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Kaunas und die Allee der Freiheit

Erinnerung an Romas Kalanta und Litauens Weg in die Unabhängigkeit

Allee der Freiheit: Romualdas Požerskis dokumentierte die Proteste von 1972 in Kaunas
Allee der Freiheit: Romualdas Požerskis dokumentierte die Proteste von 1972 in Kaunas | Bild: Romualdas Požerskis

Allee der Freiheit, so hieß eine Straße in Kaunas sogar zu Sowjet-Zeiten. Alle Versuche Moskaus, diesen Boulevard umzubenennen, scheiterten. Und irgendwann gaben die Machthaber auf, in der Hoffnung, dass ihr Verständnis von Freiheit gemeint sei. Doch für die Litauer war diese Allee der Freiheit ein Symbol des Widerstandes und der Sehnsucht nach Unabhängigkeit. 

Allee der Freiheit: Ort der Proteste nach Selbstverbrennung von Romas Kalanta

Fotograf Romualdas Požerskis erinnert in der Ausstellung "1972" an die Ereignisse
Fotograf Romualdas Požerskis erinnert in der Ausstellung "1972" an die Ereignisse | Bild: ttt

Denn genau hier kam es 1972 zu dramatischen Protesten, nachdem sich am 14. Mai der 19jährige Romas Kalanta an Ort und Stelle verbrannt hatte. Er hinterließ eine schriftliche Notiz: "Schuld an meinem Tod ist die jetzige Ordnung." Hunderte Jugendliche versammelten sich danach am Ort der Selbstverbrennung.

Das Ereignis führte in Kaunas zu Demonstrationen, die von Truppen des Innenministeriums und sowjetischen Fallschirmjägern niedergeschlagen wurden. Etwa 800 Jugendliche wurden verhaftet. Darunter der Fotograf Romualdas Požerskis, der sich so erinnert: "Die Selbstverbrennung von Romas Kalanta hat uns ziemlich erschüttert. Aber richtig wütend hat uns die brutale Missachtung seines Todes gemacht. Menschen kamen mit Blumen zur Stelle der Selbstverbrennung. Die Polizei sammelte die Blumen ein und warf sie in Müllautos. Das führte zur Aufruhr."

 Fotograf Romualdas Požerskis: "Besetzt, aber frei im Inneren"

On the road 1972 durch Litauen
On the road 1972 durch Litauen | Bild: Romualdas Požerskis

Zwei Wochen war Požerskis selber in Haft. Danach setzte er sich aufs Motorrad, um frische Luft zu atmen, Weite zu gewinnen, wieder zu fotografieren. Auf seinem Motorrad der Schriftzug: "Litauen", auf Englisch und Litauisch. Eine riskante Geste der Unabhängigkeit. Denn das Land war seit 1940 sozialistische Sowjetrepublik und hieß offiziell LSSR: "De facto waren wir von den Russen besetzt, aber im Inneren waren wir frei. Es gab dieses Buch von Jack Kerouac 'On the Road', das war für uns wie eine Bibel."

"Über Wellen fliegen", nennt Požerskis seinen 8-Millimeter-Film aus jenen Jahren. So zwanglos, so grenzenlos kann das Leben sein, ist die subversive Behauptung der Bilder.

Der baltische Weg in die Unabhängigkeit

Požerskis wird zum bekanntesten Fotografen des Landes, als die World Press Photo Foundation im Jahrbuch 1989 seine Fotos vom Hissen der litauischen Nationalflagge in Kaunas veröffentlicht:

Chance zur Unabhängigkeit 1989 ergriffen
Chance zur Unabhängigkeit 1989 ergriffen | Bild: ttt

"Es dauerte ungefähr nur eine Stunde. Aus allen Teilen des Landes kamen die Menschen nach Kaunas, um mitzuerleben, wie nach Jahrzehnten die litauische Fahne wieder gehisst wurde. Dann gingen sie glücklich nach Hause."

Es war der Anfang vom baltischen Weg. Zur Erinnerung an die Annexion der Balten, besiegelt durch den Hitler-Stalin-Pakt vor 50 Jahren, wurde im August 1989 eine Menschenkette initiiert. 600 Kilometer lang war sie, sie führte durch alle drei baltischen Länder.

Ausstellung in Kaunas: "1972"

Sechs Monate später, im März 1990 erklärte Litauen als erste ehemalige Sowjetrepublik seine Unabhängigkeit: "Hätten wir diese Chance damals nicht genutzt, hätten wir heute in unseren Schulen Porträts von Putin hängen. Wir Balten können sehr gut nachvollziehen, wie die Ukrainer empfinden", ist sich Požerskis sicher.

Jetzt sind seine Dokumente des beginnenden Umbruchs in Kaunas in der Ausstellung "1972" zu sehen.

Autor: Jens-Uwe Korsowsky

Stand: 12.07.2022 12:27 Uhr

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