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Leïla Slimanis Roman: "Das Land der Anderen"

Wie es ist, nirgends dazu zu gehören

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Leila Slimani überrascht mit persönlicher Geschichte | Video verfügbar bis 25.07.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir treffen Leïla Slimani in Lissabon. Die Schriftstellerin ist hier nicht zu Hause. Sie ist Französin, lebt in Paris. Sie ist Marokkanerin, wuchs auf in Rabat.  Wir treffen sie an dem Ort, an den sie sich gerade zum Schreiben zurückgezogen hat. Das Gefühl, eine Fremde zu sein – für sie nicht unbekannt: "Ich fühle mich oft genau dort zu Hause, wo ich meinem Pass nach gar nicht zu Hause bin. Ich beobachte die Menschen. Ich genieße es, die Sprache überhaupt nicht zu verstehen. Das finde ich angenehm und es heißt nicht, dass ich mich nicht für die Kultur interessiere. Aber nur so, wenn ich fremd bin, kann ich in Einsamkeit zum Schreiben abtauchen."

Der Traum von der Fremde

Foto von Leïla Slimanis Großmutter
Foto von Leïla Slimanis Großmutter | Bild: ttt

Fremd sein – das ist auch Thema ihres jüngsten Romans "Das Land der Anderen". Slimani nimmt uns mit ins Marokko der 1950er Jahre. Inspiriert von der Geschichte ihrer eigenen Großmutter. Eine Elsässerin, die Deutsch, Französisch und später Arabisch sprach. Die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Marokko wollte, sie habe von einem Afrika der Kolonialzeit geträumt, weiß Slimani aus Erzählungen: "Wir müssen uns vorstellen, dass man Anfang des 20. Jahrhunderts überall in Frankreich noch Postkarten kaufen konnte, auf denen arabische und afrikanische Frauen nackt dargestellt waren. Man erzählte sich, dass Afrikaner rohes Fleisch und sich gegenseitig auffräßen. Eine wilde Welt mit wilden Tieren! Eine Welt, in der Weiße reich und mächtig werden können."

"Die Weiße und der Mohr" – eine geächtete Liebe

1944 erobert Frankreich das von den Nazis besetzte Elsass zurück. In den Reihen der Franzosen kämpfen viele Soldaten aus den afrikanischen Kolonien. Auch der junge Marokkaner Amine. Bei Straßburg stationiert, lernt er Mathilde kennen, das Alter Ego von Slimanis Großmutter. Mathilde, lebenshungrig und vom Elsass gelangweilt, verliebt sich in den gutaussehenden Marokkaner. Was diese Liebe zu einem "Kolonisierten" aushalten musste, wollte Slimani erzählen. Auch wenn es heute schwer vorstellbar sei, galt es als ein "Akt der Subversion", wenn eine Frau sich mit einem Araber einließ, so Slimani. "Zumal für eine weiße Frau, die alles hatte, aus bürgerlichem Haus. Denn die Kolonisierung war auch eine sexuelle Unternehmung."

Mathilde und Amine gehen nach Marokko, nach Meknès im Atlasgebirge, sie fangen dort neu an. Bewirtschaften unter Mühen eine Farm. Gründen eine Familie. Doch es schlägt ihnen nur Verachtung entgegen: ihm, weil er sich mit einer Französin "eingelassen hat, ihr, weil sie zur Kolonialmacht gehört. Man beleidigt sie, wie Slimani schreibt, als die Weiße und der Mohr".

"Halb Zitrone, halb Orange"

Ihre Kinder stigmatisiert die Kolonialgesellschaft als "Mischlinge". Amine pflanzt für sie einen "Zitrangenbaum", erzählt Slimani im Buch: "Wir sind wie dein Baum – halb Zitrone, halb Orange – wir gehören zu keiner Seite."

Zitrangenbaum
Zitrangenbaum | Bild: ttt

Bis heute werde der sogenannte "Mischling" zu etwas Beunruhigendem gemacht, beobachtet Slimani, der Begriff werde nur für Kinder aus bestimmten Verbindungen gebraucht: "Wenn zum Beispiel ein Franzose eine Deutsche heiratet, nennt man ihre Kinder nie 'Mischlinge'. Das passiert nur, wenn westliche Weiße Schwarze heiraten. Das Wort beinhaltet eine rassistische und hierarchische Abstufung."

"Ich wollte nicht für immer die Autorin sein, die Bücher schreibt, die wie eine Bombe detonieren"

Slimani ist eine Seismographin tiefer Erschütterungen. 2016 gewinnt sie den Prix Goncourt mit ihrem Kurzroman "Dann schlaf auch du": die Geschichte einer Nanny, die die ihr anvertrauten Kinder ermordet. Ein Schocker, mit dem sie die feinen Unterschiede der französischen Klassengesellschaft präzise entlarvte. Jetzt: ein Familienroman, Teil eins einer französisch-marokkanischen Trilogie. "Ich wollte auf jeden Fall etwas Anderes schreiben", so die Schriftstellerin. "Ich wollte nicht für immer die Autorin sein, die diese kurzen Bücher schreibt, die wie eine Bombe detonieren. Ich will zeigen, dass auch die marokkanische Geschichte das Zeug für große Erzählungen hat, dass wir all diese modernen Figuren haben. Ich wollte Marokko ohne orientalischen Kitsch erzählen, aber mit Sex, mit den großen Kämpfen, wie im Film."

Die Ohnmacht der Frauen, im Orient und im Westen

Slimani erzählt ihr Familienepos vor dem Hintergrund der marokkanischen Unabhängigkeitskämpfe: Ab 1955 brennt Casablanca, das ganze Land.1956 wird Marokko unabhängig. Auch Mathilde kämpft um Freiheit, doch kolonialistische und patriarchale Strukturen zerfressen ihr Leben. Slimani beschreibt die "schreckliche Gewalt", die ihrer Hauptfigur angetan wird, und erzählt, wie sie gelernt hat zu schweigen, um in dieser Zeit zu leben und Kinder großzuziehen. "Mathilde schafft es noch nicht, ihre Revolte zu Ende zu bringen." Inspiriert von der eigenen Familie erzählt Leïla Slimani mit diesem vielschichtigen Roman auch, wer sie ist. Und: warum sie schreibt: "Literatur muss verletzen, uns aufwühlen, uns dazu bringen, nicht immer gleich zu urteilen, Menschen in Schubladen zu stecken. Nichts ist einfach zu erklären. Im Grunde begreifen wir nichts. Das meiste bleibt verborgen. Sinn gibt es kaum, oft erschließt er sich zu spät. Aber: Literatur kann Achtung für den Menschen schaffen."

Autorin: Brigitte Kleine

Leïla Slimani "Das Land der Anderen", Luchterhand, 2021

Stand: 26.07.2021 11:16 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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