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Katar und die Fußballweltmeisterschaft

Menschenrechte und Propagandaspiele

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Katar und die WM: Menschenrechte und Propagandaspiele | Video verfügbar bis 14.11.2023 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenige Tage vor dem Start der Fußballweltmeisterschaft steht Katar im Fokus der medialen Berichterstattung. Regelmäßig würden die menschenunwürdigen Lebensbedingungen der Arbeitsmigranten in dem kleinen, aber superreichen Golfstaat thematisiert. Darüber beklagte sich Katars Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani kürzlich in einem Interview. Es sei ein Zeichen von Doppelmoral, wenn Deutschland einerseits die guten wirtschaftlichen Beziehungen im Bereich Energiepolitik betone, andererseits Katar aber systematisch wegen mangelnder Beachtung der Menschenrechte kritisiere. Dabei habe das katarische Herrscherhaus längst Reformen eingeleitet.    

Wie sind die Äußerungen des Außenministers zu bewerten? Und wie steht es tatsächlich um die Reformierbarkeit eines autokratischen Staates wie Katar?

Erstmals WM im arabischen Raum

Ein futuristisches Architektur-Märchen aus tausendundeiner Nacht – die Skyline von Katars Hauptstadt Doha. Vor dreißig Jahren war hier noch Wüste.

"Das ist ein Land, das sich innerhalb einer Generation völlig neu entwickelt hat", sagt Journalist Mathias Brüggmann. Heute ist Katar das Land mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt der Welt. "Das mit dem Geld war nicht genug, dass man mit dem Geld das und jenes erreichen kann. Man wollte das ummünzen in politischen Einfluss", meint Journalist Aktham Suliman. Über zwei Millionen Arbeitsmigranten, die für 300 Tausend Einheimische schuften. Vor allem auf Baustellen. "Diese Arbeiter – in den Augen der Kataris sind sie Nummern", sagt Mohamed Badarne, Fotograf und Menschenrechtsaktivist.

Wie umgehen mit dem kleinen Land, mit seinen offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen, seinen Widersprüchen, und jetzt mit der Weltmeisterschaft? Wer Katar verstehen will, muss seine Geschichte kennen. In den 70er Jahren begann das einst bitterarme Land der Perlenfischer mit der Gasförderung. Statt auf Öl setzte es auf die Produktion von Flüssiggas, auf Betreiben der Herrscherfamilie Al Thani.

Geschenkte Lebensbedingungen

Mathias Brüggmann, Journalist und Autor des Buchs "1001 Macht"
Mathias Brüggmann, Journalist und Autor des Buchs "1001 Macht"  | Bild: MDR/ttt

Mathias Brüggmann, Journalist beim Handelsblatt, hat Katar immer wieder bereist. In seinem Buch "1001 Macht" analysiert er die märchenhafte Erfolgsstory des Golfstaates. "Es ist nicht so, dass sich die Herrschaftsfamilie das Geld alles in die Tasche steckt, sondern es fällt natürlich ein großer Teil davon für die Bevölkerung ab", so Brüggmann. "Die kriegen die Lebensbedingungen weitestgehend geschenkt. Strom, Wasser, Telefon ist sowieso frei, medizinische Versorgung, Studium im In- und Ausland – das sind natürlich traumhafte Bedingungen."

Auch eine Besonderheit Katars: seine angreifbare geografische Lage als Halbinsel im Golf, umgeben von den Großmächten Saudi-Arabien und Iran. Als 2017 die Emirate und der saudische Nachbar eine über drei-jährige Blockade gegen Katar verhängten, brachte der Emir Tamin Al-Thani das Land sicher durch die Krise, dank internationaler Netzwerke.

Katar will ins internationale Rampenlicht

"Für Katar bedeutet Sichtbarkeit Sicherheit. Weil sie wissen, dass ein Land, was bekannt ist, nicht einfach ignoriert werden kann. Es ist halt die große Angst, von den Nachbarn im Zweifelsfall erdrückt zu werden“, sagt Journalist und Buchautor Brüggmann. Grund genug für Katar, weltweit Kontakte zu pflegen. Es knüpfte als erster Golfstaat Beziehungen zu Israel. Lud die USA und die Taliban zu Verhandlungen in die Hauptstadt Doha ein. Nach dem Machtwechsel in Kabul waren es am Ende katarische Flugzeuge, die Flüchtende ins Ausland brachten.

Mohamed Badarne, Menschenrechtsaktivist und Fotograf
Mohamed Badarne, Menschenrechtsaktivist und Fotograf | Bild: MDR/ttt

Sichtbarkeit nicht nur auf Feld der Diplomatie, sondern auch ganz wörtlich: bei der Architektur. In den Jahren vor der WM wurde Doha zur Großbaustelle. Die aberwitzigen Stadien und Fan-Hotels entstanden dank der Arbeitskraft Hunderttausender Migranten. Der in Berlin lebende Menschenrechtsaktivist Mohamed Badarne hat sie in Doha fotografiert. Jetzt zeigt er die Porträts in einer Sportbar, pünktlich zur WM. "Stellen Sie sich zwölf Personen vor, eingepfercht auf engstem Raum – Menschen sterben unter solch ungesunden Bedingungen. Ich wollte dokumentieren, wie sie leiden müssen, Tag für Tag“, so der Fotograf und Menschenrechtsaktivist. "Hygienisch ist das nicht! Stellen Sie sich vor, nach 10 Stunden Arbeit müssen sie dort eine Dusche nehmen, in diesem Dreckloch. Und das in dem reichsten Land der Welt." Badarne fotografierte die Unterkünften heimlich, immer mit der Gefahr, erwischt zu werden.

Klassengesellschaft in Katar

Von Kontakten mit den Einheimischen im reichsten Land der Welt können die Migranten nur träumen. Sie bleiben unter sich, isoliert. "Sie sind Serviceleister. Das Problem ist das herrschende Klassensystem in Katar“, erklärt Badarne. "Ganz oben stehen die Kataris, dann kommen die Europäer, dann die Migranten aus arabischen Ländern. Und dann, tief im Untergrund, ganz unten, finden sich diese Leute, die in ihren Quartieren dahinvegetieren."

Inzwischen hat sich die Lage der Arbeiter auf massiven Druck aus dem Ausland verbessert.

Wirtschaftliche Interessen vs. Menschenrechte

Doch das Thema "Menschenrechte" bleibt schwierig. Und heikel. "Sie lassen sich ja nicht mit Gewalt durchsetzen", sagt Akham Suliman, ehemaliger Büro-Leiter des katarischen Nachrichtensenders Al-Jazeera in Berlin. "Wenn man wirklich an die Menschenrechte glaubt, muss man natürlich den Weg dahin auch bestreiten. Und der Weg dahin läuft bestimmt nicht über Medienkampagnen und nicht durch Anprangern, bis die WM zu Ende ist", so Akham Suliman. "Hier, wo wirtschaftliche Interessen und Menschenrechte gegeneinanderstoßen, merkt man, entscheidet man sich im Westen praktisch für die Wirtschaft, moralisch für das Gespräch über Menschenrechte."

Akham Suliman, ehemaliger Büro-Leiter des katarischen Nachrichtensenders Al-Jazeera in Berlin
Akham Suliman, ehemaliger Büro-Leiter des katarischen Nachrichtensenders Al-Jazeera in Berlin | Bild: MDR/ttt

Westliche Maßstäbe lassen sich kaum anwenden auf Länder wie Katar, deren Kultur nicht in demokratischen Werten wurzelt, sondern in der Tradition von Beduinenstämmen. "Das ist eine Stammesgesellschaft nach innen. Sehr gläubig, sehr konservativ“, erklärt Suliman. "Es gibt keine Parteien, es gibt keine Parlamente. Dann kommt man mit dieser westlichen Wucht und will Sachen transferieren, die es nicht mal im Ansatz dort gibt. da hat man keine Chance."

Pressefreiheit und Rolle der Frau in Katar

"Auch das Thema Pressefreiheit ist in Katar sehr ambivalent. Es war das erste Land, das einen arabischen Satellitensender aufgebaut hat, der dafür steht, dass es dort Meinungspluralismus gibt. Und wird das im Land immer selber auch so gemacht? Das ist die große Frage", sagt Buchautor Mathias Brüggmann. "Ich habe von vielen gehört, dass natürlich keine offene Kritik an dem Emir geübt wird. Ich habe aber von anderen auch gehört, die sagen, wofür sollen wir ihn kritisieren? Wir haben himmlische Bedingungen weitestgehend."

Frauen in Katar haben größere Möglichkeiten als anderenorts – auf dem Papier. Sie müssen ihr Gesicht nicht verhüllen. Werden gut ausgebildet, können sogar Jet-Pilotinnen werden – aber eben nur dann, wenn es die Familie erlaubt. Die innergesellschaftliche Entwicklung hinkt der Gesetzeslage hinterher.

"Man muss sehr geduldig sein. Dass man gleich verlangt, dann muss die Hälfte der Regierung Frauen sein – es ist einfach nicht machbar", meint Aktham Suliman. Immerhin – in der Schura, der beratenden Versammlung des Emirs, sitzen ein paar Frauen.

Boykott oder Annäherung?

Die Gewissensfrage: Boykott der WM oder Wandel durch Annäherung? "Ich glaube nicht, dass man sie boykottieren sollte, denn ich bin fest davon überzeugt, dass das Richtige ist, gegenüber Katar zu sagen, ihr habt wichtige Sachen angefasst, ihr habt auf Kritik reagiert und bitte macht diesen Weg weiter", sagt der Journalist und Buchautor Brüggmann. Aktham Suliman betont: "Ich glaube nicht, dass die Anwesenheit von wahrscheinlich Millionen Fans in Katar an der Gesellschaft selbst vorbeigehen wird. Ich glaube schon, dass das auch verändert." Katar hat einen märchenhaften wirtschaftlichen Aufstieg geschafft und auch wenn das Herrscherhaus Al Thani das Image des Landes mit hypermoderner Architektur und der Ausrichtung einer Weltmeisterschafft poliert, so bedeutet das keinen Mentalitätswandel in der Bevölkerung. Die alten Stammesregeln seien immer noch stärker als die Einflüsse des Westens. Reformen und Erneuerungen müssten von innen kommen, und sie kämen langsam. Der Westen solle einen engen Austauscht anstreben. Nur so könne ein Bewusstsein für Menschenrechte, für Frauenemanzipation und für Pressefreiheit in der katarischen Gesellschaft wachsen.

Autorin: Hilka Sinning

Stand: 14.11.2022 17:07 Uhr

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