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Jan van Eyck in Gent – eine optische Revolution

Fotografisch echt und zugleich überirdisch, das Rätsel bleibt ungelöst

PlayBild von Jan van Eyck
Jan van Eyck in Gent - eine optische Revolution | Video verfügbar bis 09.02.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dafür braucht es nicht viel Außenwerbung, der Name hat Magie, das Rätsel zieht: van Eyck, gemeint ist vor allem Jan van Eyck, denn von seinen Brüdern weiß man fast nichts. Von Jans Werken ist nun die Hälfte in Gent versammelt: "Eine optische Revolution" – vorher war gotische Schablone.

"Es war kein "finsteres Mittelalter"

Jan van Eyck malte nach 1430 Bilder, wie es sie bis dahin kaum gegeben hat. Knapp 600 Jahre alt, sind sie, etwa Jan van Eycks Frau Margarete, populärer denn je, wie Kurator Holger Borchert erklärt:

"Naja, das ist ja schon so, dass van Eyck auf der Ebene der Technik sehr zugänglich ist. Also sozusagen die Faszination, das Überwältigt-Sein, das Wunder, das diese Malerei bedeutet, vermittelt sich dem heutigen Betrachter unmittelbar."

Es war kein "finsteres Mittelalter", als Philipp "der Gute" Burgund einte. Van Eyck, zuletzt in Brügge, malte für den Hof und die Noblen der Städte und reiste als hoch dotierter Kammerherr des Herzogs öfter in geheimer diplomatischer Mission. Das größte Rätsel besteht in der Frage: Woher und warum wurde Malerei bei ihm – aus dem Stand – so ungeheuer minutiös?

Borchert erklärt: "Die Frage wäre, ob nicht unter Umständen die Tatsache, dass sich das kulturelle Zentrum in Nordeuropa zu diesem Zeitpunkt von Paris aus, nach Norden verschiebt, ob das nicht die Chance bot für Künstler wie van Eyck, sich von der Tradition loszuschneiden und sozusagen eine ganz neue Bildsprache zu entwickeln."

Ein Schock: Adam und Eva lebensecht

Ein Schock im 15. Jahrhundert: Eva und Adam – vom Genter Altar – als lebensechte Individuen. Die italienischen Kollegen bewunderten die Maltechnik des Nordens. Die Südländer malten Temperafarben nebeneinander. In Van Eyck sahen sie den Erfinder der Ölmalerei, deren Schichten übereinander das Inkarnat, die Haut, leuchten lässt.

Dieses Knowhow wurde geschützt, und die Legende vom Geheimnis des Van Eyck hielt über Jahrhunderte, wie Borchert erläutert: "Die Vorstellung, dass van Eyck der Erfinder der Ölmalerei gewesen wäre, das ist seit Lessing bewiesen, dass es nicht der Fall war. Er ist auch, was den Farbaufbau anlangt, gar nicht so außergewöhnlich, das hat sich jetzt durch die Restaurierung des Genter Altars gezeigt, dass die Vielschichtigkeit seiner Malerei, viel weniger schichtig war, als wir gedacht haben."

Bestätigt aber ist, dass in van Eycks Werkstatt auch technisch experimentiert wurde. Seit acht Jahren wird der Genter Altar restauriert. Ein bürgerlicher Auftrag für das religiöse Gedächtnis in der Kirche. Bei van Eyck konkurrierte der Hofadel mit den neureichen Bürgern – um die penibelsten Falten und Warzen.

"Ein obsessiver Beobachter"

Einen Riesen-Satz in die Neuzeit macht auch van Eycks präzise Beschreibung von Landschaft und Natur: Zig Pflanzen können so identifiziert werden, erzählt Borchert:

"Man muss sich das nun nicht vorstellen, dass van Eyck der Pleinairmaler Avant la lettre war, sondern ein obsessiver Beobachter. Was ihn antreibt? Möglicherweise die Vorstellung, dass er durch Malerei, durch das realistische Abbilden der Schöpfung Gottes selbst Gottesdienste ausübt." Neu dabei ist, dass van Eyck Gottesdienst und Wissenschaft in der optischen Reflexion vereint, und das mit dem Ehrgeiz, den überlieferten Illusionismus der Antike zu übertreffen. Das artifizielle Spiel der Kunst erfasst auch die religiösen Aufträge: Johannes der Täufer des Genter Altars als 'lebensechte Graumalerei' in gleichzeitig gottesdienstlicher Funktion als freies Spiel mit der Dreidimensionalität. "Staunt ruhig: alles nur gemalt!"

Skulpturen dominierten die Altäre. Aber hier sagt ein Maler nördlich der Alpen und früher als die Italiener: "Ich kann es besser: Ich male auch die Rückseite – die Schatten – und lasse Marmor sogar fliegen!"

Eine Once in a Lifetime-Ausstellung!

Die Ausstellung überwältigt. Dem Rätsel van Eyck sind wir zumindest näher gekommen: Höfische Manier konkurriert mit bürgerlicher Emanzipation. Antik inspirierte Natur-Illusion paart sich mit christlicher Intensität.

Doch wie aus dieser Melange Malerei wird, die bis heute unser Sehen überlistet, das bleibt ein Geheimnis.

All das jetzt in Gent und die restaurierten Altartafeln hier aus nächster Nähe. Der Slogan stimmt: Eine Once in a Lifetime-Ausstellung!

Autor: Meinhard Michael

Austellungstipp
Van Eyck. Eine optische Revolution
Museum für Schöne Künste Gent
Bis 30. April 2020

Buchtipp
Till Holger Borchert /Jan Dumolyn / Maximiliaan Martens: Van Eyck. Eine optische Revolution.
Belser Verlag (Deutsche Ausgabe)

Stand: 16.03.2020 12:23 Uhr

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