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Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung an Karl-Markus Gauß

Auszeichnung für den Essayband "Die unaufhörliche Wanderung"

Playtitel thesen temperamente
Buchpreis für Karl-Markus Gauß | Video verfügbar bis 20.03.2023 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das gehört zu den täglichen Ritualen des Germanisten, Herausgebers und Essayisten Karl-Markus Gauß: Ein Spaziergang in seiner Heimatstadt Salzburg:

"Salzburg ist ziemlich schön, unzweifelhaft - aber für mich persönlich das Interessanteste ist die Peripherie, die eigentlich nie jemand kennenlernt, der nur für ein paar Tage oder Wochen nach Salzburg kommt."

Gauß nimmt Europas Ränder in den Fokus

Die Peripherie, wenig bekannte Regionen in Europa, abgelegene Orte in Bosnien, Rumänien oder Ungarn - sie interessieren Karl-Markus Gauß auch auf literarischer Ebene. In seinem  Essayband "Die unaufhörliche Wanderung" macht er sich darüber Gedanken:

"Die Geschichte unserer Zeit kann man nicht nur in den Metropolen ablesen, sondern genau an den entlegenen Orten an den Rändern der Peripherien unserer Zivilisationen. Aus dem einfachen Grund, weil sich dort noch verschiedene Schichten ineinanderschieben: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. In Sofia zum Beispiel gibt es IT-Welt, die ist  europaweit führend, aber wenige Straßen weiter von dort, wo Sie Ihre Glaspaläste mittlerweile errichtet haben, fahren Pferdefuhrwerke."

Weltgeschichte als unaufhörliche Wanderung: Von Görlitz nach Třebíč, Berat oder Odessa

Gratulation von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmar in der Nikolaikirche
Gratulation von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmar in der Nikolaikirche | Bild: dpa

Fast alle Orte, über die er schreibt, hat Karl-Markus Gauß persönlich bereist. Oder er hat sie sich erwandert. Das Städtchen Třebíč etwa mit seinem jüdischen Viertel, einst Tschechiens größtes Ghetto, wo Juden auf engstem Raum eingepfercht wurden, heute aufgehübscht in Pastellfarben.

Oder das antike Berat in Albanien, wo auf den kargen Berghängen Wein angebaut wird. Berat war abwechselnd griechisch, byzantinisch und mazedonisch. Heute sind es Touristenströme aus Nordeuropa, die unten im Tal den Wein verkosten. 

Dazu erklärt der Schriftsteller: "Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Wanderungen. Man kann die Weltgeschichte seit der Frühzeit und die europäische überhaupt nicht verstehen, ohne dass man begreift, dass die unaufhörliche Wanderung ein wirklich zivilisatorisch wichtiges und die Gesellschaften prägendes Ereignis dargestellt hat und weiterhin auch darstellt."

Eigene Volksgruppen jenseits der Grenzen befreien?

Es waren vor allem die Migranten aus Syrien und dem Irak, die zuletzt Europa erschütterten und Debatten über die EU-Außengrenzen auslösten. Das Thema "Grenzen" zieht sich als roter Faden durch die Essays von Karl-Markus Gauß. Auch in Form von so erfreulichen Beispielen wie dem von Görlitz. Nach1945 durch die Neiße geteilt in einen polnischen und einen deutschen Teil, wächst die Stadt jetzt wieder zusammen. Nationale Grenzen verschwimmen.

Oder sie sind in akuter Gefahr, wie im Fall der ukrainischen Hafenstadt Odessa, seit jeher ein multi-ethnischer Schmelztiegel. Mindestens fünfzehn unterschiedliche Volkgruppen sind dort zu Hause. Die Umgangssprache ist Russisch. Ein Vorwand mehr für die russischen Angreifer, Odessa als nationales Territorium zu betrachten. Die Stadt bereitet sich auf einen Angriff vor.

Gauß kommentiert: "Man hat Grenzen immer auch dazu verwendet, dass man so genannte Minderheiten, die der eigenen Volksgruppe angehört haben, von jenseits der Grenzen befreien wollte. Aber gerade in der Ukraine funktioniert das überhaupt nicht."

Beispiel Mariupol: Russischstämmige nehmen an Abwehrkampf teil

Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie in dem kriegsgeschädigten Charkiw, aber auch in dem eingekesselten Mariupol.  Gauß erläutert weiter: "Das sind russischstämmige und russischsprachige Menschen in Mariupol und in Charkiw, aber trotzdem nehmen sie teil an dem Abwehrkampf der Ukraine. Das heißt, diese Grenzziehungen sind völlig willkürlich, darüber hinaus haben sie heute überhaupt nichts mehr national auszudrücken."

Gauß: Europäische Union als Garant für Frieden

Karl-Markus Gauß' Reportagenbuch: "Die unaufhörliche Wanderung"
Karl-Markus Gauß' Reportagenbuch: "Die unaufhörliche Wanderung" | Bild: Zsolnay Verlag

In dieser Zeit, in der Europa zusammenrückt, ist Karl-Markus Gauß überzeugt: Die Europäische Union als Dachorganisation ist der beste Garant dafür, dass Menschen friedlich leben und arbeiten können, egal, in welchem Land sie Hause sind: "Ich finde, die Europäische Union ist die wahre, echte Zukunft der europäischen Länder, gerade auch für die kleineren Staaten. Aber gleichwohl, Europa ist so divers, so verschieden, dass es halt in dieser Verschiedenheit nur zusammenfinden kann."

Eine Haltung, die in allen Zeilen seines Buchs "Die unaufhörliche Wanderung" mitschwingt. Gerade wurde er Autor mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Bedauerlich bloß, sagt der Autor, dass Gedanken zu Verständigung und Pazifismus in Kriegszeiten kaum gehört werden: 

"Pazifismus ist jetzt vielleicht auch ein ‚schlechtes' Wort für diese Zeit. Vielleicht ungerechterweise. Eine Friedensbewegung kann nie etwas Schlechtes sein. Und natürlich gilt es heute, zum Beispiel die Friedensbewegung in Russland sehr stark zu unterstützen."

Autorin: Hilka Sinning

Buchtipp
Karl-Markus Gauß: Die unaufhörliche Wanderung
Zsolnay Verlag

Stand: 22.03.2022 18:26 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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