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Zum Tod von Mikis Theodorakis

Staatstrauer für einen großen Musiker und Kämpfer

Die Stadt Piräus ehrt den Komponisten Mikis Theodorakis.
Die Stadt Piräus ehrt den Komponisten Mikis Theodorakis. | Bild: Imago images/ ANE Edition

Die Griechen trauern. Staatlich verordnet drei Tage, viele für den Rest ihres Lebens.  Mikis Theodorakis ist tot. "Mikis", wie ihn die Griechen zärtlich nannten, lebte durch seine Musik mit ihnen in ihren Wohnzimmern, den Tavernen und Gassen. Er war Vater, Bruder, Tröster und Mutmacher.

"Für uns Griechen ist er ein Unsterblicher"

Nach dem Tod von Mikis Theodorakis: Fahnen auf Halbmast vor dem Parthenontempel auf der Aktopolis in Athen
Nach dem Tod von Mikis Theodorakis: Fahnen auf Halbmast vor dem Parthenontempel auf der Aktopolis in Athen | Bild: imago images / ANE edition

Als sich der Konvor mit dem der Sarg vor seinem Haus in Bewegung setzt, applaudieren umstehende Passanten ihrem Helden: "Für uns Griechen ist er ein Unsterblicher. Er ist gegangen, aber verlassen wird er uns nie", sagt eine ältere Dame. Für die Griechen ist mit Theodorakis' Tod ein Teil von Griechenlands Seele verloren gegangen. Sie hatten vergessen, dass er sterblich ist.

Konstantin Wecker, ein langjähriger Freund des Komponisten, erinnert sich an die besondere Anziehungskraft Theodorakis': "Ich habe zu seinem Geburtstag mal in Athen spielen dürfen und ich habe so etwas überhaupt noch nicht erlebt. Von kleinen Kindern bis zu alten Menschen – alle Generationen waren da. Der Mensch braucht Kunst, weil sie ein Teil seiner selbst ist. Und das hat man bei den Melodien von Theodorakis so unglaublich gespürt."

Widerstand gegen den Faschismus

Mikis Theodorakis ging zu den Leuten und sie kamen zu ihm, in sein Haus unterhalb der Akropolis, dem Götterhügel. Konstantin Wecker erinnert sich an seinen Besuch bei ihm: "Ich durfte an seinem Flügel, bei geöffnetem Fenster, in seiner Wohnung ein Lied spielen und Theodorakis hat begeistert zugehört. Ich habe mir natürlich auch von ihm erzählen lassen, wie es war in den Zeiten, als er gegen den Faschismus gekämpft hat, und ich habe sein Aufrechtsein auch immer sehr bewundert."

Für Jahrzehnte Staatsfeind Nummer Eins

Als die Deutschen Griechenland besetzen, hört er in einem Kino Beethoven und beschließt Komponist zu werden. Aber vorher wird er Partisan, um die Besatzer aus dem Land zu jagen. Er kämpft im Bürgerkrieg, wird verhaftet, verbannt, gefoltert. Mehrmals ist er so gut wie tot. 1967 putscht das griechische Militär und erklärt Theodorakis zum Staatsfeind Nummer Eins. Sie fürchten die subversive Kraft seiner Musik und treiben ihn ins Exil. "In jenen dramatischen und tatsächlich extremen Momenten meines Lebens konnte ich die die Kunst, die Musik nutzen und diese Schläge in Kraft umsetzen", sagt Theodorakis in einem Interview Mitte der 1990er-Jahre.

Triumphale Rückkehr aus dem Exil

Mikis Theodorakis mit seinem Sohn George auf der Bühne im Panathinatiu Stadium 1976
Mikis Theodorakis mit seinem Sohn George auf der Bühne im Panathinatiu Stadium 1976 | Bild: IMAGO / ZUMA / Keystone

Theodorakis' Rückkehr nach Griechenland 1974 wird zum triumphalen Empfang. 80.000 feiern mit ihm im Fußballstadion von Piräus. Seine Musik hat ihnen durch die dunkle Zeit geholfen, jetzt wird sie zum Sound der neugewonnenen Freiheit. "Das war der absolute Höhepunkt meines Lebens", wird er später dazu sagen: "Einer dieser Momente, in denen man sagen möchte: 'Gott, jetzt kannst Du mich zu Dir holen.'"

Gott denkt gar nicht daran. Was soll dieser im Mann im Himmel, wo auf Erden so viel zu tun ist. Theodorakis mischt sich weiter ein, in die Politik seines Landes und die der Welt. Unverbesserlich glaubt er an "Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit". Musikerkollege Konstantin Wecker erkennt darin eine Sehnsucht "nach einem herrschaftsfreien Miteinander": "Niemand darf mehr den anderen beherrschen. Und Herrschaft hat was mit 'Herr' zu tun und Herrschaft hat was mit Patriarchat zu tun. Und ich glaube, die Musik lässt uns ahnen, dass es etwas jenseits des Patriarchats gibt, was sehr viel schöner ist."

Erfinder des Sirtaki

Mikis Theodorakis mit Schauspieler Anthony Quinn beim Konzert zum 70. Geburtstag in München
Mikis Theodorakis mit Schauspieler Anthony Quinn beim Konzert zum 70. Geburtstag in München | Bild: imago images / Michael Westermann

Der Sirtaki, von Theodorakis komponiert und unvergesslich von Anthony Quinn getanzt, ist Griechenlands heimliche Nationalhymne.

Ein bisschen ähnelt Theodorakis jenem Alexis Sorbas, der das Leben liebte, streitbar und unkonventionell war und dessen Kraft unerschöpflich schien. Jetzt hat Gott ihn tatsächlich zu sich geholt.

Seine Musik hat er uns gelassen.

Autorin: Gabriele Denecke 

Stand: 06.09.2021 11:01 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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