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Litauen und Europas Kulturhauptstadt Kaunas in Zeiten des Krieges

Ein Land an der EU-Außengrenze im Fokus geopolitscher Spannungen

"Bist du einverstanden mit diesem Krieg?" Foto-Aktion auf dem Bahnhof im litauischen Vilnius
"Bist du einverstanden mit diesem Krieg?" Foto-Aktion auf dem Bahnhof im litauischen Vilnius | Bild: ttt

Der brutale Angriffskrieg gegen die Ukraine trifft auch die Menschen in Litauen bis ins Mark: Nur 100 Kilometer sind es von Kaunas zur russischen Grenze, nach Kaliningrad. Und Erinnerungen, die eigenen geschichtlichen Erfahrungen, geopolitischen Interessen geopfert zu werden, sie kommen wieder hoch. Über 50 Jahre war Litauen ein okkupiertes Land: erst Stalins Truppen, dann Nazideutschland und schließlich die Einverleibung in die Sowjetunion.

Kulturhauptstadt-Jahr als Selbstvergewisserung eines ganzen Landes

Für Litauen, diese junge Nation am östlichen Rand der europäischen Gemeinschaft, ist das Kulturhauptstad-Jahr deswegen auch eine Art Selbstvergewisserung. Überall in Kaunas finden sich Zeichen der Solidarität, und in Vilnius, der Hauptstadt konfrontieren Fotos ganz direkt mit den Folgen des Krieges.

Bilder des Krieges für die Passagiere im russischen Zug nach Kaliningrad

Russischer Zug nach Kaliningrad
Russischer Zug nach Kaliningrad | Bild: ttt

Eben dort, weil jeden Morgen gegen 9:30 Uhr ein russischer Zug einfährt, auf dem Weg von Moskau durch Litauen in die Exklave nach Kaliningrad. Niemand darf ein- oder aussteigen. Doch wer aus dem Fenster sieht, sieht die Bilder vom Krieg am Zaun, versehen mit der Aufschrift: "In diesem Moment tötet Putin friedliche Ukrainer. Bist du damit einverstanden?“

Fotograf Jonas Staselis erklärt dazu: "Natürlich verstehen wir, dass das den Krieg nicht stoppen wird. Dass es nicht dazu führt, dass die Russen auf den Straßen protestieren. Aber zumindest sehen sie, was wirklich passiert in der Ukraine, was ihr Land, ihre Armee, anrichtet in der Ukraine. Was sie zerstören, die Menschen, die sie töten. Denn sie haben ja nur die russischen Medien, und die sagen, sie würden die Ukraine befreien – ja, von wem denn?"

Solidarität und Mitgefühl

Fotograf Jonas Staselis
Fotograf Jonas Staselis  | Bild: ttt

Die Fotos stammen von namhaften ukrainischen Pressefotografen, ihre litauischen Kollegen haben die Aktion initiiert. Finanziert wird sie von der litauischen Bahn, also einem Staatsunternehmen.

Den Russen die Brutalität des Krieges vorzuführen – für Jonas Staselis ist das nicht nur notwendig, es ist eine Selbstverständlichkeit. Auch aus ganz persönlichen Gründen, wie er mit Verweis auf die Geschichte seiner Mutter erklärt.

"All diese Toten": Persönliche und kollektive Erinnerung

In den 1950er Jahren hatte sie als Kind die Ermordung von Partisanen erlebt, die für Litauens Unabhängigkeit kämpften:

Zeichen der Solidarität mit der Ukaine finden sich in ganz Litauen.
Zeichen der Solidarität mit der Ukaine finden sich in ganz Litauen. | Bild: ttt

"Nachdem die Sowjets die Partisanen getötet hatten brachten sie sie vor den Eingang der Kirche. Sie nahmen sich die Schuhe, denn die waren von guter Qualität, solche hatten sie nicht. Meine Mutter erzählte mir, dass die Leichen mitten im Winter ohne Schuhe dalagen. Sie sagte, sie habe nicht verstanden, was los gewesen sei: 'Ich habe einen Toten gesehen mit offenen Augen, sie waren ganz weiß', sagte sie."

Und der litauische Fotograf Jonas Staselis führt weiter aus: "All diese Toten, die Leichen der Partisanen, sie sind in ihrem Gedächtnis. Wissen Sie, meine Mutter war zehn Jahre alt. Und dann, als wir Butscha sahen, da kam diese Erinnerung wieder hoch. Es ist die Erinnerung unserer Eltern, unserer Großeltern. Und deshalb haben wir so viel Mitgefühl mit der Ukraine."

Autor: Jens-Uwe Korsowsky

Stand: 12.07.2022 12:11 Uhr

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