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Kunst als Gedächtnis: William Kentridges Werk für Kaunas

Rückkehr in die Heimat seiner jüdischen Vorfahren in Litauen

Künstler, Theater und Opernregisseur William Kentridge in Kaunas
William Kentridge in Kaunas | Bild: dpa

Der weltberühmte südafrikanische Künstler William Kentridge ist für seine Ausstellung hier erstmals in die Heimat seiner Großeltern gekommen, die einst aus Kaunas flohen. Sehr berührend ist vor allem seine Arbeit, die er extra für das Kulturhauptstadtjahr kreiert hat.

Erstmals in der Heimat seiner jüdischen Vorfahren

Jüdischer Friedhof von Kaunas
Jüdischer Friedhof von Kaunas | Bild: ttt

Er ließ sich von dem alten Jüdischen Friedhof, nicht weit vom Nationalmuseum, inspirieren. Die Ausstellung trägt den Titel: "Das woran wir uns nicht erinnern." Im Innenhof des Nationalmuseums: ein Wandbild. Natürlich in Schwarz-Weiß, typisch für William Kentridge. Die Ausstellung "That which we do not remember" zeigt Videos, Installationen und Zeichnungen aus den vergangenen Jahrzehnten. Für Kunstinteressierte ist sie der Höhepunkt des Kulturhauptstadt-Jahres in Kaunas.

In seinem Werk thematisiert Kentridge immer wieder den Umgang mit der Vergangenheit. Nur mit der seiner eigenen Familie, mit seinen litauisch-jüdischen Wurzeln, hat er sich bisher nicht beschäftigt, wie er selbst so erklärt: "Es fühlte sich nie so an als wäre es meine Geschichte, es war so weit weg. Meine Großeltern kamen nach Südafrika, und sie sprachen nie über die Herkunft ihrer Eltern, die aus Litauen, Deutschland, Polen stammten."

Ausstellung im Nationalmuseum: "Das woran wir uns nicht erinnern"

William Kentridges Ausstellung ist im Nationalmuseum in Kaunas zu sehen.
William Kentridges Ausstellung ist im Nationalmuseum in Kaunas zu sehen. | Bild: ttt

Dass William Kentridge eine Ausstellung für die Kulturhauptstadt Kaunas 2023 konzipierte, dass er zum ersten Mal in die Heimat seiner Vorfahren reiste, ist einzig und allein den Bemühungen der Kuratorin Virginjia Vitkiene zu verdanken.

Ihr Ziel: Die Litauer sollten sich mit ihrer Beteiligung an der Ermordung von fast 200.000 jüdischen Landsleuten auseinandersetzen. Ihr Mittel: Die Kunst.

Verlust für ganz Litauen – und verdrängte Schuld

Vitkiene erklärt: "So viele wunderbare Menschen, große Künstler, Architekten, sie alle überlebten den Holocaust nur, weil sie Litauen oder auch andere Länder verließen. Deshalb wollten wir Kentridge hierher bringen, um den Litauern, den Menschen in Kaunas zu zeigen, was wir verloren haben an genialen Künstlern, Komponisten – ein Verlust, dessen wir uns wegen unserer eigenen historischen Traumata lange nicht bewusst waren."

Kuratorin Virginjia Vitkiene
Kuratorin Virginjia Vitkiene | Bild: ttt

Vor dem zweiten Weltkrieg war etwa ein Drittel der Bevölkerung in Kaunas jüdischen Glaubens. Mit der Besatzung durch die Nazis begann ihre Auslöschung. Viele Litauer wurden zu Mittätern – eine Schuld, die sie jahrzehntelang verdrängten. Das ist der Grund, weswegen William Kentridge sich so lange weigerte, in die Heimat seiner Vorfahren zu reisen, wie Vitkiene weiter erläutert: "Als wir ihm dann diesen besonderen Ausstellungsraum im Museum angeboten haben, da hat er seine Meinung komplett geändert. Er war inspiriert von diesem Auditorium, das kein gewöhnlicher Ausstellungsraum ist."

Vielbesuchte Installation: "Manche kommen einmal im Monat"

Kentridge nahm die Idee Virginija Vitkienes auf, setzte sich zum ersten Mal in seinem Schaffen mit Motiven des Holocaust auseinander, und verbindet sie mit den Themen, die ihn immer schon beschäftigen.

William Kentridge: "Das woran wir uns nicht erinnern"
Blick in die Ausstellung: "Das woran wir uns nicht erinnern" | Bild: ttt

Entstanden ist eine Installation aus drei Elementen: ein jüdischer Friedhof vor einer afrikanischen Landschaft, Musik, die christliche Gesänge und afrikanische Harmonien verbindet: "Es entstand etwas, was ich beim Zeichnen nicht vorhergesehen hatte: Es scheint, als wäre der Besucher tot, er schaut aus dem Graben, dem Grab, hinauf, nach oben zu den Bäumen", so Kentridge. Und Kuratorin Virginjia Vitkiene meint: "Ich finde, es ist ihm gelungen. Es ist uns gelungen. Und das ist wunderbar. Die Menschen besuchen diese Installation, sie hören zu, sie weinen, sie denken nach, diskutieren – und bringen beim nächsten Mal ihre Familien mit. Manche kommen einmal im Monat hierher", erzählt die Kuratorin.

Autorin: Petra Böhm

Stand: 12.07.2022 12:16 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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