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Die israelische Musikerin Noga Erez – Herkunft als Politikum

PlayNoga Erez im Interview.
Die israelische Rapperin Noga Erez – Herkunft als Politikum | Video verfügbar bis 18.04.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Kein Ort mehr, an den ich noch gehen kann. Keine Zukunft, die auf mich wartet." Im Song "Bad Habits" zeichnet die Israelin Noga Erez ein zorniges Bild.Sie schrieb den Song mit dem Gefühl, ihre Welt gehe ihr immer mehr verloren. Wie Erez davon auf ihrem zweiten Album "Kids" singt, trifft den Nerv vieler junger Menschen in ihrer Heimat. Weltzorn mit wummerndem Beat.

"Ich bin schon wütend zur Welt gekommen"

"Schon als junges Mädchen konnte mich jede noch so kleine Ungerechtigkeit ewig umtreiben", verrät die 31-jährige Musikerin aus Tel Aviv. "Ich bin schon wütend zur Welt gekommen. Und ich fragte mich ständig: Wie kann die Welt so ungerecht sein? Da gab’s schon immer ’ne Menge Energie, die irgendwie raus musste und als ich endlich ein Ventil fand, das mir dabei half, war meine Familie ziemlich erleichtert."

Pop, Protest und Politik im Spannungsfeld Israels

Rapperin Noga Erez
Rapperin Noga Erez | Bild: ttt/ARD

Sie ist die musikalische Stimme einer neuen Generation: Liberal, aufgeklärt, selbstbewusst. Wenn Erez wie in "End of the Road" davon singt das Lebendigsein zu feiern, dann ist das kein hohles Pop-Klischee – kommt sie doch aus einem Land, das keine Ruhe findet. In Tel Aviv, wo Noga Erez lebt, liegt der letzte Terroranschlag mit Todesopfern vier Jahre zurück. Der Nahost-Konflikt ist Teil ihrer Realität. Eine Protestsängerin möchte sie trotzdem nicht sein.

"Immer wenn jemand meine Musik als politisch bezeichnet, ist mein erster Impuls zu sagen: Das stimmt nicht, sie erzählt vom Leben. Nur ist dieses Leben eben geprägt durch besondere politische und gesellschaftliche Umstände, durch die Dinge, die wir, unsere Eltern und Großeltern, erlebt haben. All das macht uns zu dem, was wir sind. Es ist Teil unserer DNA."

Ihre Themen findet Noga Erez im Spannungsfeld Israels. Provokant inszeniert sie sich im Video zum Lied "Balkada" mit einem jüdischen Gebetsriemen. Gerade das westlich säkular geprägte Tel Aviv gilt bei ultraorthodoxen Juden als Stadt der Sünde und steht im Kontrast zum religiös dominierten Jerusalem.

Partners in Crime – in der Musik wie im Leben

Erez erzählt von Gegensätzen. Ihre Songs schreibt sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Ori Rousso. Den Anfang macht dabei meist der Sound.

"Erst wenn die Musik steht, machen wir das Mikro an und beginnen mit Worten zu improvisieren. Aber auch wenn alles ganz intuitiv geschieht, wird am Ende doch ein Song mit einem Thema daraus. Und diese Themen entstehen vor allem im Austausch mit Ori – oft in sehr intimen Gesprächen. Ein Vorteil, wenn man nicht nur die Musik, sondern auch das Leben miteinander teilt. Diese Zusammenarbeit ist ein wichtiger Teil meiner Identität als Künstlerin."

"Wir sind nicht bereit für eine heile Welt"

Als Corona auch in Israel das öffentliche Leben lahmlegt, wagen Erez und Rousso ein Gedankenexperiment: Eine Welt im Stillstand, das wäre auch eine Welt ohne Hiobsbotschaften, ohne Katastrophen. Ohne schlechte Neuigkeiten.

Das ernüchternde Fazit: Die Menschen würden sich wahrscheinlich zu Tode langweilen. "All die Konflikte, all die Gewalt sind ja Teil unser aller Leben", sagt die Musikerin. "Für einen Moment habe ich mir erlaubt, sehr unschuldig und kindlich zu sein und mir vorzustellen, dass es das einfach nicht mehr geben würde. Doch je länger ich darüber nachdachte, umso klarer wurde mir: Wir sind darauf gar nicht vorbereitet. Wir sind nicht bereit für eine heile Welt."

Musik als Friedensbotschaft?

2018 schicken Palästinenser aus dem Gazastreifen Papierdrachen mit Brandsätzen nach Israel. Die Anschläge veranlassen die Sängerin zum Song "Fire Kites" – "Feuerdrachen". Darin erzählt sie, wie der Krieg genauso zum Erwachsenwerden junger Frauen gehört wie der erste Sex. "Wir brauchen keine Bomben", singt sie aus der Perspektive des vermeintlichen Feindes. "Wir haben Feuerdrachen."

Auf die Frage, ob ihre Musik den Frieden bringen könne, antwortet Noga Erez, das glaube sie allerdings nicht. "Musik ist etwas Wunderbares. Sie ist wie eine Religion für mich. Ich glaube an den Gott der Musik. Aber sie hat nicht die Kraft, die Realität zu verändern. Auch wenn sich mancher jetzt wahrscheinlich furchtbar aufregen wird. Was Musik aber kann, ist von Erfahrungen und Gefühlen erzählen und den Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind mit dem, was sie durchstehen müssen. Vielleicht irre ich mich. Ich glaub nicht."

Autor: Marcus Fitsch

Noga Erez "KIDS"
City Slang

Stand: 20.04.2021 14:02 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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