SENDETERMIN So., 20.03.22 | 23:05 Uhr | Das Erste

Dokfilm über Kinder zwischen den Fronten: "A House Made of Splinters"

Wie der Krieg einen Zufluchtsort in der Ostukraine zerstörte

Playtitel thesen temperamente
Kindheit zwischen den Fronten - Dokfilm "A House Made of Splinters" | Video verfügbar bis 20.03.2023 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Ungeheuerlichkeit des Angriffs trifft zuerst die Städte Kiew, Kramatorsk, Charkiw. Südlich davon, in der Ostukraine, nicht weit vom prorussischen Separatistengebiet liegt die Stadt Lyssytschansk. Dort gab es auch ein Kinderheim. Ein Zuhause für Waisen, aber auch ein Zufluchtsort für Kinder von gewalttätigen oder alkoholabhängigen Vätern und Müttern in einer Gegend, in der das Leben von Kindern wie Eltern schon lange brüchig ist.

Sensibles Porträt über Alltag im Kinderheim von Lyssytschansk

Regisseur Simon Lereng Wilmont
Regisseur Simon Lereng Wilmont  | Bild: ttt

"Heimweh – eine Kindheit zwischen den Fronten", so heißt der deutsche Titel des Dokumentarfilms von Regisseur Simon Lereng Wilmont, der den Alltag dort voller liebe- und hingebungsvoller Fürsorge porträtiert hat.

Was ist die Kindheit anderes als ein Versprechen auf die Zukunft. Doch was ist Zukunft in einer Gegend, wo der Zustand zwischen Krieg und Frieden immerzu wechselt?

Simon Lereng Wilmont sagt dazu: "Den Krieg gibt es in dieser Region der Ostukraine schon seit sieben Jahren. Er hat die sozialen Probleme regelrecht beschleunigt, die Arbeitslosigkeit. Wer nicht die Möglichkeit hat wegzuziehen, der bleibt zurück und sucht und findet vielleicht Halt im Alkohol. Mich hat immer die Frage interessiert: Wie entsteht Hoffnung unter diesen schwierigen Umständen?“

Regiepreis beim Sundance-Filmfestival

Szene aus dem Dokfilm "A House Made of Splinters"
Szene aus dem Dokfilm "A House Made of Splinters" | Bild: MDR / Final Cut for Real

Ende Januar gewann der Däne für seinen Film den Regiepreis beim renommierten Sundance-Festival in den USA. Was der Film nicht mehr erzählen kann: Vier Wochen nach der Weltpremiere gibt es dieses Kinderheim nicht mehr.

Am 24. Februar, dem Tag der russischen Invasion in die Ukraine, werden die Kinder evakuiert.

Simon Lereng Wilmont, Regisseur konnte es nicht glauben: "Ich war schockiert und konnte es nicht verstehen, dass Putin befahl die Ukraine zu überfallen. Eine Woche vor der Invasion war ich noch dort gewesen."

Vier Wochen später: Heim-Evakuierung unter dramatischen Umständen

Azad Safarov, Mitbegründer der ukrainischen Organisation "Voice of Children"
Azad Safarov, Mitbegründer der ukrainischen Organisation "Voice of Children"  | Bild: ttt

Azad Safarov, Mitbegründer der ukrainischen Organisation "Voice of Children" kennt die Umstände:

"Die lokalen Behörden haben sehr schnell entschieden, dass das Kinderheim evakuiert wird. Die Kinder haben mir erzählt, dass sie im Zug weggebracht wurden. Sie waren jeweils zu zwölft in Vierer-Abteilen untergebracht und auf der Hälfte der Strecke wurden sie aufgefordert, sich auf den Boden des Abteils zu legen und alle Lichter auszuschalten, weil die Angst da war, dass der Zug von der russischen Armee beschossen werden könnte."

Zuflucht im westukrainischen Lviv

Einige der Kinder haben Zufucht gefunden im westukrainischen Lviv.
Einige der Kinder haben Zufucht gefunden im westukrainischen Lviv. | Bild: ttt

Ein Teil der Kinder ist in der westukrainischen Stadt Liviv untergekommen, ein anderer Teil in Österreich. Für "ttt" treffen wir Azad Safarov in Liviv. Er nimmt uns mit in die provisorische Unterkunft der evakuierten Kinder aus dem ehemaligen Heim. Hier organisiert er ihre psychologische Betreuung:

"Wenn Kinder die Sirenen hören, wenn Kinder in den Keller rennen müssen, kann man das nicht aus ihrem Kopf, aus ihrer Erinnerung löschen."

Psychologische Folgen: Depression, Autoaggression

Nataliia Ursu, die als Psychologin für "Voices of Children" arbeitet, erklärt: "Die Traumata des Krieges von 2014 tauchen jetzt 2022 bei den Kindern wieder auf. Einige Kinder leiden unter Depressionen, andere unter Autoaggression. Sie ritzen sich, sie stechen sich, sie brechen sich die Fingernägel ab. Sie richten ihre Wut gegen sich selbst, nach innen."

Nataliia Ursu arbeitet als Psychologin für "Voices of Children".
Nataliia Ursu arbeitet als Psychologin für "Voices of Children". | Bild: ttt

Ihr Haus bestehe nun aus lauter Scherben, sagen die Leute vom Heim: zu Bruch gegangene Träume, zerborstene Hoffnungen, kaputt gegangenes Weltvertrauen. Scherben, die sie nun wieder versuchen bei den Kindern zusammenzufügen.

Nataliia Ursu will ihnen ein Gefühl der Sicherheit geben, das sei das Wichtigste: "Sie fangen langsam an, Pläne zu machen, sie beginnen, sich hier sicherer zu fühlen, stabiler zu werden. Ihre Hände hören auf zu zittern. Die einzige Angst, die sie hier in Liviv haben, hat mir gerade ein Mädchen erzählt, ist die Angst vor den Sirenen. Sie wecken in ihnen schlechte Erinnerungen."

Autoren: Alexander Bühler / Jens-Uwe Korsowsky

Stand: 22.03.2022 18:11 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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