle Erfurt: "So weit. Fotografien seit 1990"

PlayHans-Christian Schink, Fotokünstler, steht im Freien neben einer Kamera auf einem Stativ.
Wie der Hans-Christian Schink die Sonne einfing | Video verfügbar bis 25.01.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie viele Kilometer wird er umhergezogen sein? Hans-Christian Schink geht in die Landschaften, hier vor der Haustür in Mecklenburg, und er findet Bilder, die von Menschen und deren Verhältnis zu ihrer Welt berichten.

"Ich muss mir genau überlegen, welches Bild ich machen möchte"

Dieser Fotokünstler lässt nicht gern den Zufall entscheiden. Seine Bilder sind geplant, sie werden ausgemessen und begradigt, wo das Auge es verlangt.

Seit 20 Jahren mit dabei ist seine Großbildkamera:

Schinks Großbildkamera
Schinks Großbildkamera | Bild: ttt

"Für mich liegt der Vorteil darin, dass man mit dieser Kamera sehr große Vergrößerungen machen und sehr präzise damit arbeiten kann. Ich muss mir ganz genau überlegen, wo ich mich hinstelle, welches Bild ich machen möchte. Ich habe nicht viele Möglichkeiten, meine Bilder hinterher auszuwählen, ich muss meine Motive vorher auswählen."

Schinks "Verkehrsprojekte" zeigen die Wucht der Moderne

In seiner Geburtsstadt Erfurt wartet in der Kunsthalle eine Ausstellung auf Publikum. Zu sehen darin sind auch Hans-Christian Schinks Fotos von Verkehrsbauten in Ostdeutschland seit den 1990er-Jahren, mit denen er bekannt wurde. Sie zeigen, wie sich neue Autobahnen scharf durch das Land schneiden, Raum und Zeit der Regionen verändern. Den Fotografen faszinieren sowohl die grandiose Plastik des Betons als auch die romantische Ohnmacht vor der Wucht der Moderne:

"Als ich Mitte der Neunziger mit der Serie begonnen habe, spiegelte sich die Verlusterfahrung auch in der Veränderung der Landschaft wider. Ich würde nicht von 'Klage' sprechen, aber die Bilder zeigen eine gewisse Ambivalenz und Melancholie."

Diese Bilder sind ultimativ: Es ist der alles erschaffende Mensch, der die Erde auf- und umgräbt und sich Behausungen baut, so glatt und effektiv er kann.

Eine Stunde Belichtungszeit des Sonnenlaufs

Schink hat viel neue Architektur ins Bild gesetzt – und er ging auf Reisen. Er fotografierte auf allen Kontinenten. Immer wieder faszinieren ihn Zeit-Sprünge und Paradoxa. Asien, Myanmar, vorher war er schon in Nordkorea. Er sammelte viel Kunst- und Kulturgeschichte und sieht auch ihre Zerstörung, wie beim Taifun in Japan.

In der Schau in Erfurt: Meditativ-romantischer Blick auf die Sonne
In der Schau in Erfurt: Meditativ-romantischer Blick auf die Sonne | Bild: ttt

Eine Klammer dieser Art Reisefotografie ist: Die Landschaften der Welt werden durchgearbeitet, wieder und wieder. Der Fotokünstler hat insgesamt 50 Länder bereist. Für das Projekt "1h" sei er tatsächlich einmal am Stück um die Welt gereist – wie man es von Jules Vernes "In 80 Tagen um die Welt" kenne. Er habe allerdings 90 gebraucht.

In diesen Projekt porträtiert Schink die Sonne – rund um die Welt an 37 Orten. Eine Stunde Belichtungszeit des Sonnenlaufs ergibt per Solarisation einen schwarzen Balken. Je nach Position, hat die Sonnenbahn in einer Stunde verschiedene Winkel. Manchmal schoben sich Wolken dazwischen oder ein Baum. Was für Schink zunächst nur eine technische Spielerei war, bekam "nach dieser Phase der Unsicherheit wirklich etwas Meditativ-romantisches".

Schink hat vermocht, die Sonne zu kartografieren – und steht doch beunruhigt vor ihrer Kraft und Macht. Die Fotos komprimieren Zeit, Licht und Energie und sie überwältigen als romantisches Bild. Die Irritation dieser Serie kam weltweit an.

"Hinterland": Bilder, wie in der Romantik gemalt

Unterwegs mit der Kamera in seiner neuen Heimat Mecklenburg
Unterwegs mit der Kamera in seiner neuen Heimat Mecklenburg | Bild: ttt

Nach all den Landschaften der Welt war es dann soweit: Der Fotokünstler zieht nach Mecklenburg –  auf seine typische Weise: Durch die breite Fensterfront des Hauses nach Süden liegt die Landschaft offen vor ihm. In seiner Serie "Hinterland" erkundet Schink seine neue Heimat.

Wie immer lässt dieser Fotograf sich Zeit – sieben Jahre hat er, nun mit hochauflösender Mittelformat-Kamera, in Mecklenburg fotografiert: "Bei 'Hinterland' geht's mir eigentlich darum, mich stärker einzulassen und weniger mit einer kritischen Haltung auch auf bestimmte Entwicklungen zu blicken, wie ich das in den 1990er- und auch den 2000er-Jahren relativ häufig noch gemacht habe; und ich glaube, dadurch entsteht auch ein breiteres Spektrum an Stimmungen, an Atmosphäre."

Die Dramaturgie der Serie ergibt sich erst in der Buchausgabe. Sie ist kein Porträt der Region, sondern subjektiv Hans-Christian Schink, der die Spuren des Menschen sammelt. Wie immer gebaut in Linie und Fläche. Doch auch das Hinterland ist nicht losgelöst von der Moderne. Und so sucht Schink auch hier den Balsam dagegen. Bilder, wie in der Romantik gemalt.

Autor: Meinhard Michael

Ausstellungstipp
Hans-Christian Schink
"So weit. Fotografien seit 1990"
Kunsthalle Erfurt
Bis 23. Mai 2021

Buchtipp
Hans-Christian Schink: "Hinterland"
mt einem Gedicht von Oswald Eggers
148 Seiten, 76 Abbildungen
Hartmann Books

Stand: 26.01.2021 15:31 Uhr

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