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John Cage oder: Was heißt, "So langsam wie möglich"?

Enthusiasten feiern den Avantgarde-Komponisten in Halberstadt

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John Cage oder: Was heißt, "So langsam wie möglich"? | Video verfügbar bis 07.09.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gis und E. Warten auf den Neuanfang. Gestern Nachmittag in Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Seit dem Jahr 2001 läuft in der Sankt-Burchardi-Kirche das langsamste Musikstück der Welt. Rund um die Uhr.

Große Kunst, absurdes Theater oder Stadt-Marketing?

Burchardikirche in Halberstadt
Burchardikirche in Halberstadt | Bild: ttt

Erstmals nach sieben Jahren schreibt die Partitur ab heute zwei neue Töne vor: Gis und E. Das bringt internationales Publikum, Pressekonferenz, Platzgerangel – und schließlich ist er da der magische Moment des Klangwechsels und das zum Geburtstag des Komponisten am 5. September.

Doch Rainer O. Neugebauer, Kuratoriumsvorsitzender der John-Cage-Orgel-Stiftung, wiegelt ab: "Wir haben immer Bauchschmerzen mit diesem Superlativ: 'Langsamstes Musikstück der Welt'. Es geht uns um das zweckfreie Hören. Cage sprach vom 'empty mind', also vom 'leeren Geist', der dazu ganz wichtig ist. Wir haben viele willkürliche Entscheidungen getroffen. 639 Jahre, da kann man natürlich langsamer machen."

"ASLSP" – As SLow aS Possible, so lautet der Titel des Stücks von John Cage, das er 1987 geschrieben hat. In Halberstadt war Cage nie, mit diesem Orgelprojekt verbindet ihn – nichts. Es war eine Gruppe von Musikwissenschaftlern, die nach seinem Tod ins Grübeln gerieten: Wie langsam kann eine Orgel spielen? Man fand die Burchardi-Kirche in Halberstadt, dehnte die Partitur auf etwas mehr als sechs Jahrhunderte und begann mit einer 17-monatigen Pause. Aber ist das noch Musik?

"Nicht immer sofort Schubladen aufmachen"

Rainer O. Neugebauer, Kuratoriumsvorsitzender der John-Cage-Orgel-Stiftung
Rainer O. Neugebauer, Kuratoriumsvorsitzender der John-Cage-Orgel-Stiftung | Bild: ttt

Rainer O. Neugebauer antwortet mit Cage: "'Wenn Sie meinen, es ist keine Musik, nennen Sie es irgendwie anders.' Soll heißen: Nicht immer sofort Schubladen aufmachen: 'Das ist gut oder schlecht, das ist U- oder E-Musik, das ist ein Geräusch'."

Mit seiner Philosophie hat John Cage die klassische Musik revolutioniert.  1912 in Los Angeles geboren, studierte er Architektur und wurde Privatschüler von Schönberg. Doch die Zwölftontechnik war für Cage nur der Anfang. Sein Ziel: Den Klang von jeder Regel zu befreien. Damit wurde er zu einer der Schlüsselfiguren für die westliche Musikgeschichte.

Doch es ging noch radikaler. Das  berühmteste Werk von Cage heißt 4:33. Es dauert 4 Minuten 33 Sekunden und es kommt kein einziger Ton.

Was ist Stille, was Musik?

Mit Cage begann eine neue Ära der Musikgeschichte. Der Leipziger Komponist Steffen Schleiermacher ist fasziniert davon, "wie Cage Kompositionsmethoden versucht hat zu entwickeln, wo er seinen persönlichen Geschmack und Ähnliches raushält, damit die Töne Töne sein können und nur zueinander in Beziehung stehen und kein moralisches oder ästhetisches Gepäck mit sich herumschleppen." Das sei nach wie vor durchaus revolutionär. Die typische Frage laute häufig noch: "Was wollen Sie mit ihrer Musik ausdrücke?‘. Ja - Musik", antwortet er.

Schleiermacher ist einer der ausgewiesenen Kenner des Werkes von John Cage. Er hat das gesamte Klavierwerk eingespielt und gehört zu den wenigen, die mit den schwierigen Partituren umzugehen wissen. Auch wenn es anders wirkt: Spontane Improvisation ist hier verpönt.

Die Botschaft: Keine Botschaft

Klangwechsel in Halberstadt
Andrang vor dem Klangwechsel | Bild: ttt

Cage hat viele Werke "erwürfelt". Der Zufall sollte die Musik von Botschaften befreien. Aber wie passt dieses Konzept zu dem, was in Halberstadt passiert? Schleiermacher sieht es so: "Es ist eine Frage: Will ich damit eine Idee ausdrücken, will ich die Musik dieser harmlosen Töne mit einer Botschaft für das nächste Jahrhundert ausrüsten? – Das ist genau das, was Cage nicht wollte."

639 Jahre haben ihr eigenes Gewicht. Rainer O. Neugebauer von der John-Cage-Orgel-Stiftung gibt sich gelassen: "Es ist so etwas wie ein hierarchiefreies, einfaches nur Dasein von Klängen, die nichts wollen, die keinen überzeugen wollen. Keiner muss hierherkommen. Bis jetzt haben wir alles mit freiwilligen Spendengeldern finanziert. Wir hoffen darauf, dass es Leute gibt, die das Projekt weiterbetreiben werden. Und wenn es so passiert, wie wir es geplant haben, dann hätte dieses Gebäude noch nie so lange Frieden erlebt."

Autorin: Simone Unger

JOHN-CAGE-ORGEL-KUNST-PROJEKT
Burchardikirche
Am Kloster 1
38820 Halberstadt

Stand: 07.09.2020 16:19 Uhr

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So., 06.09.20 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
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DasErste