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Lang Lang und Bachs Goldberg-Variationen

Nach 27 Jahren wagt sich der Pianist an dieses Meisterwerk des Barock

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Lang Lang und Bachs "Goldberg-Variationen" | Video verfügbar bis 07.09.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ausverkaufte Säle, Konzerte in den großen Auditorien: Lang Lang brilliert seit 20 Jahren weltweit und unermüdlich mit seinem klassisch-romantischen Repertoire.

Und jetzt? Teetrinken in Pekings Stadtteil Chaoyang. Der Pianist ist im Lockdown, im siebten Monat. "Es ist wirklich ein Albtraum, dass so viele Auftritte und Konzerte in diesem Jahr ausgefallen sind", beklagt der Weltstar: "Ich fühle mich wie ein Fisch ohne Wasser."

Er hat Zuflucht gesucht in seiner Heimat. Auf die Frage, wie eng er sich mit diesem schwierigen Land verbunden fühlt, antwortet er ausweichend: "Sehen Sie, ich bin ja gerade in China, also ich bin dicht dran."

"Ein Maßstab für alle Musik" ...

Er hat Glück im Unglück. Im März, kurz bevor das Corona-Drama begann, hat er jenes Meisterwerk des Barock eingespielt, dem sich jeder Konzertpianist irgendwann stellen muss: Bachs Goldberg-Variationen.

Lang Lang im ttt-Gespräch
Lang Lang im ttt-Gespräch | Bild: ttt

Für Lang Lang ist das Stück "ein Maßstab für alle Musik": "Es ist so perfekt ausbalanciert und gleichzeitig so emotional, ein wirkliches Universum. Es steht für eine ganze Musikepoche."

27 Jahre habe er sich an diesem Werk erprobt – bis zur vorliegenden Plattenaufnahme. Mit den Goldberg-Variationen, sagt er nicht ganz uneitel,  sei er gar – parallel zu seiner Heirat – in eine neue Lebensphase eingetreten:

"Zuerst war ich eine Art Teenager-Wunderkind, dann ein etwas reiferer Pianist und nun mit 37-38 Jahren wird es Zeit, dass ich mich in einen gereiften Rotwein verwandle."

... und ein Lebenstraum

Er ist dem Werk und seinem Komponisten sozusagen hinterhergereist. Er, der mit der Musik des Barock wenig vertraut ist, wollte den Bachschen Klang der Leipziger Thomaskirche kennenlernen.

Ovationen für Lang Lang in Leipzig
Ovationen in Leipzig | Bild: Deutsche Grammophon

Im neuen Album findet sich neben einer Studioaufnahme das Live-Konzert, das er dort im Februar gegeben hat. Der Pianist befürchtete zunächst "zu viel Hall", aber am Ende wurde die Akustik für gut befunden.

Geradezu demütig hat sich der einst als pianistisches Technikwunder geschmähte Lang durch die Bachsche Welt gearbeitet. Barockpuristen dürften sich an manch rhythmischer Eskapade und an seiner Verzierungslust reiben. Bestechend ist die Tiefenschärfe, die neugewonnene Nachdenklichkeit, auch Ernsthaftigkeit dieses gereiften Künstlers. Er präsentiert dieses Mammutwerk zwar mit 90 Minuten extrem gedehnt, allerdings durchdacht und schlüssig in seiner enormen Vielfalt.

Alles schläft, Goldberg wacht

Die Aria, die am Anfang und Ende der 30 Variationen steht. Bach, so die Legende, hat dieses Werk einst als Einschlafhilfe für den befreundeten Grafen von Keyserlink geschrieben.

Lang Lang nach dem Konzert in Leipzig
Nach dem Konzert | Bild: Deutsche Grammophon

"Ich habe versucht, während des Stückes zu schlafen", erzählt der Pianist, "ich bin mehrere Male eingenickt, als ich es spielte. Ich schlief ein und wachte wieder auf. So etwa fünf Mal. Gut einschlafen kann man am Ende, nach der Aria, am Schluss."

Er spielt diese Aria streng, schnörkellos, ganz gelöst. Wie ein intimes Bekenntnis.

Und immer spürt man den Respekt, die Ehrfurcht, die Lang Lang dem bewunderten Barockkomponisten entgegenbringt.

Autor: Reinhold Jaretzky

CD-Tipp
Bach Goldberg Variations / Lang Lang
Deluxe-Edition mit Live-Mitschnitt eines Auftritts von Lang Lang in der Thomaskirche
Deutsche Grammophon

Stand: 07.09.2020 16:12 Uhr

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Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
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